Monatsarchiv: Februar 2008

UN-conditional Love?

Nun ist es wieder ein paar Tage her, dass ich geschrieben habe. Fast schon zu viel ist passiert, um es jetzt noch zusammenfassen zu können – gleichzeitig aber zu relevante Dinge, um es nicht zu tun. Die letzten Tage habe ich vornehmlich damit verbracht, mir etwas mehr Kontakte aufzubauen, unter anderem auch, um etwas rauszukommen aus dem mittlerweile doch tristen Büro-Alltag. Ich bin ja schließlich nicht an‘s Ende der Welt gefahren, um 8 Stunden am Tag meinen Laptop zu massieren.

Zum Mittagessen habe ich deshalb am Dienstag den Sudanesen wiedergetroffen, Cheflogistiker beim UN Office in Sierra Leone. Zunächst mal, weil er nett ist und zweitens, weil ich ohnehin gerne Kontakt zum UN Office vor Ort aufbauen wollte – unter anderem auch, um einfach mal zu sehen, wie diese „Missionen“ vor Ort denn nun genau aussehen.

Ich komme also bei Tor 1 des riesigen UN-Compounds an. Da ich mit den Sicherheitsleuten in New York immer gut zurecht gekommen bin und die UN-Security meiner Erfahrung nach ungefähr so gut aufgestellt ist wie der Hausmeister meiner Grundschule, mache ich mir keine großen Sorgen. Ich wedele einfach mit der Visitenkarte von Habibi, dem Sudanesen – und schon wenig später werde ich am Tor von ihm abgeholt.

Wir planen, in die Mitarbeiterkantine zu gehen, allerdings erst in ein paar Minuten, denn Habibi hat noch Arbeit. Ich sitze also in seinem Office und sauge die Stimmung ein. Lustige Fotos hängen an der Wand: Habibi und der Weihnachtsmann im sonnigen Freetown, Habibi und ein paar Mädels, Habibi im Sudan. Daneben eine Karte seiner Heimat, gemalt auf Leder, einschließlich der verschiedenen Volksgruppen. Stolz erklärt er mir, dass er weder zu den Jungs im Norden, noch zu den Fur im Westen oder zum Süden gehört. „I am from the golden middle“.

Ich erinnere mich, dass ich noch vor gut 3 Jahren nicht mal genau wusste, dass der Sudan überhaupt existiert. Nur durch den Darfur-Konflikt ist das Land wirklich in die Schlagzeilen geraten. Traurig eigentlich – aber immerhin: Es gibt immer wieder Menschen wie Habibi, die es vom vermeintlichen „Ende der Welt“ aus schaffen, sich im UN-System hochzuarbeiten…

Kuwait, Somalia… verrückte Sachen hat Habibi schon erlebt, aber seine Heimat hat er nicht vergessen. Vielleicht schon in ein, zwei Wochen geht es für ihn nach Chad, wo die Rebellen erst vor wenigen Tagen die Regierung ernsthaft in Bedrängnis gebracht haben und internationale NGO-Mitarbeiter massenweise evakuiert werden mussten. Warum er sich ausgerechnet dort bewirbt? „Well, you know, it‘s closer to Sudan, my home.” Plain and simple.

Wir trinken einen italienischen Espresso, so richtig guten, handgemacht mit dem kleinen Kaffeekocher aus Italien. Neben der Felderfahrung war Habibi nämlich auch etliche Jahre dort, im Logistik-Zentrum der Vereinten Nationen. Auf mein fragendes Gesicht hin erklärt er mir, dass Italien transporttechnisch betrachtet den Mittelpunkt der Welt, oder sagen wir, der UN-relevanten Welt darstellt. Nun, so gesehen hat Cäsar wenigstens post-mortem von einer internationalen Vereinigung ein bisschen Anerkennung bekommen. Deutschland hat wohl auch versucht, den Zuschlag zu bekommen…aber mit Jakobs-Aroma gegen Lavazza… is schon schwer 🙂

Wenig später brechen wir dann auf, in Richtung Kantine. Das UN-Gelände ist eigentlich eine alte Hotel-Anlage. Auf dem Weg sehen wir einen verrotteten Tennisplatz und einen leeren Swimmingpool. Teilweise wohnen hier auch die UN-Mitarbeiter, in den einstigen Hotel-Zimmern. Alles mit Meerblick. Für Flüge zum Flughafen hat die UN ihre eigenen Helikopter, für steuerfreies Einkaufen gibt es ein so genanntes „PX“, das steht für Price Exchange. Lässt sich aushalten, das Leben hier.

Eigentlich habe ich nur einen Grounds-Pass bekommen, darf mich also gar nicht in den entsprechenden Bereich hinein bewegen. Aber wie schon gesagt, die Security hier ist schon lange aus dem „High Alert Status“ raus. Meinen Ausweis drehe ich einfach um, Habibi verwickelt jeden Wächter in ein bisschen Smalltalk und voilà: Schon sitzen wir vor Reis und „smoked Chicken“.

Bald stößt ein Freund von Habibi dazu, ein UN Volunteer aus Holland. Sein Name ist vielversprechend und klingt eigentlich nicht so sehr nach friedliebendem UN-Mitarbeiter: „Harm“ heißt der Gute. Das Thema unseres Lunch-Talks passt ebenfalls gut dazu: „Does the international community cause more harm than good?“ Ein großes Themenfeld. Eigentlich viel zu groß, um es hier angemessen zu beschreiben. Als ich Harm und Habibi jedoch frage, was GENAU eigentlich das so genannte „Integrated Office of the UN“ für die Menschen in Sierra Leone tut, zucken beide synchron mit den Schultern. Das genügt mir als Antwort.

Eigentlich möchte ich nach meiner Rückkehr meine Magisterarbeit zum Thema Organisationslernen in der UNO vervollständigen. Ermutigend ist das traurige Bild vor Ort leider nicht gerade. So setzt es sich denn auch die nächsten Tage fort – und beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die UN, sondern erstreckt sich über das gesamte Feld der NGOs und so genannten UN-Agencies wie UNDP und UNICEF.

Am Donnerstag treffe ich einen befreundeten JPO, also einen so genannten Junior Professional Officer vom UNDP zum Lunch beim Libanesen. Yui kommt aus Japan, hat in den USA studiert, ein paar Jahre mit Stahl gehandelt, dann seinen Master gemacht und ist nun hier gelandet, in West-Afrika. Spannender Kerl. Wir unterhalten uns kurz, tauschen die wesentlichen Basics unseres jeweiligen Karrierepfades aus und…“schwuppdiwupp“ kann ich mir doch wieder die alles entscheidende Frage nicht verkneifen: „Bist du zufrieden mit dem, was du tust? Glaubst du, etwas zu bewirken?“. Yui antwortet in japanisch-diplomatischem Stil. Ja, eine Herausforderung sei es schon, sich auf die langsam mahlenden Mühlen des UN-Systems einzustellen. Insbesondere in Afrika.

Naja, immerhin wird man bei der UN dafür entschädigt – und das nicht zu knapp. Noch zahlen sie sogar einen Sondergefahren-Zuschlag, obwohl Sierra Leone schon lange aus der Konfliktphase raus ist. Ich schüttele innerlich den Kopf über diese Systemfehler, freue mich aber über das schöne Mittagessen und den netten Kontakt. Immerhin weiß Yui eine pragmatische Antwort auf meine Frage, was das Integrated Office denn nun genau macht: „Well, without them we would have no helicopters!“ Gut, verstehe.

Am Abend dann steht mein erster richtiger deutscher Abend auf dem Programm. Ich freue mich irgendwie, da ich endlich mal wieder Deutsch sprechen kann – ach, und Würstchen und Becks gibt es auch. Die Party findet im Strandhaus meines Bekannten Matin statt. So ziemlich jeder Deutsche in Sierra Leone kommt vorbei. Darunter Generatoren-Ingenieure, THW, Welthungerhilfe, GTZ-Praktikanten, UN-Mitarbeiter und andere gestrandete Seelen.

Ich führe einige interessante Gespräche, komme kaum zum Essen, und tausche ein paar Nummern. Es ist das übliche Networking-Programm. Eine GTZ-Praktikantin prahlt, dass sie schon das zweite Mal da ist, weil sie sich so geschickt angestellt hat. Und von ihrer umfangreichen finanziellen Entschädigung. Huch, da ist es wieder, dieses Gefühl, nirgends so richtig dazu zu gehören. Man wird abgecheckt, einmal durch den Lebenslauf-Scanner gezogen und danach mit seinem inzwischen lauwarmen Bier stehen gelassen.

Mich interessiert heute Abend, woran es im System hapert – und vor allem, wie andere Menschen damit umgehen, ständig unterwegs zu sein, von Land zu Land und Workshop zu Workshop. Ich befinde mich in der Zwickmühle: Wenn ich Kritik üben will, greife ich das Innerste dieser Menschen an. Sie identifizieren sich nicht nur mit dem System, sie sind Teil davon. Sie haben selbst vielleicht alles versucht und inzwischen einfach aufgegeben.

Wenn ich dazu gehören will, muss ich jedoch lügen, übertreiben und Honig um Bärte schmieren. Das aber wäre für mich „more harm than good“.

Was mich am meisten freut, sind derweil meine Gastgeschwister daheim. Die stellen keine Fragen nach meinem Lebenslauf, sondern lernen im Dunkeln Mathe, um danach mit mir Jackie Chan zu imitieren. Und sie lieben sich gegenseitig, ganz ohne Bedingungen. Und ich sie auch.

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Schweröl und Wein.

Auf dem Nachhauseweg habe ich mir gestern eine gute Flasche Wein mitgenommen, einen richtig schönen Roten, für 15.000 Leones, umgerechnet also ein bisschen mehr als 3 Euro. Den Tipp hatte ich von Glenn bekommen, meinem kanadischen Kollegen. Glenn ist eher ein Eigenbrötler, der sich nach Feierabend und am Wochenende meist mit einer Flasche Wein und einem guten Buch beschäftigt. Ich habe anderes im Sinn, denn allzu viel trinken darf ich mit meinem Breitband-Antibiotikum leider eh nicht – aber dazu später mehr.

Heute beschäftigt mich erstmal ein ganz anderes Thema, nämlich das der Umwelt. In Malama und auch sonst in Sierra Leone gibt es am Rand der meisten Straßen kleine Bäche. Dort verlaufen nicht nur Wasserrohre, sondern auch die Abfall-Infrastruktur der ganzen Gegend. Die Wasserrohre sind meist aufgeschnitten, da die Bewohner hier sonst hunderte von Metern zum einzigen Wasserhahn der Gemeinde laufen müssten. So stehlen sich letztlich die meisten ihr Wasser – das ergibt auch die Studie, die wir neulich noch bei Oxfam ausgewertet haben.

Aber zurück zum Abfall. Was mich wirklich erschreckt, ist die Farbe der kleinen Bäche… tief grün – und doch irgendwie bunt, eine Mischung aus Schweröl, Dosen, Resten von Trinkwasser-Tüten, ausgesaugten Orangenhülsen. Was darin noch alles so umher schwimmt, habe ich am Sonntag lernen können, als ich sah, wie eine Mutter ihrem Sohn zumindest unten herum aus dem Kirchen-Anzug half, um ihn in den kleinen Bach pieseln zu lassen. Ich erinnere mich an all die Orangen und Brote, die ich schon am Straßenrand gekauft habe und stelle mir kurz vor, was ich da wohl so alles mitgegessen habe.

Zum Glück werde ich von einem anderen Ereignis von diesem ekligen Gedanken abgelenkt. Eine junge Dame erkennt mich wieder – ich hatte vor einigen Tagen bei ihr eine DVD für meine Gastbrüder gekauft. „Hey, kam here! Me na just komin from taun!“ Sie hat neue DVDs mitgebracht und will gern die gute Kundenbeziehung pflegen.

Allerdings redet ein junger Mann von nebenan dazwischen. Statt Angelina Jolie und Jackie Chan empfiehlt er mir heute die Pornos im Sortiment. Schön zusammengebrannt für den weißen Mann. Von Pamela Anderson über die Girls von FHM bis hin zur Playboy Collection, gibt‘s hier alles, was der weiße Schw…, äh, verzeihung, das Herz vermeintlich begehrt.

„Yu leik it?“. Na, na, na, denke ich mir und frage zurück: „No no mai frend! Yu leik it! I can see it in yu eyes!“… Bei dem Späßchen belasse ich es dann auch und verabschiede mich höflich, aber bestimmt.

Das nächste Ereignis lässt aber wie gewohnt nicht lange auf sich warten. Am Straßenrand warten nämlich nicht nur DVDs, Brot und Orangen, sondern auch Affen. Zumindest heute. Ein junger Straßenjunge hat einen Affen dabei, an der Leine. Er spielt mit ihm, richtig süß.

Als ich den Jungen darauf anspreche, bietet er mir den Affen kurzerhand zum Verkauf: „20.000 Leones!“… ich schmunzle und sage: „Na, ich bin sicher du willst deinen Affen behalten?“. „Keine Sorge, ich habe zwei davon!“. Die Versuchung ist schon groß, schließlich kann man nicht jeden Tag einen Vorfahren für 5 Euro kaufen. Aber wohin nur mit dem kleinen Teufel? Schade, dass ich nicht wenigstens meine Kamera dabei habe.

Daheim angekommen frage ich Arnold, ob er gern Wein trinkt. Arnold ist mein Bettnachbar. Dass er so heißt, weiß ich auch erst seit heute. Man kann sich ja nicht alles merken. Aber gut, Hauptsache, er freut sich über den Wein. Schließlich muss er mich jede Nacht in seinem Bett dulden – und am Sonntag habe ich ihn dann auch noch mit seiner (oder einer seiner…) Freundin(nen) erwischt. Ich dachte, er hätte nur mein Klopfen nicht gehört. Beim zweiten Klopfen machte er dann sofort auf, die Bluse der jungen Dame war noch nicht zu. Aber auch das ist ja nichts wirklich Neues. Mama Africa sitzt manchmal mit heraushängendem Busen auf der Terrasse. Warum genau, weiß ich nicht, aber um den schönen Teint geht es hier jedenfalls nicht, so viel ist mal klar :=)

Apropos Teint… braun geworden bin ich bisher nur mäßig. Meist benutze ich noch Faktor 50 Sonnen-Creme und in die pralle Sonne lege ich mich schon erst gar nicht. Vielleicht komme ich mir aber auch nur so weiß vor, weil hier alle dunkler sind als ich, egal, wie sehr ich mich anstrenge. An einer Stelle bin ich dann aber doch so richtig schwarz, nämlich in der Ellenbogen-Falte. Dort sammelt sich der ganze Dreck und Diesel der Straße.

Wenn ich das sehe, denke ich immer an diese ganzen Klima-Konferenzen, in New York und auf Bali… und die Rolle der Entwicklungsländer beim Umwelt-Schonen. Aber wie sollen die das anstellen? Selbst der Strom, der scheinbar aus der Steckdose kommt, basiert hier auf Tausenden Liter Diesel und Hunderten Generatoren. Ein Wasserkraftwerk wäre hier vielleicht eine Lösung. Oder Solarzellen. Aber das braucht Zeit – und jede Menge Geld.

Immerhin: Mein Freund Martin vom THW macht einen Anfang – in einem kleinen Dorf seiner Wahl leitet er gemeinsam mit dem Chief des Dorfes ein Reformprojekt. Bald, so sagt er, werden dort Ziegel selbst hergestellt und Solarzellen werden zwei Energiesparlampen pro Haushalt versorgen. Außerdem gibt es ein mobiles Krankenhaus in einem alten Bus. Startgelder und Geschenke (wie eben jenen Bus) sammelt er mit Hilfe seiner über die Jahre aufgebauten Kontakte.

Durch das Einkommen der produzierten Waren, die gemeinsam zum Markt gefahren und dort abgesetzt werden, finanziert sich die Idee letztlich von selbst. Martin hilft beim Schreiben des Businessplans. Es wird dauern. Aber wenn es funktioniert, kann es ein Vorbild sein für andere Dörfer. Vorbei an NGO-Programmen, Weltbank-Auflagen und Regierungskorruption – einfach machen und Taten für sich sprechen lassen.

Am nächsten Morgen sitze ich nachdenklich im Taxi, als der Taxifahrer plötzlich seine 7-järhige Beifahrerin anmacht. „Hey, yu have 2000?“. Die Fahrt kostet 2000, die Kleine hat nur 5000 und der Fahrer kein Wechselgeld. Für Kompromisse haben die Transportunternehmer hier keine Zeit. Also fährt er rechts ran und ist drauf und dran, sie rauszuschmeißen – auf dem halben Weg zur Schule. Draußen warten schon die nächsten Passagiere wie die Geier auf eine Gelegenheit zum Mitfahren.

Ich lenke ein und sage: „Hey, no no. Let her stay. Me pay for us both!“. Der Fahrer versteht und fährt weiter. Über den Rückspiegel wirft mir das Mädchen ein Lächeln zu. Das ist alles, was ich brauche, für diesen Tag.

Auf dem Weg zum Büro stelle ich mir bildhaft eine Anzeige von World Vision vor: „Schenken Sie einem Kind den Weg zur Schule. Für nur 50 Cent am Tag sind Sie dabei.“ Ich muss lachen und freue mich, auch ganz ohne Wein.

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