Monatsarchiv: Februar 2008

UN-conditional Love?

Nun ist es wieder ein paar Tage her, dass ich geschrieben habe. Fast schon zu viel ist passiert, um es jetzt noch zusammenfassen zu können – gleichzeitig aber zu relevante Dinge, um es nicht zu tun. Die letzten Tage habe ich vornehmlich damit verbracht, mir etwas mehr Kontakte aufzubauen, unter anderem auch, um etwas rauszukommen aus dem mittlerweile doch tristen Büro-Alltag. Ich bin ja schließlich nicht an‘s Ende der Welt gefahren, um 8 Stunden am Tag meinen Laptop zu massieren.

Zum Mittagessen habe ich deshalb am Dienstag den Sudanesen wiedergetroffen, Cheflogistiker beim UN Office in Sierra Leone. Zunächst mal, weil er nett ist und zweitens, weil ich ohnehin gerne Kontakt zum UN Office vor Ort aufbauen wollte – unter anderem auch, um einfach mal zu sehen, wie diese „Missionen“ vor Ort denn nun genau aussehen.

Ich komme also bei Tor 1 des riesigen UN-Compounds an. Da ich mit den Sicherheitsleuten in New York immer gut zurecht gekommen bin und die UN-Security meiner Erfahrung nach ungefähr so gut aufgestellt ist wie der Hausmeister meiner Grundschule, mache ich mir keine großen Sorgen. Ich wedele einfach mit der Visitenkarte von Habibi, dem Sudanesen – und schon wenig später werde ich am Tor von ihm abgeholt.

Wir planen, in die Mitarbeiterkantine zu gehen, allerdings erst in ein paar Minuten, denn Habibi hat noch Arbeit. Ich sitze also in seinem Office und sauge die Stimmung ein. Lustige Fotos hängen an der Wand: Habibi und der Weihnachtsmann im sonnigen Freetown, Habibi und ein paar Mädels, Habibi im Sudan. Daneben eine Karte seiner Heimat, gemalt auf Leder, einschließlich der verschiedenen Volksgruppen. Stolz erklärt er mir, dass er weder zu den Jungs im Norden, noch zu den Fur im Westen oder zum Süden gehört. „I am from the golden middle“.

Ich erinnere mich, dass ich noch vor gut 3 Jahren nicht mal genau wusste, dass der Sudan überhaupt existiert. Nur durch den Darfur-Konflikt ist das Land wirklich in die Schlagzeilen geraten. Traurig eigentlich – aber immerhin: Es gibt immer wieder Menschen wie Habibi, die es vom vermeintlichen „Ende der Welt“ aus schaffen, sich im UN-System hochzuarbeiten…

Kuwait, Somalia… verrückte Sachen hat Habibi schon erlebt, aber seine Heimat hat er nicht vergessen. Vielleicht schon in ein, zwei Wochen geht es für ihn nach Chad, wo die Rebellen erst vor wenigen Tagen die Regierung ernsthaft in Bedrängnis gebracht haben und internationale NGO-Mitarbeiter massenweise evakuiert werden mussten. Warum er sich ausgerechnet dort bewirbt? „Well, you know, it‘s closer to Sudan, my home.” Plain and simple.

Wir trinken einen italienischen Espresso, so richtig guten, handgemacht mit dem kleinen Kaffeekocher aus Italien. Neben der Felderfahrung war Habibi nämlich auch etliche Jahre dort, im Logistik-Zentrum der Vereinten Nationen. Auf mein fragendes Gesicht hin erklärt er mir, dass Italien transporttechnisch betrachtet den Mittelpunkt der Welt, oder sagen wir, der UN-relevanten Welt darstellt. Nun, so gesehen hat Cäsar wenigstens post-mortem von einer internationalen Vereinigung ein bisschen Anerkennung bekommen. Deutschland hat wohl auch versucht, den Zuschlag zu bekommen…aber mit Jakobs-Aroma gegen Lavazza… is schon schwer 🙂

Wenig später brechen wir dann auf, in Richtung Kantine. Das UN-Gelände ist eigentlich eine alte Hotel-Anlage. Auf dem Weg sehen wir einen verrotteten Tennisplatz und einen leeren Swimmingpool. Teilweise wohnen hier auch die UN-Mitarbeiter, in den einstigen Hotel-Zimmern. Alles mit Meerblick. Für Flüge zum Flughafen hat die UN ihre eigenen Helikopter, für steuerfreies Einkaufen gibt es ein so genanntes „PX“, das steht für Price Exchange. Lässt sich aushalten, das Leben hier.

Eigentlich habe ich nur einen Grounds-Pass bekommen, darf mich also gar nicht in den entsprechenden Bereich hinein bewegen. Aber wie schon gesagt, die Security hier ist schon lange aus dem „High Alert Status“ raus. Meinen Ausweis drehe ich einfach um, Habibi verwickelt jeden Wächter in ein bisschen Smalltalk und voilà: Schon sitzen wir vor Reis und „smoked Chicken“.

Bald stößt ein Freund von Habibi dazu, ein UN Volunteer aus Holland. Sein Name ist vielversprechend und klingt eigentlich nicht so sehr nach friedliebendem UN-Mitarbeiter: „Harm“ heißt der Gute. Das Thema unseres Lunch-Talks passt ebenfalls gut dazu: „Does the international community cause more harm than good?“ Ein großes Themenfeld. Eigentlich viel zu groß, um es hier angemessen zu beschreiben. Als ich Harm und Habibi jedoch frage, was GENAU eigentlich das so genannte „Integrated Office of the UN“ für die Menschen in Sierra Leone tut, zucken beide synchron mit den Schultern. Das genügt mir als Antwort.

Eigentlich möchte ich nach meiner Rückkehr meine Magisterarbeit zum Thema Organisationslernen in der UNO vervollständigen. Ermutigend ist das traurige Bild vor Ort leider nicht gerade. So setzt es sich denn auch die nächsten Tage fort – und beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die UN, sondern erstreckt sich über das gesamte Feld der NGOs und so genannten UN-Agencies wie UNDP und UNICEF.

Am Donnerstag treffe ich einen befreundeten JPO, also einen so genannten Junior Professional Officer vom UNDP zum Lunch beim Libanesen. Yui kommt aus Japan, hat in den USA studiert, ein paar Jahre mit Stahl gehandelt, dann seinen Master gemacht und ist nun hier gelandet, in West-Afrika. Spannender Kerl. Wir unterhalten uns kurz, tauschen die wesentlichen Basics unseres jeweiligen Karrierepfades aus und…“schwuppdiwupp“ kann ich mir doch wieder die alles entscheidende Frage nicht verkneifen: „Bist du zufrieden mit dem, was du tust? Glaubst du, etwas zu bewirken?“. Yui antwortet in japanisch-diplomatischem Stil. Ja, eine Herausforderung sei es schon, sich auf die langsam mahlenden Mühlen des UN-Systems einzustellen. Insbesondere in Afrika.

Naja, immerhin wird man bei der UN dafür entschädigt – und das nicht zu knapp. Noch zahlen sie sogar einen Sondergefahren-Zuschlag, obwohl Sierra Leone schon lange aus der Konfliktphase raus ist. Ich schüttele innerlich den Kopf über diese Systemfehler, freue mich aber über das schöne Mittagessen und den netten Kontakt. Immerhin weiß Yui eine pragmatische Antwort auf meine Frage, was das Integrated Office denn nun genau macht: „Well, without them we would have no helicopters!“ Gut, verstehe.

Am Abend dann steht mein erster richtiger deutscher Abend auf dem Programm. Ich freue mich irgendwie, da ich endlich mal wieder Deutsch sprechen kann – ach, und Würstchen und Becks gibt es auch. Die Party findet im Strandhaus meines Bekannten Matin statt. So ziemlich jeder Deutsche in Sierra Leone kommt vorbei. Darunter Generatoren-Ingenieure, THW, Welthungerhilfe, GTZ-Praktikanten, UN-Mitarbeiter und andere gestrandete Seelen.

Ich führe einige interessante Gespräche, komme kaum zum Essen, und tausche ein paar Nummern. Es ist das übliche Networking-Programm. Eine GTZ-Praktikantin prahlt, dass sie schon das zweite Mal da ist, weil sie sich so geschickt angestellt hat. Und von ihrer umfangreichen finanziellen Entschädigung. Huch, da ist es wieder, dieses Gefühl, nirgends so richtig dazu zu gehören. Man wird abgecheckt, einmal durch den Lebenslauf-Scanner gezogen und danach mit seinem inzwischen lauwarmen Bier stehen gelassen.

Mich interessiert heute Abend, woran es im System hapert – und vor allem, wie andere Menschen damit umgehen, ständig unterwegs zu sein, von Land zu Land und Workshop zu Workshop. Ich befinde mich in der Zwickmühle: Wenn ich Kritik üben will, greife ich das Innerste dieser Menschen an. Sie identifizieren sich nicht nur mit dem System, sie sind Teil davon. Sie haben selbst vielleicht alles versucht und inzwischen einfach aufgegeben.

Wenn ich dazu gehören will, muss ich jedoch lügen, übertreiben und Honig um Bärte schmieren. Das aber wäre für mich „more harm than good“.

Was mich am meisten freut, sind derweil meine Gastgeschwister daheim. Die stellen keine Fragen nach meinem Lebenslauf, sondern lernen im Dunkeln Mathe, um danach mit mir Jackie Chan zu imitieren. Und sie lieben sich gegenseitig, ganz ohne Bedingungen. Und ich sie auch.

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Schweröl und Wein.

Auf dem Nachhauseweg habe ich mir gestern eine gute Flasche Wein mitgenommen, einen richtig schönen Roten, für 15.000 Leones, umgerechnet also ein bisschen mehr als 3 Euro. Den Tipp hatte ich von Glenn bekommen, meinem kanadischen Kollegen. Glenn ist eher ein Eigenbrötler, der sich nach Feierabend und am Wochenende meist mit einer Flasche Wein und einem guten Buch beschäftigt. Ich habe anderes im Sinn, denn allzu viel trinken darf ich mit meinem Breitband-Antibiotikum leider eh nicht – aber dazu später mehr.

Heute beschäftigt mich erstmal ein ganz anderes Thema, nämlich das der Umwelt. In Malama und auch sonst in Sierra Leone gibt es am Rand der meisten Straßen kleine Bäche. Dort verlaufen nicht nur Wasserrohre, sondern auch die Abfall-Infrastruktur der ganzen Gegend. Die Wasserrohre sind meist aufgeschnitten, da die Bewohner hier sonst hunderte von Metern zum einzigen Wasserhahn der Gemeinde laufen müssten. So stehlen sich letztlich die meisten ihr Wasser – das ergibt auch die Studie, die wir neulich noch bei Oxfam ausgewertet haben.

Aber zurück zum Abfall. Was mich wirklich erschreckt, ist die Farbe der kleinen Bäche… tief grün – und doch irgendwie bunt, eine Mischung aus Schweröl, Dosen, Resten von Trinkwasser-Tüten, ausgesaugten Orangenhülsen. Was darin noch alles so umher schwimmt, habe ich am Sonntag lernen können, als ich sah, wie eine Mutter ihrem Sohn zumindest unten herum aus dem Kirchen-Anzug half, um ihn in den kleinen Bach pieseln zu lassen. Ich erinnere mich an all die Orangen und Brote, die ich schon am Straßenrand gekauft habe und stelle mir kurz vor, was ich da wohl so alles mitgegessen habe.

Zum Glück werde ich von einem anderen Ereignis von diesem ekligen Gedanken abgelenkt. Eine junge Dame erkennt mich wieder – ich hatte vor einigen Tagen bei ihr eine DVD für meine Gastbrüder gekauft. „Hey, kam here! Me na just komin from taun!“ Sie hat neue DVDs mitgebracht und will gern die gute Kundenbeziehung pflegen.

Allerdings redet ein junger Mann von nebenan dazwischen. Statt Angelina Jolie und Jackie Chan empfiehlt er mir heute die Pornos im Sortiment. Schön zusammengebrannt für den weißen Mann. Von Pamela Anderson über die Girls von FHM bis hin zur Playboy Collection, gibt‘s hier alles, was der weiße Schw…, äh, verzeihung, das Herz vermeintlich begehrt.

„Yu leik it?“. Na, na, na, denke ich mir und frage zurück: „No no mai frend! Yu leik it! I can see it in yu eyes!“… Bei dem Späßchen belasse ich es dann auch und verabschiede mich höflich, aber bestimmt.

Das nächste Ereignis lässt aber wie gewohnt nicht lange auf sich warten. Am Straßenrand warten nämlich nicht nur DVDs, Brot und Orangen, sondern auch Affen. Zumindest heute. Ein junger Straßenjunge hat einen Affen dabei, an der Leine. Er spielt mit ihm, richtig süß.

Als ich den Jungen darauf anspreche, bietet er mir den Affen kurzerhand zum Verkauf: „20.000 Leones!“… ich schmunzle und sage: „Na, ich bin sicher du willst deinen Affen behalten?“. „Keine Sorge, ich habe zwei davon!“. Die Versuchung ist schon groß, schließlich kann man nicht jeden Tag einen Vorfahren für 5 Euro kaufen. Aber wohin nur mit dem kleinen Teufel? Schade, dass ich nicht wenigstens meine Kamera dabei habe.

Daheim angekommen frage ich Arnold, ob er gern Wein trinkt. Arnold ist mein Bettnachbar. Dass er so heißt, weiß ich auch erst seit heute. Man kann sich ja nicht alles merken. Aber gut, Hauptsache, er freut sich über den Wein. Schließlich muss er mich jede Nacht in seinem Bett dulden – und am Sonntag habe ich ihn dann auch noch mit seiner (oder einer seiner…) Freundin(nen) erwischt. Ich dachte, er hätte nur mein Klopfen nicht gehört. Beim zweiten Klopfen machte er dann sofort auf, die Bluse der jungen Dame war noch nicht zu. Aber auch das ist ja nichts wirklich Neues. Mama Africa sitzt manchmal mit heraushängendem Busen auf der Terrasse. Warum genau, weiß ich nicht, aber um den schönen Teint geht es hier jedenfalls nicht, so viel ist mal klar :=)

Apropos Teint… braun geworden bin ich bisher nur mäßig. Meist benutze ich noch Faktor 50 Sonnen-Creme und in die pralle Sonne lege ich mich schon erst gar nicht. Vielleicht komme ich mir aber auch nur so weiß vor, weil hier alle dunkler sind als ich, egal, wie sehr ich mich anstrenge. An einer Stelle bin ich dann aber doch so richtig schwarz, nämlich in der Ellenbogen-Falte. Dort sammelt sich der ganze Dreck und Diesel der Straße.

Wenn ich das sehe, denke ich immer an diese ganzen Klima-Konferenzen, in New York und auf Bali… und die Rolle der Entwicklungsländer beim Umwelt-Schonen. Aber wie sollen die das anstellen? Selbst der Strom, der scheinbar aus der Steckdose kommt, basiert hier auf Tausenden Liter Diesel und Hunderten Generatoren. Ein Wasserkraftwerk wäre hier vielleicht eine Lösung. Oder Solarzellen. Aber das braucht Zeit – und jede Menge Geld.

Immerhin: Mein Freund Martin vom THW macht einen Anfang – in einem kleinen Dorf seiner Wahl leitet er gemeinsam mit dem Chief des Dorfes ein Reformprojekt. Bald, so sagt er, werden dort Ziegel selbst hergestellt und Solarzellen werden zwei Energiesparlampen pro Haushalt versorgen. Außerdem gibt es ein mobiles Krankenhaus in einem alten Bus. Startgelder und Geschenke (wie eben jenen Bus) sammelt er mit Hilfe seiner über die Jahre aufgebauten Kontakte.

Durch das Einkommen der produzierten Waren, die gemeinsam zum Markt gefahren und dort abgesetzt werden, finanziert sich die Idee letztlich von selbst. Martin hilft beim Schreiben des Businessplans. Es wird dauern. Aber wenn es funktioniert, kann es ein Vorbild sein für andere Dörfer. Vorbei an NGO-Programmen, Weltbank-Auflagen und Regierungskorruption – einfach machen und Taten für sich sprechen lassen.

Am nächsten Morgen sitze ich nachdenklich im Taxi, als der Taxifahrer plötzlich seine 7-järhige Beifahrerin anmacht. „Hey, yu have 2000?“. Die Fahrt kostet 2000, die Kleine hat nur 5000 und der Fahrer kein Wechselgeld. Für Kompromisse haben die Transportunternehmer hier keine Zeit. Also fährt er rechts ran und ist drauf und dran, sie rauszuschmeißen – auf dem halben Weg zur Schule. Draußen warten schon die nächsten Passagiere wie die Geier auf eine Gelegenheit zum Mitfahren.

Ich lenke ein und sage: „Hey, no no. Let her stay. Me pay for us both!“. Der Fahrer versteht und fährt weiter. Über den Rückspiegel wirft mir das Mädchen ein Lächeln zu. Das ist alles, was ich brauche, für diesen Tag.

Auf dem Weg zum Büro stelle ich mir bildhaft eine Anzeige von World Vision vor: „Schenken Sie einem Kind den Weg zur Schule. Für nur 50 Cent am Tag sind Sie dabei.“ Ich muss lachen und freue mich, auch ganz ohne Wein.

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25% sind um. Zwischenbilanz.

Gute zwei Wochen bin ich nun schon hier, rund ein Viertel ist also rum. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was ziehe ich für Schlüsse, was für Konsequenzen? Welche Rolle nimmt diese Erfahrung in meinem Leben ein?

Diese und andere Überlegungen lassen sich gut am vergangenen Wochenende veranschaulichen, denn obwohl nicht viel „Greifbares“ passiert ist, hat sich der Verdauungsprozess der Erfahrungen hier deshalb nicht verlangsamt. Im Gegenteil.

Womit beginnt das Wochenende im Regelfall? Genau, mit dem Freitag… Also los.

Für den Freitagabend war ich zu einem deutschen Abschiedsabend geladen. Ein Journalist aus Oxford, der hier gerade freiberuflich für Oxfam eine Fotoreportage macht, hatte mich freundlicherweise eingeladen, damit ich endlich mal Anschluss an die deutschen Kollegen hier bekommen würde.

Bei „Alex“ sollte das Ganze stattfinden. So hieß der deutsche Journalist, der nun nach sechs Wochen Freetown wieder seine Heimreise antreten würde. Doof nur, dass ich keine Ahnung hatte, wo Alex denn nun wohnte.

Ich sitze also im Taxi und versuche, den Weg zu diesem Alex zu finden. Der englische Journalist beruhigt mich am Telefon und sagt, ich solle einfach den Fahrer fragen. Und Tatsache, der Fahrer weiß, wo „Alex‘s Place” ist. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass es sich dabei nicht um Alex privates Apartment, sondern um ein Restaurant handelt, dass zufälligerweise auch Alex’s heißt. Na dann ist ja alles klar.

Auf dem Weg hinein fragt mich eine junge Dame, ob sie mich begleiten darf. Ich lehne höflich ab. Selbst wenn ich gewollt hätte, würde mein Bargeld nicht reichen. Ich war ja nur auf eine private Party vorbereitet. Nun muss ich tief in die Tasche greifen, fürchte ich. Aber in der Tat zahle ich trotz der netten Atmosphäre und europäisch-amerikanischem Essen nur 7 Euro. Sieben Euro für zwei Bier und einen guten Burger namens „Big Al“. Cool.

Was weniger cool ist, ist der verkrampfte Start in den Smalltalk an diesem Abend. Endlich treffe ich mal deutsche Leidensgenossen, die mir vielleicht ein paar Tipps zum Thema „Verdauung von Cassava-Leaf bei gleichzeitiger Vermeidung von Sonnenbrand“ geben könnten. Und dann sowas.

Die netteste Unterhaltung führe ich mit einem UN-Veteranen aus dem Sudan, der den Angriff der Irakis auf Kuwait und das Chaos in Somalia miterlebt hat. Und eben mit jenem Briten, der mich ursprünglich eingeladen hatte. Nein, denke ich, so vermisse ich Deutschland nun wahrlich nicht. Jeder Versuch, sich über persönliche Motive und Hintergründe des Auslandsaufenthaltes auszutauschen, endet in Angeberei und Schw…vergleich. „Ich bin schon ein Jahr in Sierra Leone“… , „Ich hab ja in Genf studiert“… „ich war schon in so und so viel Ländern“… „am besten, du fängst bei kleinen NGOs an und gehst dann zur UN“…. „und du? Was hast du so gemacht?“. Ätzend. Ich langweile mich.

Fazit No. 1: Arbeiten im Feld bedeutet jedes Mal auch, neue Freunde finden zu müssen. Da das für alle gilt, die im Feld arbeiten und es Dauer weh tut, sich ständig zu verabschieden, legen sich die meisten nach einer Weile eine emotionale Schutzhülle zu. Über allzu Persönliches wird meist gar nicht mehr gesprochen, mit dem Alleinsein muss man sich wohl oder übel anfreunden. Oder man hält sich an die Freunde zu Hause. Was soll das auch mit den Freundschaften? In drei Monaten ist man ja eh wieder woanders. Oder der andere ist weg. Oder beide.

Vielleicht, grüble ich, dauert es auch einfach etwas, bis man sich hier einlebt und das Mauern ein Ende nimmt. Eigentlich bin ich ein geselliger Mensch und finde schnell Anschluss. Aber an diesem Abend vergeht mir die Lust.

Bei der Suche nach einem Taxi zur Heimkehr zeigen sich die deutschen Kollegen dann wieder fürsorglich. Keiner der Taxifahrer will mich mitten in der Nacht noch nach Malama fahren. Zu weit, zu dunkel, zu wenig Geld. Irgendeinen Grund findet jeder von den Fahrern, die um 2 Uhr nachts noch rumstehen.

Nach einer halben Stunde Verhandeln finden wir dann doch noch einen Fahrer. Alex gibt mir demonstrativ seine Nummer, damit ich ihn kurz informiere, sobald ich gut angekommen bin. So kriegt auch der Fahrer mit, dass sich jemand Sorgen macht, sollte er mich entführen. An diesem Abend läuft aber alles gut, zumindest mit der Heimkehr.

Zu Hause fallen mich dann die Hunde an. Ich vermute mal, dass ich nach zwei Bier einfach anders rieche. Oder sie haben ab zwei Uhr nachts ihren Alarmmodus an. Keine Ahnung. Immerhin hört mein Bettnachbar so, dass ich da bin – und öffnet die Tür. Ich schlafe schnell ein.

Der Samstag verläuft ruhig. Eigentlich wollte ich heute mit meinem Boss und Alhagi an den River Nr. 2 fahren, einen der schönsten und weißesten Strände Afrikas. Daraus wird aber nichts. Muhamed sagt ab, also haben wir kein Auto. Alhagi hat auch anderes vor. Ich laufe allein an den Strand von Lumley, bestelle mir in der Bunker Beach Bar ein Malzbier und genieße die Sonne.

Aber ich bin auch einsam. Mit Musik im Ohr gehe ich in mich, den ganzen Tag. Ein guter Platz zum einsam sein, denke ich. Die Sierra Leoner am Strand sehen das anders. Jede Minute quatscht mich einer an, obwohl ich demonstrativ die Stöpsel im Ohr habe. „Hey, waz ya name?“…“Hey, Mr. Where yu from?“…

Als ich mich beim vierten Belagerer einfach genervt wegdrehe, wird der richtig ernst: „Hey you! I want to be your friend! Talk to me! I like you, okay?”. Ich will heute in Ruhe über Freundschaften und den Smalltalk vom Vorabend nachdenken. Und ausgerechnet dann bietet mir einer nach dem anderen seine Instant-Freundschaft an. Ist ja lieb gemeint, aber heute bin ich echt nicht in der Stimmung. Ich werfe mich in die hohen Wellen, lasse mich umwerfen, davon spülen und genieße das Salz auf den Lippen.

Komisch, denke ich. Für mich bedeutet das Meer hier die unendliche Freiheit, der Blick in die Ferne, die Sehnsucht nach Weite. Für jene, die hier wohnen und ihr Land vermutlich nie werden verlassen können, ist es eine Grenze, eine Mauer, die sie nicht besiegen können, die Schlucht, die sie trennt von der Welt da draußen. Vielleicht sehe ich heute auch alles zu dunkel.

Dennoch ist was Wahres dran an dem Gedanken. All das, was wir als Westies hier exotisch finden, all jenes, was uns für 2 Monate den vermeintlichen Ruhm eines Indiana Jones verspricht…all das ist für die Menschen hier bitterer Alltag – ohne Alternative.

Zwei Monate ohne Strom und fließend Wasser, zwei Monate mit Ratten, Malaria und ohne Schule… das klingt vielleicht als Eintrag in meinem Blog oder als Kolumne im Spiegel aufregend. Aber auch nur, wenn man beim Lesen einen Cappuccino im warmen Sessel seines Stammcafés schlürfen kann.

Oder wie in meinem Fall: Wenn man mit diesen Geschichten nach Hause kann, um dort seinen Freunden davon zu berichten. Wenn man sein Leben lang keine echte Alternative hat, ist das nicht interessant oder aufregend – sondern schlicht und einfach zum Kot….

Fazit No. 2: Diese zwei Monate sind in jedem Fall eine wertvolle Erfahrung, selbst, wenn sie mir etwas ganz anderes lehren als ich vor Antritt der Reise erwartet hätte. ´

Das bestätigt sich auch am Sonntag. Ich bleibe zwar den ganzen Tag zu Hause, bekomme aber dennoch so einiges mit. Als ich es mir auf der Veranda gemütlich mache, wird im Nachbarhaus der Sohn geprügelt. Mit der Mutter wird nicht diskutiert. Bei Meinungsverschiedenheiten wird spürbar deutlich, wer hier das Sagen hat.

Als ich verstört rüber blicke und überlege, wie ich mich verhalten soll, fragt mich Mama Africa, ob wir das etwa anders handhaben würden, daheim, in Europa. „Ja…eigentlich schon…“ zögere ich… „How about school?“, hakt sie nach….“Don’t even de teachers beat the kids?”…. “No!!!”, protestiere ich und lasse mein Unverständnis kopfschüttelnd an ihr aus. „In Europe, a teacher is fired when he beats a kid!”.

Wenn Kinder geschlagen werden, um eine Diskussion wirkungsvoll zu unterbinden, dann ist es ein weiter, weiter Weg zu eigenen Gedanken und demokratischen Strukturen. Das ist Fazit No.3. Und dabei belasse ich es mal, für dieses Wochenende. 🙂

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In’s Gewissen gebissen

Der gestrige Tag war nach langsamem Start dann doch noch nervenaufreibend, sprich: blogreif. Fangen wir also vorn an. Ich befinde mich, wie jeden Morgen (aber das wisst Ihr inzwischen ja) auf dem Weg zum „Lumley Roundabout“, also dem Weg von Malama zu dem Punkt, wo die ersten Taxis losfahren. Ich laufe also wie immer die staubige Schlaglochwüste hinunter und fühle mich inzwischen schon so gut eingelebt, dass davon auch keine besondere Herausforderung mehr ausgeht. Meine ich.

Bis plötzlich jemand an einem der vielen Riemen meines Rucksacks zieht. Verwirrt drehe ich mich um und stelle erleichtert fest, dass es sich um einen Freund von Ahmed, einem meiner Gastbrüder handelt. Also alles in Ordnung. Ich stelle aber ebenso fest, dass ich vollkommen überfordert gewesen wäre, wenn tatsächlich jemand versucht hätte, mir meine Tasche zu entreißen. Nach einer kurzen Konversation mit Albert lande ich dann, wie gehabt, im Taxi.

„Ich kenn dich“, sagt der Fahrer. Aber nicht auf nette Art, sondern mehr so im Ton eines aggressiven Türken auf dem Kiez nach dem Schema „Icsh weiß wo du wohnst, Alter“. So jedenfalls hört es sich für mich an. Nach dem Rucksack-Erlebnis bin ich vielleicht auch einfach leicht angeschlagen.

Tatsächlich, der Fahrer kennt mich. Er hatte mich schon einmal gefahren, ein paar Tage vorher. Also alles im Lot. Mengenrabatt darf ich deshalb aber nicht erwarten. Im Gegenteil: Der Kerl ist mit allen Wassern gewaschen (woher das Wasser hier kommt, hatte ich ja bereits erläutert). Weiße NGO-Trucks überholt er einfach rechts, Anweisungen von Verkehrspolizisten lassen ihn ohnehin kalt. Und wenn einer meint, über den Fahrpreis verhandeln zu müssen, fährt er rechts ran und wirft ihn raus, auch für umgerechnet 20 Cent. Aber gut, so komme ich wenigstens pünktlich.

Auf dem Weg entdecke ich Nähe Wilberforce bei einer der Schulen ein weißes Schulkind, so in etwa 8 Jahre alt. Ich wundere mich, ist es doch das allererste weiße Kind, das ich während meiner zwei Wochen hier sehe. Ich frage mich, wie es hier wohl gelandet ist und wie es ist, als einziges weißes Kind mit all den Sierra Leonischen Kindern zur Schule zu gehen. Meine Fragen beantwortet das Kind dann selbst. Als wir vorbeifahren, dreht es sich zu mir und ich merke schnell: Es ist eigentlich nicht weiß, sondern schwarz.

Aber Albino. Soll heißen: „Afrikanische Lippen“, „afrikanische Kopfform“, aber „weiße“ Haut und rötliche Augen. Für mich ein weiterer Beleg dafür, wie verrückt unsere Einteilung in schwarz und weiß eigentlich ohnehin ist. Schon allein beim Beschreiben dieser Situation komme ich mir vor wie ein Rassist, weiß aber nicht, wie ich es anders in Worte fassen soll, ohne diese „Farbworte“ zu verwenden. Ich hoffe, ich werde nicht missverstanden.

Bei der Arbeit kann ich heute eine ruhige Kugel schieben, denn die Umfrage-Analyse über die Wassernutzung haben wir den Tag zuvor endlich abgeschlossen. Das ganze Büro ist heute bei einem Workshop über Gender-Fragen, es ist also totenstill. Ich nutze die Zeit für meine Uni-Bewerbungen. Muhamed ist heute auch müde. Wir planen also, früher zu gehen, gemeinsam auf ein Bier. Daraus wird aber zunächst nichts, denn der einzig verbliebende Truck springt nicht an. Ich warte in etwa eine Stunde, lese eines meiner Bücher mit Musik im Ohr und Ausblick aufs Meer.

Danach verwickelt mich einer der Sicherheitsleute in ein Gespräch. Wie lange ich hier bleibe, was ich hier genau mache, woher ich komme – das Übliche eben. Ich frage genauso „üblich“ zurück. Was ich höre, überrascht mich dann aber doch. Seit 2,5 Jahren arbeitet er für die Firma, die hier für die Sicherheit verantwortlich ist, 12 Stunden am Tag. Davor hat er 2 Jahre für eine andere Firma gearbeitet. „Die haben zu wenig gezahlt“, sagt er. Ob er denn nun mehr bekommt, frage ich. „60% mehr“, sagt er! Wow, denke ich. Bis ich höre, dass es sich um 80 Dollar im Monat handelt. Vorher waren es also 50 Dollar. Das ist selbst für Sierra Leone wenig.

Ben hatte mir vor ein paar Tagen erzählt, dass sein englischer Boss bei einem der NGO-Jobs rund das 50fache von ihm als „Local“ verdiente und deshalb stets ein schlechtes Gewissen hatte. „Weißt du“, sagte er, „das ist schon okay. Schließlich könntet ihr in Deutschland oder England ja auch ganz andere Summen verdienen, wenn Ihr Euch nicht gerade für die Arbeit in der dritten Welt entschließen würdet.“ Da ist was dran. Fühlt sich trotzdem nicht gut an.

Nach dem Gespräch laufen Muhamed und ich dann zum örtlichen Krankenhaus, wo unsere Kollegin, ich nenne sie hier mal „Fatmata“, sich Sorgen um ihren Bruder macht. Eigentlich kommen wir nur, um ein anderes Auto dort abzuholen. Aber wir wollen natürlich auch kurz Beistand leisten – soweit wir das überhaupt können.

Im Krankenhaus gibt es zu diesem Zeitpunkt kein Licht. Fatmata freut sich dennoch, uns zu sehen. Ich lächle beschämt, denn irgendwie ist es ja kein Anlass zum Lächeln. Aber aufbauen möchte man sie ja dennoch. Ich halte mich also einfach zurück, senke meinen Kopf zu Boden, und warte was passiert. Dann geht Fatmata in den Flur, um ihren Bruder noch einmal zu sehen. Muhamed ermutigt mich mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. Ich bleibe in der Tür zum Krankenzimmer stehen, kann aber hören, wie schwer er atmet. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht schreiben, denn das geht wohl niemanden etwas an.

Der Putz kommt von den Wänden. Wir stehen im Flur und reden über das Alltagsgeschäft im Büro, um Fatmata etwas abzulenken. Ich kann weder zur Situation ihres Bruders, noch zum Bürotalk viel beisteuern, also schweige ich und höre einfach zu. Unter einer Türritze zischen zwei Mäuse hervor und laufen den Flur entlang.

Dann geht das Licht an. Zwei Krankenschwestern leisten den Mäusen Gesellschaft. Sie laufen ebenfalls den Flur hinunter, zum Zimmer von Fatmatas Bruder. Irgendwas läuft hier schief, denke ich. Insgesamt kann man das wohl auch so stehen lassen. In dieser Situation aber ist alles den Umständen entsprechend in Ordnung. In einer Flasche Wasser rühren die Krankenschwestern etwas an, was genau, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Situation zum Verzweifeln ist. Nicht nur hier und heute, aber überall in Sierra Leone.

Auf der Straße werden Medikamente ohne Verpackung und Beipackzettel verkauft. Meist handelt es sich um nichts weiter als abgelaufene Vitamintabletten. Neulich brachte eine Nachbarin ihr krankes Baby vorbei, als wir alle auf der Veranda in Malama saßen. Zur Behandlung halfen dann alle mit. Einer hielt die Arme fest, ein anderer die Beine, ein Dritter öffnete den Mund, während die Mutter einen Vitaminsaft einflößte. Welche Krankheit man damit genau heilen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es vermittelt wenigstens das Gefühl, etwas getan zu haben, auch wenn das Baby erstmal furchtbar geweint hat.

So muss ich vermutlich auch meine Rolle als Praktikant von Oxfam einschätzen. Ich bewirke wahrlich nicht viel. Ich verdiene mit meiner bescheidenen Anwesenheit mehr als der Sicherheitschef mit 12 Stunden Arbeit am Tag.

Aber ich habe wenigstens das Gefühl, etwas getan…oder, sagen wir: Es versucht zu haben.

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Und, wie halten wir’s mit der Religion?

Die letzten Tage sind vergleichsweise ruhig verlaufen – soweit man das von Malama und Freetown überhaupt behaupten kann, denn richtig ruhig ist es eigentlich nie, egal ob auf der Straße, zu Hause oder im Büro. Sierra Leoner debattieren einfach gerne. Obwohl der Begriff „Palavern“ es vielleicht besser trifft, denn auf inhaltliche Stringenz und den Austausch von sachlichen Argumenten kommt es weniger an, als auf den Genuss von Geselligkeit.

So langsam schnappe ich auch vereinzelt Wörter in Krio auf. Mein Lieblings-Ausdruck ist unter anderem „Eeeee booh?“. Das kann man universell einsetzen, wenn man fragen will, was los ist, oder einfach nur, weil einem nichts Besseres einfällt. So geht es mir meistens. Immerhin gewinnt man dann Sympathien, weil manch einer denkt, man könne ihre Sprache sprechen. Ich habe keine Ahnung, wie man das wirklich schreibt, aber ausgesprochen wird es in etwa so. Und das ist bei der hohen Analphabeten-Rate hier ja das Entscheidende.

Ohnehin schreibt man das Meiste in Krio offenbar so, wie man‘s spricht. In der Straße sah ich neulich jedenfalls eine Werbung für ein Gewinnspiel, das einem täglich den Geldsegen verspricht. Angepriesen wie folgt: „Win Moni evri dey.“ Versteht jeder, oder?

Überhaupt sind die Werbeplakate in Sierra Leone gutes Entertainment während meiner täglichen Taxifahrt. So langsam kenne ich zwar alle auf dieser Strecke, aber man achtet ja doch hin und wieder auf andere Details. Besonders interessant finde ich jene für Versicherungen. „De Mammy of de Insurances“ steht bei einem. Die Mutter aller Versicherungen, so so. Was man wohl mit so einer Lebensversicherung anfängt, wenn ein ganzes Land im Krieg versinkt?

Einer der Oxfam Trucks ist deshalb auch alternativ versichert. Dort klebt an der zersplitterten Windschutzscheibe ein runder Sticker mit dem Segen von ganz oben „The blood of Jesus is my insurance cover“. Interessanter Ansatz. Wobei man dazu sagen muss, dass ich bei der Religiosität der Sierra Leoner noch nicht so ganz durchblicke. Die Gretchenfrage ist also noch nicht eindeutig zu beantworten. Laut Weltalmanach sind rund 60% im Land Muslime, die meisten anderen Christen oder Anhänger einer der vielen Naturreligionen. Im Bürgerkrieg hat das zum Glück keine Rolle gespielt, wer weiß, welche Formen der Verlauf sonst noch angenommen hätte.

Aber auch aktuell scheint hier bzgl. der Religionen große Toleranz zu herrschen. Auf vielen Taxis und Minibussen prangen Aufkleber mit Schriftzügen wie „With god everything is possible“ oder „Praise the Lord“. Welcher Gott oder Lord damit nun gemeint ist, bleibt meist offen. Die einzigen Negativschlagzeilen in diesem Kontext haben m.E. nicht Sierra Leoner, sondern Pakistanische Peacekeeper zu verantworten, die während ihrer Anwesenheit als Teil der UN-Mission ungefragt Moscheen bauten und aktiv zum Islam zu missionieren versuchten.

Die negativen Folgen halten sich aber vermutlich in Grenzen. Das T-Shirt eines vorbeilaufenden Fußgängers klärt mich auf „Fuck you, Bin Laden“. Na, dann ist ja alles im grünen Bereich. Jeder geht seinen Weg – und den täglichen Kampf um‘s nächste Essen teilen hier durchweg alle, gleich welcher Glaubensgemeinschaft. Im letzten Workshop haben wir deshalb auch alle „Individual Prayers“ abgehalten, jeder für sich, im Stillen – vermutlich das erste Mal, dass es wirklich still war..:-)

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Reise nach Kabala

An diesem Morgen bin ich nicht ganz so verschwitzt wie sonst, da der Ventilator zum Glück die ganze Nacht in Betrieb war. Dafür fühle ich mich heute erkältet, da er auch noch in mein Ohr gepustet hat, nicht so schön. „Jetzt ne heiße Dusche“, denke ich, nicht zum ersten Mal dieser Tage. Aber is nich. Auch nen Schwarzbrot mit Schwarzwälder Schinken oder Salami wäre nicht verkehrt. Meinem deutschen Freund hatte ich ja eine dicke Salami mitgebracht. War aber zu doof bis drei zu zählen und mich mal zu fragen, warum er die wohl so vermisst. Na gut, Cassava-Leaf zum Frühstück tut`s auch. Yamyam. Während ich meiner morgendlichen Routine auch heute nicht untreu werde, überlege ich, wie ich wohl aussehen werde, wenn ich nach 2 Monaten bei Aldi einkaufe. Vermutlich wie einer dieser Hamsterkäufer nach dem Tschernobyl-Unglück.

Leider wird mein Tagtraum von Salami und Brot jäh unterbrochen von einer weniger appetitlichen Überraschung. Heute kommt er dann doch, der erste Durchfall. Da nützen alle Breitband-Antibiotika nichts und auch das Desinfektionsmittel kommt nicht gegen den ganzen Mist an, den ich hier jeden Tag anfasse, mehr oder minder freiwillig. Ist mir zwar weniger angenehm, diesen Part zu erwähnen, gehört aber ebenso zur harten – bzw. in diesem Fall ja eher weichen – Realität.

Ich ärgere mich, wollte ich heute doch mit nach Koinadugu, bzw. genauer in den Ort Kabala. Dort betreut Oxfam ein Projekt zur höheren Beteiligung von Frauen in der lokalen Politik, genauer gesagt in den so genannten Local Councils. Dort sollen bei den nächsten Wahlen mindestens 5 Frauen einen Posten gewinnen. Finde ich super spannend und frage mich, was wohl die Männer dazu sagen. Aber fünf Stunden Fahrt über Schlaglöcher mit hart gefedertem Landcruiser und Grummeln im Brauch? Geht das gut?

Ich frage kurz noch Ben, ob er Pläne hat. Da er wie zu erwarten noch nichts geplant hat – denn warum soll man auch planen, wenn man eh nicht weiß was kommt – übernehme ich das nun doch für mich selbst und entschließe mich, zu fahren. Ich packe also meine 7 Sachen, ab geht es ins Büro. Während der Fahrt gibt es keine besonderen Vorkommnisse, ausnahmsweise. Dabei muss ich erwähnen, dass ich inzwischen gelernt habe – noch vor wenigen Tagen hatte ich meine Digitalkamera in der Hosentasche, inzwischen nur noch im Rucksack. Einmal hatte ich mich schon auf meine „Hans im Glück“ Ader verlassen müssen, als mir doch tatsächlich die Kamera aus der Hose rutschte. Ich rannte dem Auto hinterher und fand es auf einem Hof für Autoschrott wieder, der Fahrer war am diskutieren. Ich vermute fast, er wollte das eben noch als Taxi verwendete Auto verkaufen. Meine Kamera lag noch drin… ein Glück.

Genauso glücklich bin ich, dass Oxfam als NGO immer einen reichlichen Vorrat an Material hat, darunter nicht nur Drucker-, sondern auch Klopapier. Noch ne Runde Nescafé mit Pulvermilch und ich fühle mich wieder startklar. Jetzt nicht drücken, denke ich. In jeglicher Hinsicht.

Kurz nach 14 Uhr geht es dann auch los, nach Koinadugu. Ich habe natürlich sowohl Handtuch als auch Shampoo vergessen. Irgendwie werde ich diesen Denkfehler nicht los, dass das dann auch egal ist, wenn man sich eh schon dreckig fühlt. Deswegen habe ich z.B. auch kein Deo dabei, das ich mir jetzt morgens so wünschen würde. Wenigstens einmal am Tag gut riechen, wenn auch nur für 5 Minuten. Ach ja… Duft aus der Dose, sowas feines. Hier gibt’s Instant-Geruch nur aus Abgasrohren. Aber gut, abtrocknen kann ich mich auch mit T-Shirt und Haare waschen geht auch ohne Shampoo. Ist ja nur für eine Nacht.

Die Fahrt geht durch mehrere kleine Dörfer. Unser Ziel liegt im Nordosten des Landes. Wir durchqueren erst einmal komplett Freetown, bis wir auf der anderen Seite wieder rauskommen und letztlich im Busch landen. Durch den Dschungel, vorbei an vereinzelt auftauchenden Hüttchen, die teilweise so eine Art getrocknete Palmenblätter als Feueranzünder verkaufen. Hier gibt es nicht viel zu berichten, alles sieht für mich irgendwie gleich aus. Grün eben. Viele Autowracks am Straßenrand, teilweise sieht man ein Feuer in der Ferne. Mal ein Lagerfeuer, mal ein brennendes Dorf, so sieht es jedenfalls aus. Kühe kreuzen die Straße. Einmal latscht eine Horde lustiger Vögel quer über die Straße, Mama und Kinder. Alle fliegen davon, als wir uns nähern. Bis auf einer, der kurz gegen die Scheibe rammt und dann am Boden liegen bleibt. Kollateralschaden auf einer Mission für Demokratiestärkung.

Eine meiner Kolleginnen wirft ihre leere Cola-Dose aus dem Fenster. Auch Kollateralschaden? Wenn Müllverbrennung und Recycling von der Regierung ohnehin nicht übernommen werden, ist es vielleicht tatsächlich egal. Ich denke nach. Auf dem Weg höre ich mit meinem anderen Kollegen ein bisschen African Blues. Den hab ich in New York gekauft, den Stöpsel steck ich ihm ungefragt ins Ohr. Der gerade noch schweigsame Beifahrer wird plötzlich ganz munter, mein Boss Muhamed erzählt mir, dass er Musik aus Mali besonders mag. Wir schunkeln und genießen den Ausblick.

Dann ist der Akku leer, der vom iPod und meiner auch. Wir machen Halt in Makeni, dem Dorf, aus dem Ben`s Familie ursprünglich kommt. Von hier sind sie im Krieg nach Freetown geflohen. Den Chief soll ich ansprechen und von Ben grüßen, hat er gesagt. Falls ich etwas brauche. Mit etwas Klo und Cassava-Leafs (was sonst) bin ich aber schon zufrieden. Dann geht es schnell weiter, zwei Stunden später sind wir schon in Kabala. Dort geht’s ins Guesthouse – oder das, was man hier so nennt. Muhamed diskutiert eine halbe Stunde, denn gebucht haben wir nicht.

Irgendwann bekommen wir dann unsere vier Zimmer. Meines wird besonders gepriesen, denn es hat ein eigenes Bad. Endlich, denke ich. Endlich duschen, endlich fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Doch der Schein trügt. Weder der Duschknopf funktioniert, noch der Wasserhahn. Der bricht einfach ab, als ich daran drehe. Das schöne, große Zimmer hat jetzt mein Kollege. Ich hole mir einen Eimer Wasser vom Hof. Auf der Terrasse treffe ich den ersten Weißen seit ein paar Tagen – und Deutsch ist er auch noch. Er besteht aber darauf, Englisch zu sprechen, denn eigentlich lebt er ja in Washington. Dieser Zwang von kosmopolitisch anhauchendem Smalltalk erinnert mich sofort an einen meiner Mit-Praktis in den VN. Auch ein Deutscher – und eigentlich äußerlich ein Vollspießer. Wenn immer ihn jemand fragte, woher er kommt, verfiel er in einen nachdenklichen Blick und antwortete zögerlich mit einer Stimme wie einer dieser Märchenerzähler von Kinderkassetten: „Well, sät isn’t an ieesie kwestschän tu ansa.“ Er wollte damit zeigen, in wie vielen Orten er doch zu Hause ist. Eigentlich kam er aus einem Dorf bei Mannheim, aber oh weh, wenn das jemand rausfand. Dann betonte er doch lieber, dass er in „New York City STADT“ wohnte, nicht bloß im Staate New York. Eieieiei.

Im Guesthouse sind fast nur NGOs. Für Locals ist es zu teuer, für Businessleute fehlt hier das Business. Aber das Geschäft mit der Hilfe blüht.

Ich wasche mich, wie gewohnt. Als Handtuch dient mein T-Shirt, wie geplant. Der Stecker vom Ventilator funktioniert ebenfalls nicht. Na toll. Schwitzen, stinken und filzige Haare – und dann auch noch Deutsche, die keine sein wollen, mitten im Busch. Na wenigstens ist das Klima anders in Kabala, etwas kühler, nicht ganz so schwül.

Am nächsten morgen finde ich dann schnell heraus, warum der Fahrer unbedingt das schöne, große Zimmer haben wollte. Den Raum verlässt er in Begleitung. Gestern war er noch allein. Das ging aber schnell. Vielleicht wird hier doch noch anderes Business gemacht, denke ich. Obwohl, auch das ist ja Hilfeleistung in der Not.

Schnell fahren wir gemeinsam zum kleinen Dorfhaus, wo unser heutiger Workshop stattfinden wird. Auf dem Weg schnell ein bisschen Brot und Tee zum Frühstück, dann geht’s auch schon los. So ungefähr 9 Damen und 7 Herren sind mit von der Partie, sie repräsentieren verschiedenste Ebenen der Dorfgesellschaft, teilweise Frauen-Organisationen, teilweise den Local Council. Auch der Chairman und der Chief sind da. Wer hier genau was zu sagen hat, wird mir auch nach 2 Stunden nicht klar, zumal natürlich alle Krio sprechen. Deutlich ist aber, dass sich alle sehr engagiert zeigen, mit ihrem Einfluss Gender-Gerechtigkeit zu schaffen, zumindest hier, in ihrem Dorf. Muhamed bemüht sich, klarzustellen, dass es um ihre Zukunft geht, dass es ihre Idee war und sein muss, um dieses Projekt praktisch umzusetzen, nicht jene von Oxfam. Er macht seine Sache gut. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob nicht manche der Herren in Wirklichkeit falsche Spielchen spielen und nur der finanziellen Unterstützung wegen bei diesen Workshops große Reden um Frauenrechte schwingen. Ich will das heute nicht mehr diskutieren und genieße einfach die Chance, diese Erfahrung sammeln zu dürfen.

Zum Abschluss werden ein paar willkürlich wirkende Deadlines festgehalten, wer bis wann was gemacht haben will. Mal sehen, ob das klappt…dann gibt es noch eine Runde Essen und Frei-Getränk für alle. Lustig ist, dass in einem Punkt noch lange keine Gleichberechtigung herrscht – oder einfach nicht gewünscht ist: So nehmen nahezu alle Damen eine Fanta, während die Herren Coke bevorzugen. Seltsam. Vielleicht hat ja doch der Coca-Cola Konzern überall seine Finger im Spiel, so wie einige fanatische Globalisierungs- und Verschwörungstheoretiker das vielleicht behaupten?

Der Rückweg ist dann wirklich anstrengend. Mein Rücken tut weh, mein Hintern auch. In verschiedenen Sitzstellungen versuche ich mich zu entspannen. Keine Musik, kein Wasser mehr, aua aua. Ich komme mir vor wie ein Weichei, aber das gönne ich mir heute mal. Zu Hause berichte ich noch Ben von meinen Erlebnissen. Sein Urteil fällt trocken aus: Die Leute kommen leider ohnehin nur zum Essen. Workshops halten die NGOs am Laufen – und die alten Systeme auch. Wirklich von unten ist das nicht, denn die, die zum Workshop kommen, sind eh schon weit oben. Ben muss es wissen.

Am Sonntag drauf habe ich mich mit meinem Kollegen Ibrahim verabredet, der eigentlich Alhagi heißt. Alhagi also holt mich in Lumley ab, gemeinsam laufen wir an den Strand von Lumley. Eigentlich wollten wir an den River No. 2 Strand, dort soll der Sand richtig weiß sein. Aber heute hat Alhagi kein Motorrad bekommen. Macht nichts, Lumley Beach ist auch schön. Da gibt es nur ein Problem, denn Alhagi kann nicht schwimmen. Macht aber nichts, so passt wenigstens einer immer auf die Sachen auf. Er legt sich mitsamt Hose an den Rand des Wassers, lässt sich umspülen. Ich schwimme ein paar Runden und fühle mich so sauber wie schon lange nicht mehr, denn das Salzwasser reinigt spürbar alle Poren – und dabei hört sich das jetzt an wie die Werbung einer Anti-Aging Creme J Dazu ist es auch noch wärmer als draußen, denn heute ist es richtig kühl.

Wenig später fängt es an, zu regnen. Wir setzen uns in den „Bunker“, das ist hier eine Strandbar, und trinken zwei Malzbier. Ich bestelle mir einen Burger, das erste „gewohnte“ Essen seit ich hier bin. Schmeckt richtig gut, so ein Burger am Strand von Freetown. Ich wundere mich, dass ich keine Cassava-Leafs, sondern echte Salatblätter zwischen den Brötchenhälften finde. Wenig später kommt Muhamed dazu, der heute am Strand joggen war. Er trägt ein cooles T-Shirt von UNDP Burundi und erzählt mir ein paar Geschichten aus Rwanda. Dort, sagt er, gibt es nicht nur Blätter und Reis. Dafür Irish Potatoes und Bonen. Na, das ist doch mal ein Anfang, schmunzele ich J Außerdem geht es dort schnell bergauf geht, wegen des guten Kaffees und der guten Führungsqualitäten des Präsidenten.

Alhagi ist abgelenkt. Frauen, denke ich. Und tatsächlich, wenig später erklärt er mir, dass er eigentlich zwei oder drei Freundinnen hat. Eine Big Madame, eine Medium Madame und eine Small Madame. Small Madame ist nun sauer, da er ihr am Valentinstag nur den Abend zugesteht. Sie will den ganzen Tag und die ganze Nacht. Der Tag ist aber leider schon für Big Madame reserviert. So läuft das hier. An die Regeln muss sie sich halten. Wenig später lerne ich sie dann auch kennen, sie holt ihn vom Strand ab. Nett, und davon dann drei? Ich glaube, ich wäre schlicht überfordert. Aber gut, andere Länder, andere Sitten…

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Ein erster Tageseindruck

Mein Handy klingelt. Ich wache sofort auf, schalte den Wecker aus. Eigentlich überflüssig, denn schon wenig später kräht der Hahn, draußen im Hof. Zeit zum Aufstehen.

Mein Bruder Moses, der UN-Bär "Frank" und ich

Neben mir dreht sich einer meiner vielen Brüder noch einmal auf den Bauch, murmelt etwas in Krio und schläft weiter. Er teilt mit mir sein Bett, für die zwei Monate, die ich in Sierra Leone lebe. Manchmal schläft er auch auf dem Fußboden, meist dann, wenn es keinen Strom und damit keinen Ventilator gibt. Denn dann schwitze ich so viel, dass ein zweiter neben mir wohl leiden würde…

Mit der Taschenlampe suche ich den Weg aus dem Moskitonetz, öffne die schwere Eisentür und laufe auf den Hof. Die anderen schlafen noch, die Haupttür ist also zu. Ich muss zwar dringend aufs Klo, habe aber zum Glück meinen Ipod dabei, setze mich also auf die Stufen der Veranda und lausche ein Weilchen Moby, während mir die Moskitos um die Waden schwirren. Dabei habe ich zwei der zehn wilden Hunde aufgeschreckt, die jeden Tag um das Haus herum im Dreck gammeln und einen Hauch von Sicherheit vermitteln. Sie kennen offenbar schon meinen Geruch,..naja, ich schwitze ja auch mehr als genug.

Wenig später öffnet Ben die Tür. Ben Kargbo ist der Vater der Familie, bei der ich lebe. Drei Kinder hat er mit seiner Frau, dazu einen Adoptivsohn, Alfred. Alfred ist 8 und hat, wie viele hier, seine Familie im Bürgerkrieg verloren. In etwa 20 weitere Kinder und Jugendliche konnte Ben nicht mehr adoptieren – sie kommen trotzdem jeden Tag, für Wasser, Essen auf dem Hof und manchmal ein bisschen Geborgenheit im Wohnzimmer. Wenn die Regierung abends den Strom für wenige Stunden einschaltet, gibt´s dort sogar Jackie Chan Filme zu sehen. So etwa 20 Klassiker auf einer DVD, gekauft vom Händler gleich um die Ecke, alles vom Chinesen importiert.

Zum Frühstück trinke ich heute eine warme Ovaltine, das genügt. Die ersten Tage wurde ich noch mit Reis, Fleisch und Brot versorgt. Den weißen Gast muss man schließlich gut behandeln. Wie ich nun erklärt habe, dass ich morgens gar nicht so viel runter kriege, weiß ich auch nicht mehr. Man will ja nicht unhöflich sein, schließlich kostet das Fleisch hier ein Vermögen.

Während ich es mir in einem der Wohnzimmersessel gemütlich mache, weckt Mama die Kids. Ben Junior, Alfred, Precious und Ahmed müssen zur Schule… ich suche mit meiner Taschenlampe nach meinem Notebook-Netzstecker. Das Notebook habe ich schon vor Tagen im Oxfam Büro gelassen, aus Sicherheitsgründen. Ben Junior zieht sich neben mir die Schuluniform an, das Hemd viel zu groß, bis zu den Knien geht es. Dennoch sieht er richtig gut aus, so in Uniform, mit seinen 9 Jahren.

Im Sofa nebenan raschelt eine Ratte, die sich offenbar von meinem Essen im Haus angezogen gefühlt hat. Erst bin ich nicht sicher, dann sehe ich sie vom Sofa hinter meinen Sessel laufen. Ich mache erst gar keine Anstalten, Ben darüber zu informieren. Das gehört hier wohl dazu, denke ich.

Ich gehe auf`s Klo. Ja, hier gibt es ein richtiges Klo. Zwar ohne Klobrille und Spülung, aber immerhin muss ich nicht in den Garten – und Klopapier gibt es auch. Ich verrichte also mein morgendliches Geschäft, spüle mit einem Eimer Wasser, den ich in einer Regentonne fülle. Danach springe ich das Duschbecken und wasche mich, mit Handseife und demselben Wasser, ebenfalls aus der Tonne. Alles kalt, aber darüber bin ich froh, das macht wach und erfrischt. Mein Handtuch nutze ich seit einer Woche. Heute lege ich es aber zu meinen T-Shirts, die Mama Africa (die ich so nenne, weil ich mir einfach ihren Namen nicht merken kann) heute waschen will. Anschließend gibt’s noch schnell etwas Desinfektionsmittel in die Hände – das hat mir mein deutscher Freund vom THW geschenkt. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, es auch als Aftershave zu benutzen. Man weiß sich zu helfen.

Wenig später ziehe ich dann auch schon los, mit meinem Safarihut und meinem Rucksack. Ab in die staubigen Straßen von Malama. Eine SMS kann ich heute morgen keinem schicken, keine „Units“ mehr auf meiner Karte. Bald will ich zu Africell oder Tigo wechseln, das ist wohl viel günstiger. Naja, meine Simcard habe ich eben gleich am Flughafen gekauft, das war vermutlich nicht so klug.

Die Straßen sind noch leer, es ist erst kurz nach sieben. Hier wird aufgestanden, wenn die Sonne aufgeht, denn sie geht auch früh unter – und ohne Strom ist dann nicht mehr viel zu machen vom täglichen Wäsche waschen, kochen und organisieren auf dem Hof. Gehwege gibt es nicht, eigentlich ist die Straße auch zu eng für zwei Autos und eigentlich ist es auch gar keine Straße, sondern eher festgefahrener Sand mit Steinen und Schlaglöchern. Dennoch ist es hier der Weg zur Schule oder Arbeit – oder zum Einkaufen, für alles eben, was man so braucht.

Die fliegenden Händler machen langsam ihre Geschäfte auf. Da so früh von Malama aus noch kein Taxi unterwegs ist, laufe ich zum Kreisverkehr im Zentrum von Lumley, der Gegend von Freetown, in der ich wohne. Einige Händler grüßen mich, sie kennen mich seit ich einmal bei ihnen eingekauft habe. Klar, bin ja auch der einzige Weiße hier – und dann noch mit so einem albernen Safarihut. „How de body“ rufen sie. „De body fine“ rufe ich zurück. Einige tuscheln auch hinter meinem Rücken auf Krio über mich und lachen dann peinlich berührt, wenn ich mich umdrehe und ihnen mit einem Lächeln zu verstehen gebe, dass ich das durchaus mitbekommen habe. Links und rechts laufen mir Kinder entgegen oder vor mir weg, alle brav in Schuluniform, manche grün, manche blau, manche kariert.

Am Kreisverkehr angekommen, startet der morgendliche Kampf um einen Platz in den Taxis. Die Taxis sind hier private Autos, meist uralte Nissans oder Toyotas, die fast auseinander brechen. Auf Seite des Beifahrers beuge ich mich Richtung Fahrer und rufe „Wilbaforce“, das ist bei der Ausbildungsstätte der Sierra Leonischen Armee – und der Ort, zu dem ich muss. In Freetown gibt es mehrere solcher Knotenpunkte, an denen je 50 Leute am Straßenrand stehen und um ein Taxi zu einem der anderen Punkte kämpfen. Während der Fahrt hänge ich meinen Safarihut seitlich über meine Wange, um nicht ganz so viel vom Diesel und Dreck der Straße abzubekommen. Die Fenster sind hier immer geöffnet, Klimaanlage gibt es nicht und der Drehknopf zum Hochdrehen der Fenster ist schon lange abgebrochen. Der Beat der afrikanischen Musik passt zum Rumpeln der Karosserie und dem Rhythmus der Schlaglöcher. Manchmal entsteht in den Taxis eine richtige politische Diskussion zwischen Fahrer und Fahrgästen. Krio ist zwar Broken English, aber so melodisch, dass es sich für mich wie diskutierende Hühner anhört. Ich muss dann schmunzeln – und zwischendrin verstehe ich Namen wie „Barack Obama“ oder „De President Koroma“.

Wir sind in Wilbaforce, weiter geht’s zur Tigo Junction, dort ist das Oxfam Office. Manchmal fahren die Taxifahrer auch direkt durch, dann zahle ich noch weniger. So muss ich heute doppelt zahlen, ganze 2000 Leones für eine Fahrt quer durch die Stadt, das sind umgerechnet 50 Eurocent. Inklusive Blick aufs Mehr. Ich stelle mir immer vor, dass da noch heute Piraten langfahren und die ganzen verrückten Importeure bestehlen. Also die mit den guten Sachen, mit dem Mercedes M-Klasse Autos für die korrupten Regierungsmitarbeiter hier. Aber auch sonst ist der Strand ganz schön. Neulich war die Amistad da, das ehemalige Sklavenschiff, mit dem die Sklaven von Großbritannien befreit und zurück nach Sierra Leone (Löwenberge) geschifft wurden – gemischt mit ein paar aussätzigen Prosituierten aus England. So entstand Freetown –

der Name ist hier eben Programm.

Das Oxfam Büro liegt auf einem Hügel, gleich neben einer Schule. Kinder laufen kreuz und quer, jeden Morgen auf

Einer von Oxfam's Geländewagen vor Ort

meinem Weg und lächeln mich an. Hier sind sie schon freundlicher, lächeln auch, ohne dass ich selbst den ersten Schritt machen muss. An diesem Ende der Stadt sind viele NGOs und Botschaften, Weißnasen ist man gewohnt – und ihnen teilweise offenbar auch gut gesonnen. In Malama ist man, so empfinde ich es, eher irritiert über meine Anwesenheit. Ich lache also zurück, freue mich jeden Morgen über die Kids und werde jeden Tag vertrauter mit meiner neuen Umwelt hier, manchmal winke ich auch, das ist universell brauchbar und bricht das Eis.

Auf dem Vorhof der Schule gibt es jeden Morgen eine Zeremonie, die Kinder stehen in Reih und Glied und klatschen und singen. Ich sehe es heute zum ersten Mal, da ich früher da bin als sonst. Ein Video oder Foto mache ich heute nicht, erst einmal genieße ich einfach den Eindruck.

Hinter dem 3 Meter hohen Garagentor zum Hof von Oxfam warten schon meine zwei Freunde, die Security-Guards. Beide lachen mich an, eine sie ist auch darunter, sie flirtet jeden Morgen mit mir, mit dem Praktikanten kann man`s ja machen, alle anderen Weißen werden nachwievor oft mit „Sir“ angesprochen, so wie auch ich, selbst von meinen kleinen Brüdern. Ich bin dankbar für die gespürte Distanzlosigkeit und Wärme, von der ich eigentlich viel mehr erwartet hatte, in Afrika.

Ich gebe ihr also meinen Safari-Hut, den ich ihr nun jeden Tag als Leihgabe für die Hitze überlasse und wieder abhole, wenn ich gehe. Am ersten Tag hatte sie mich aus Spaß auf den Hut angesprochen und war dann verdutzt, dass ich ihr auf den Scherz hin den Hut zuwarf. So bleibe ich in Kontakt, das tut gut. Ohnehin mag ich künstlich aufrecht erhaltene Hierarchien nicht gern, schon gar nicht in einer humanitär aktiven NGO. Ich werde aber auch nicht enttäuscht – mein Interims-Boss Glenn aus Kanada arbeitet am Wasser und Sanitärprojekt mit meinen gleichaltrigen Kollegen aus Sierra Leone. Alle drei sitzen in einem Kellerloch des Büros, immerhin mit Klima, eigenem Klo und Kühlschrank. Auch Glenn genießt hier keine großen Privilegien, trotz Auslandserfahrung in 13 Ländern. Zuletzt war er in Pakistan und Angola. Auf die Frage, was seine Familie dazu sagt, dass er seit 17 Jahren im Feld ist, gesteht er ehrlich „They want me to phase out and come back to Canada“. Ich denke darüber nach, wie mein Leben wohl aussehen wird, wenn ich all das unter einen Hut bringen soll. Die Antwort gibt mir Glenn mit auf den Weg, als ich ihn nach seinen Kindern frage: „No kids, just animals“. Tja, Hunde schicken vermutlich keine SMS, die einem ein schlechtes Gewissen machen. Bleibt nur die Frage nach der Frau. Aber die spare ich mir für einen anderen Tag.

Im Büro angekommen hole ich meinen Laptop aus einer Schublade von Glenns Schreibtisch. Bei meinem eigenen fallen die Schubladen heraus. Ich habe ein Internetkabel und freue mich jeden Tag über ein bisschen Kontakt zur Außenwelt, zur „entwickelten“ Welt da draußen. Noch haben wir aber keinen Strom, damit auch kein heißes Wasser für Kaffee. Ich helfe also erstmal meinem Kollegen Ibrahim, ein paar Daten in eine Excel Tabelle einzutragen – für eine so genannte „Baseline Survey“ .

Das sind Basisdaten über die Wasserversorgung und Wassernutzung in verschiedenen Dörfern, in denen Oxfam tätig werden will. Dazu gehören Fragen wie „wo defäkieren ihre Kinder?“..mit Antworten wie „im Busch oder am Strand“ oder auch Fragen wie „woher kommt Durchfall?“ mit einer Antwortmöglichkeit „durch Gottes Zorn“. Tja, das ist wohl wichtig, wenn man wirklich helfen will… erstmal verstehen, was die Menschen denken und brauchen.

Als der Strom dann kommt, dauert es eine weitere gute Stunde, bis der IT-Mitarbeiter auch den Server eingeschaltet hat und wir eine Verbindung zum Internet bekommen. Mein Postfach quirlt über, mein Mitteilungsbedürfnis an meine Freunde in Deutschland ist in diesen Tagen verständlicherweise gesteigert, ebenso die Sorge oder liebevolle Teilnahme, die ich wiederum erhalte. Ich freue mich und muss lachen, als ich eine eMail von Paul Mendy bekomme, einem Mitarbeiter von Slok Air, einer Airline, die von Freetown nach Monrovia fliegt oder eigentlich fliegen sollte. Meine Anfrage ist nun gut einen Monat her, für ein Visum nach Liberia hätte ich einen Flug gebraucht – nun bin ich hier und bekomme eine Antwort. Inzwischen weiß ich, dass Slok Air gar nicht mehr fliegt, alle Maschinen werden gewartet – ob das stimmt und was die da machen, weiß keiner so genau. Aber lieber warten als fliegen und abstürzen. Jetzt habe ich jedenfalls Kontakt zum Office in Freetown, einem Joseph. Wenn die Antwort wieder einen Monat dauert und die Buchung dann nochmal zwei Wochen, kann ich Anfang April fliegen. Tja, leider bin ich dann schon in Deutschland. Das ist Afrika, denke ich. Manche Klischees lassen sich eben auch bestätigen.

Den Vormittag verbringe ich – mit dem inzwischen eingetroffenen Nescafé auf Basis heißen Wassers – mit Emails nach Deutschland, denn eine richtige Aufgabe habe ich leider noch nicht, d.h. doch: Am Dienstag habe ich mich mit meine Chef Muhammed aus Rwanda auf den Balkon gesetzt und meine Aufgaben besprochen. Bis ich die Unterlagen dazu in den Händen halte, wird es aber vermutlich noch etwas dauern. Eben so wie die Email von Slok Air. Also beschließe ich, alles so zu nehmen, wie es kommt, ohne meine Erwartungen als Maßstab für richtig und falsch überhaupt erst anzulegen.

Zum Lunch gehe ich dann mit meinem Kollegen außer Haus, denn heute ist unsere Küchenkraft nicht anzutreffen, die normalerweise gegen einen kleinen Beitrag etwas für uns kocht. Außer Haus heißt hier: Den Berg runter, dann rechts, am Special Court für Sierra Leone vorbei und dann die nächste rechts, ganz nah an der Universität. Diese Uni war eigentlich im Landesinneren, erzählt mir Ibrahim. Aber im Krieg haben die Rebellen sie dann abgefackelt – und so wurde sie vorübergehend nach Freetown verlegt. Bald zieht sie wieder um, raus aus Freetown, weg von den Gefangenen auf dem Gelände des Special Courts. Hier sitzen all jene, die nachweislich Mittäter in Kriegsverbrechen während des

Bürgerkrieges waren, Kindersoldaten akquiriert haben, vergewaltigt, geplündert und gemordet haben. Naja, eben jene von denen, die man zu fassen bekommen hat. Charles Taylor war auch hier – wurde dann aber aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt.

„Lieber sollte man das Geld denjenigen geben, die unter dem Krieg am meisten gelitten haben bzw. noch zu leiden haben – den Amputierten.“, so Ibrahim. Was dann mit dem Problem der „Impunity“ und der Rechtsordnung werden soll, frage ich nicht. Überhaupt stelle ich erst einmal nichts in Frage, was mir ein Sierra Leoner erzählt. Ich fühle mich wie ein Kind in diesem Land, ein Kind, das laufen lernt. Und entscheidend ist nicht, was ich denke, sondern erst einmal, was jene gefühlt haben, die das hier miterleben mussten. Ich nicke also stumm, drücke mein Verständnis aus.

Beim kleinen Lokal angekommen fordert mich Ibrahim auf, mich zu setzen. Heute gibt er eine Runde Kassava-Leafs aus. Vor denen hat mich mein deutscher Freund Achim schon gewarnt.. „zu viel Palmoil“, sagt er. Ich esse es dennoch, möchte mich ja einfügen in den normalen Ablauf – und viele Alternativen gibt es hier auch nicht, denn auch die mitgebrachten Corny-Riegel sind langsam matschig. Das Wasser wird in einer Plastiktüte serviert. Einfach an einer Ecke aufbeißen und das Wasser in den Mund pressen. Das kenne ich schon von meiner Familie, die solche Tüten selbst herstellt – mit Wasser aus der örtlichen Grundwasserpumpe. Das garantiert ihnen ein Grundeinkommen und mir eine Runde Durchfall. Deshalb habe ich bisher darauf verzichtet und mir Wasser in Flaschen gekauft. Die Tüten heute scheinen aber zertifiziert, vermutlich ist das Wasser hier einfach aus praktischen Gründen selten in Flaschen. Tüten kann man zwar nicht zudrehen (es sei denn es handelt sich um welche zum Rauchen), dafür trinkt man aber genug, denn abstellen is nich.

Zurück laufen wir wieder am Sierra Leone Special Court vorbei, ich möchte ein Foto machen. Ibrahim stößt mich nur kurz von der Seite an und sagt „You hef tu arsk Permischän“. Okay. Das verstehe ich. Hier sind wohl vor einiger Zeit Leute festgenommen worden, wegen Fotos ohne Erlaubnis. Ich könnte ja ein Spion aus Europa sein, der für Gefängnisarchitekten in der ganzen Welt den Bau des Special Courts kopieren will. Also gut, kein Foto. Dabei erinnere ich mich an meinen zweiten Tag, als ich auf dem Weg zum Strand eines der vielen Leaf-Felder fotografieren wollte und dabei den Stand eines Jeans-Händlers (alle den Umständen entsprechend automatisch im „Used Look“ ) erwischte. Wütend war der, meine Güte. „Ya ya yu weit men! De mek e picscha end den ju mek de monni in de Urop!“… Darauf war ich dann echt nicht vorbereitet, also versuchte ich es mit folgender Antwort „Me only student in Gämanie! No money eida! No meking money, only interested in ya kantrie!

I am here as a friend.“ Das zog. Seit dem bin ich sein bester Freund und wenn ich eine Jeans brauche, soll ich vorbei kommen. Mal sehen. Jeans ist mir eigentlich zu heiß.

Zurück im Büro spreche ich dann nochmal mit der Kollegin im Governance-Team. Was Governance eigentlich so genau ist, weiß hier keiner, genauso wenig wie ich. Deshalb bin ich für den Job wohl auch qualifiziert. Es geht um ein Trainings-Paket für Neueinsteiger innerhalb des Oxfam-Teams in Sierra Leone. Darin sollen nicht nur die theoretischen Grundlagen von Governance erläutert werden, sondern auch praktische Tools an die Hand gegeben werden, wie die so genannte „Good Governance“ denn nun in der Praxis umgesetzt werden soll. Das Konzept steht, ich soll nun das „Editing“ übernehmen, alles also einmal durcharbeiten und eigene Ideen einbringen. Finde ich gut, los geht`s, endlich!

17.30 Uhr, so langsam neigt sich der Tag dem Ende zu, zumindest der Arbeitsteil. Der kanadische Chef wartet ungeduldig auf die beiden sierra leonischen Kollegen, die noch eben eMails checken wollen, bevor er abschließt. Auf dem Weg zum Tor treffe ich meinen Oberboss Muhamed wieder, der mir verspricht, sich dann Montag zu meinem anderen Arbeitsprogramm zu melden – und ganz nebenbei erwähnt, dass er am Freitag und Samstag auf Tour nach Konadugu ist. Ein bisschen stolz ist man ja immer noch, wenn man erwähnen darf, dass das 5,5 Stunden Trip ohne Straßen bedeutet, eine Strecke, insgesamt also 11 Stunden in zwei Tagen. Ich will auch stolz sein dürfen und frage, ob er mich mitnimmt, so in´s Blaue hinein. Warum nicht, antwortet der. Klasse, denke ich. Eine Woche rum und eh man sich versieht, ist man auf einem Roadtrip in´s Landesinnere, mit einem Chef aus Rwanda. Hoffentlich hat Ben am Samstag nicht´s anderes für mich geplant.

Auf dem „Nachhauseweg“ (ich habe keine Ahnung, wie man dieses Wort schreiben soll, egal ob alt oder neu, ich hab´s noch nie gewusst), fahre ich wieder an der Kaserne in Wilbaforce vorbei und nehme zum ersten Mal ein Schild war, das da verkündet „Smart Army uses Condom“. Nett gemacht, mit einem großen Soldaten, der ein Kondom zeigt. Gemalt, so wie eines der vielen Bilder, das man in Einrichtungsläden in Deutschland erstehen kann, wenn man sich einen Hauch kosmopolitischen Flairs im Wohnzimmer leisten möchte. Ob die das auch lesen können, frage ich mich… denn viele sind hier immer noch Analphabeten… naja, deshalb wohl auch das deutliche Bild. Immerhin verbreitet die sierra leonische Regierung keinen gefährlichen Aberglauben, man könne den HI-Virus mit Knoblauch in den Griff kriegen, wie das Thabo Mbeki in Süd-Afrika getan hat. Das ist doch mal ein Anfang.

In Malama sitze ich dann wieder im Taxi – und kurz vor dem Aussteigen fragt mich, nein, bittet, nein fordert mich meine Nachbarin lauthals auf „Pay for me!“. Ich schaue sie fragend an. Ja, ich habe ganz richtig gehört. „Pay faa MIE!“, wiederholt sie, dieses Mal mit Nachdruck. Ich denke an eine von Achim´s vielen Warnungen „Die denken alle, du seist ein Geldautomat“. Außerdem denke ich darüber nach, was nun richtig ist. Viel Zeit bleibt mir nicht, denn ich muss ja noch für mich selbst bezahlen und dann aussteigen. Ich entscheide, nicht für sie zu zahlen. Wenn sie gefragt hätte, hätte ich bestimmt nicht ablehnen können, gerade, weil es für mich nur 50 Cent sind. Aber zum Selbstverständnis, alles was weiß ist, hat auch Geld übrig,

möchte ich keinen weiteren Beitrag leisten. Schon gar nicht in diesem Ton. Der Fahrer sieht das offenbar genauso und unterbricht die Dame neben mir mit einem Kompliment „Yu stay here in Malama as a weit man! Yu ar a frend indeed!“. Das gibt mir Mut und ich vergesse schnell mein schlechtes Gewissen. Nach dem Aussteigen fragt er noch nach meinem Namen – und gibt mir brav das Wechselgeld, bis auf den letzten Cent. Richtig so, denke ich. Ich gebe gern Trinkgeld, wenn man mir die Entscheidung überlässt. Ehre kennt man auch in Sierra Leone – und gerechnet wird hier in Leones, nicht in Euro. Also. Wieder was gelernt.

Mit einem guten Gefühl im Bauch gehe ich dann noch zum nächsten DVD-Dealer und kaufe zum ersten Mal selbst eine dieser 20-in-One DVDs, dieses Mal das Bruce Willis Paket, so gehe ich sicher, dass Alfred die DVD nicht schon hat. Außerdem kann ich Jackie Chan langsam nicht mehr sehen. Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, dass diese ganzen Actionfilme ihren Beitrag zur Faszination und Kriegsromantik geleistet haben, die vielen Kindersoldaten einen „heroisch“ anmutenden Antrieb und das Identifikationspotential gaben, selbst zur Waffe zu greifen. Hier ist halt leider nicht viel mit „Nemo“ und „Ice Age“… wer in Malama überlebt, der muss hart sein, das ist das Credo.

Heute bekomme ich dann auch endlich die unbewusst erhoffte Begrüßung. Vom Nachbarhaus laufen mir vier Kinder in die Arme, umklammern lachend meine Beine. Ein kleiner Junge nimmt mich an der Hand und führt mich nach Hause. Ich bekomme ein warmes Gefühl im Herzen, bin aber gleichzeitig wütend auf mich. Wieso, frage ich, ist es ausgerechnet dieses kitschige Fernsehbild von lachenden Kindern, das ich mir so gewünscht habe. Ich stelle fest, wie sehr ich selbst Opfer dieser Klischeewelt bin. Egal. Ich genieße es trotzdem, denn die Kinder machen es ja schließlich nicht, weil sie vom Fernsehen gelernt haben, dass man Weiße umarmen muss. Jedenfalls bringt einem Jackie Chan das nicht bei.

Alfred freut sich wie ein Kind über die DVD – ist er ja auch. Dennoch war er bislang überraschend schweigsam. Aber jetzt explodiert er fast vor Freude und zeigt die DVD all seinen Brüdern. Angeschaut wird sie ja ohnehin mit allen gemeinsam. Beim Abendessen versuche ich dann, den unsichtbaren aber deutlich spüren Damm zu brechen, der nach wie vor zwischen uns ist. Von meinen vier Orangen esse ich eine selbst und biete die anderen meinen Brüdern – und natürlich auch „P“ (Precious) an. Alle zögern. Bis auf Alfred, der gerne eine annimmt. Ich hoffe innerlich, dass er es nicht aus Pflichtgefühl tut, sondern mich nun annehmen kann als einer von ihnen, nicht einen, der über ihnen steht. Als Ahmed mich nun den Abend über zunehmend „Ole“ und nicht mehr „Sir“ nennt, weiß ich, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss.

Später geht es dann zum Fußballspiel im örtlichen „Cinema“. Heute steht das Halbfinale im Africa Cup of Nations an. Cameroon gegen Gastgeber Ghana und die Elfenbeinküste gegen Titelverteidiger Ägypten. Cameroon steht schon im Finale, als ich heim komme. Das zweite Spiel möchte ich gern mit Frederik sehen, den ich vor meiner Reise nach Sierra Leone auf Facebook kennen gelernt habe. Dazu bitte ich Ahmed, mich zu begleiten, denn vielleicht, fürchte ich, denkt auch Frederik nur, ich sei eine weiße Geldmaschine. Doof, diese Vorurteile, traurig diese Skepsis. Aber „better safe than sorry“, denke ich und nehme Ahmed mit. Frederik will dann tatsächlich einfach nur einen netten Abend haben, besteht sogar darauf, mich und Ahmend einzuladen. Leider spielt die Elfenbeinküste katastrophal und wird von den Ägyptern vom Platz geschossen. Fußball interessiert mich zwar nicht wirklich, aber hier geht es um Loyalität, innerhalb von sub-saharan Africa – und an der Westküste sowieso. Dennoch nimmt es hier keiner so ernst wie die Deutschen. Keiner trauert wirklich, die meisten lachen eher und diskutieren lauthals über den schwachen zweiten Torwart und die Leistung von Didi Drogba. Ich genieße es, zwischen 200 Afrikanern zu schwitzen, aber nach 90 Minuten tut mir das Steißbein vom Sitzen auf den Holzbänken weh. Ich blicke hilfesuchend in Richtung Ventilator, zwei gibt es hier, an der Decke. Das Dach ist aus Planen vom UNHCR, dem Flüchtlingskommisariat der UNO. Schön, dass die recyled werden – und wie kraftvoll und positiv die Symbolik doch ist, wenn „Flüchtlingsplanen“ jetzt Gelegenheiten zum gemeinsamen Jubeln über Fußballspiele bieten.

In der Halbzeit haben Frederik und ich in der lokalen Bar ein „Star“ Bier getrunken. Zwei Plastikstühle und kleine nachttischartige Tische sind unser Equipment. Da mir nach zwei Minuten Smalltalk nichts Besseres mehr einfällt, frage ich Frederik nach dem Krieg. Es ist zwar bitter, dass Sierra Leone im Ausland fast nur noch über Warlords, Blutdiamanten und Kindersoldaten definiert wird, aber deshalb will ich mein Interesse daran auch nicht verstecken. Er war während der Zeit in Freetown. Hier war es zwar verhältnismäßig lange sicher, als die RUF dann aber kam, ging es um alles oder nichts.

Seinen Teil der Stadt hat er selbst verteidigt, erzählt er mir. Eine kleine Bürgermiliz hat es gegeben, die die Häuser geschützt hat, damit die RUF sie nicht niederbrennt. Dann gab es da noch die Kamajor-Milizen, vor denen selbst die RUF Angst hatte. Kamajors, so weiß ich aus einer Doku, sind quasi heilige Krieger, mit viel Aberglauben, Hexenzauber und Federn auf dem Kopf, der Legende nach unverwundbar, auch von Kugeln. Im Bürgerkrieg haben sie zu weiten Teilen Freetown beschützt. Wegen den Kamajors griffen die RUF nur in der Nacht an. Da half dann nur noch Strategie, denn richtige Waffen hatten die Bürgermilizen nicht. Also wurden Straßensperren errichtet und mit Steinen geworfen… ich stelle mir das nicht besonders wirksam vor, aber Frederik sitzt ja vor mir, also hat es offenbar geholfen.

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war er damals – und musste natürlich auch zum Markt, denn ohne Essen ließ es sich genauso wenig überleben wie in einem brennenden Haus. Dann wechselt er schnell das Thema und sagt, dass es manchmal auch besser ist, nicht darüber zu sprechen. Die meisten seiner Freunde gibt es jetzt nicht mehr.

Nach dem Spiel verabschiede ich Fred an der Straße, warte mit ihm auf ein Taxi und suche mit meiner Taschenlampe den Weg nach Hause. Im Wohnzimmer machen die Kinder bei Kerzenlicht Hausaufgaben – auf dem Fußboden. Der Strom ist wieder aus, Bruce Willis muss also noch ein bisschen warten. Ich wasche mir noch einmal den staubigen Schweiß vom Oberkörper und mache mich auf den Weg in´s Bett. „Tumarra“ ruft mir Mama Africa auf der Veranda zu.

Was wohl „tumarra“ passiert?

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