Ein erster Tageseindruck

Mein Handy klingelt. Ich wache sofort auf, schalte den Wecker aus. Eigentlich überflüssig, denn schon wenig später kräht der Hahn, draußen im Hof. Zeit zum Aufstehen.

Mein Bruder Moses, der UN-Bär "Frank" und ich

Neben mir dreht sich einer meiner vielen Brüder noch einmal auf den Bauch, murmelt etwas in Krio und schläft weiter. Er teilt mit mir sein Bett, für die zwei Monate, die ich in Sierra Leone lebe. Manchmal schläft er auch auf dem Fußboden, meist dann, wenn es keinen Strom und damit keinen Ventilator gibt. Denn dann schwitze ich so viel, dass ein zweiter neben mir wohl leiden würde…

Mit der Taschenlampe suche ich den Weg aus dem Moskitonetz, öffne die schwere Eisentür und laufe auf den Hof. Die anderen schlafen noch, die Haupttür ist also zu. Ich muss zwar dringend aufs Klo, habe aber zum Glück meinen Ipod dabei, setze mich also auf die Stufen der Veranda und lausche ein Weilchen Moby, während mir die Moskitos um die Waden schwirren. Dabei habe ich zwei der zehn wilden Hunde aufgeschreckt, die jeden Tag um das Haus herum im Dreck gammeln und einen Hauch von Sicherheit vermitteln. Sie kennen offenbar schon meinen Geruch,..naja, ich schwitze ja auch mehr als genug.

Wenig später öffnet Ben die Tür. Ben Kargbo ist der Vater der Familie, bei der ich lebe. Drei Kinder hat er mit seiner Frau, dazu einen Adoptivsohn, Alfred. Alfred ist 8 und hat, wie viele hier, seine Familie im Bürgerkrieg verloren. In etwa 20 weitere Kinder und Jugendliche konnte Ben nicht mehr adoptieren – sie kommen trotzdem jeden Tag, für Wasser, Essen auf dem Hof und manchmal ein bisschen Geborgenheit im Wohnzimmer. Wenn die Regierung abends den Strom für wenige Stunden einschaltet, gibt´s dort sogar Jackie Chan Filme zu sehen. So etwa 20 Klassiker auf einer DVD, gekauft vom Händler gleich um die Ecke, alles vom Chinesen importiert.

Zum Frühstück trinke ich heute eine warme Ovaltine, das genügt. Die ersten Tage wurde ich noch mit Reis, Fleisch und Brot versorgt. Den weißen Gast muss man schließlich gut behandeln. Wie ich nun erklärt habe, dass ich morgens gar nicht so viel runter kriege, weiß ich auch nicht mehr. Man will ja nicht unhöflich sein, schließlich kostet das Fleisch hier ein Vermögen.

Während ich es mir in einem der Wohnzimmersessel gemütlich mache, weckt Mama die Kids. Ben Junior, Alfred, Precious und Ahmed müssen zur Schule… ich suche mit meiner Taschenlampe nach meinem Notebook-Netzstecker. Das Notebook habe ich schon vor Tagen im Oxfam Büro gelassen, aus Sicherheitsgründen. Ben Junior zieht sich neben mir die Schuluniform an, das Hemd viel zu groß, bis zu den Knien geht es. Dennoch sieht er richtig gut aus, so in Uniform, mit seinen 9 Jahren.

Im Sofa nebenan raschelt eine Ratte, die sich offenbar von meinem Essen im Haus angezogen gefühlt hat. Erst bin ich nicht sicher, dann sehe ich sie vom Sofa hinter meinen Sessel laufen. Ich mache erst gar keine Anstalten, Ben darüber zu informieren. Das gehört hier wohl dazu, denke ich.

Ich gehe auf`s Klo. Ja, hier gibt es ein richtiges Klo. Zwar ohne Klobrille und Spülung, aber immerhin muss ich nicht in den Garten – und Klopapier gibt es auch. Ich verrichte also mein morgendliches Geschäft, spüle mit einem Eimer Wasser, den ich in einer Regentonne fülle. Danach springe ich das Duschbecken und wasche mich, mit Handseife und demselben Wasser, ebenfalls aus der Tonne. Alles kalt, aber darüber bin ich froh, das macht wach und erfrischt. Mein Handtuch nutze ich seit einer Woche. Heute lege ich es aber zu meinen T-Shirts, die Mama Africa (die ich so nenne, weil ich mir einfach ihren Namen nicht merken kann) heute waschen will. Anschließend gibt’s noch schnell etwas Desinfektionsmittel in die Hände – das hat mir mein deutscher Freund vom THW geschenkt. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, es auch als Aftershave zu benutzen. Man weiß sich zu helfen.

Wenig später ziehe ich dann auch schon los, mit meinem Safarihut und meinem Rucksack. Ab in die staubigen Straßen von Malama. Eine SMS kann ich heute morgen keinem schicken, keine „Units“ mehr auf meiner Karte. Bald will ich zu Africell oder Tigo wechseln, das ist wohl viel günstiger. Naja, meine Simcard habe ich eben gleich am Flughafen gekauft, das war vermutlich nicht so klug.

Die Straßen sind noch leer, es ist erst kurz nach sieben. Hier wird aufgestanden, wenn die Sonne aufgeht, denn sie geht auch früh unter – und ohne Strom ist dann nicht mehr viel zu machen vom täglichen Wäsche waschen, kochen und organisieren auf dem Hof. Gehwege gibt es nicht, eigentlich ist die Straße auch zu eng für zwei Autos und eigentlich ist es auch gar keine Straße, sondern eher festgefahrener Sand mit Steinen und Schlaglöchern. Dennoch ist es hier der Weg zur Schule oder Arbeit – oder zum Einkaufen, für alles eben, was man so braucht.

Die fliegenden Händler machen langsam ihre Geschäfte auf. Da so früh von Malama aus noch kein Taxi unterwegs ist, laufe ich zum Kreisverkehr im Zentrum von Lumley, der Gegend von Freetown, in der ich wohne. Einige Händler grüßen mich, sie kennen mich seit ich einmal bei ihnen eingekauft habe. Klar, bin ja auch der einzige Weiße hier – und dann noch mit so einem albernen Safarihut. „How de body“ rufen sie. „De body fine“ rufe ich zurück. Einige tuscheln auch hinter meinem Rücken auf Krio über mich und lachen dann peinlich berührt, wenn ich mich umdrehe und ihnen mit einem Lächeln zu verstehen gebe, dass ich das durchaus mitbekommen habe. Links und rechts laufen mir Kinder entgegen oder vor mir weg, alle brav in Schuluniform, manche grün, manche blau, manche kariert.

Am Kreisverkehr angekommen, startet der morgendliche Kampf um einen Platz in den Taxis. Die Taxis sind hier private Autos, meist uralte Nissans oder Toyotas, die fast auseinander brechen. Auf Seite des Beifahrers beuge ich mich Richtung Fahrer und rufe „Wilbaforce“, das ist bei der Ausbildungsstätte der Sierra Leonischen Armee – und der Ort, zu dem ich muss. In Freetown gibt es mehrere solcher Knotenpunkte, an denen je 50 Leute am Straßenrand stehen und um ein Taxi zu einem der anderen Punkte kämpfen. Während der Fahrt hänge ich meinen Safarihut seitlich über meine Wange, um nicht ganz so viel vom Diesel und Dreck der Straße abzubekommen. Die Fenster sind hier immer geöffnet, Klimaanlage gibt es nicht und der Drehknopf zum Hochdrehen der Fenster ist schon lange abgebrochen. Der Beat der afrikanischen Musik passt zum Rumpeln der Karosserie und dem Rhythmus der Schlaglöcher. Manchmal entsteht in den Taxis eine richtige politische Diskussion zwischen Fahrer und Fahrgästen. Krio ist zwar Broken English, aber so melodisch, dass es sich für mich wie diskutierende Hühner anhört. Ich muss dann schmunzeln – und zwischendrin verstehe ich Namen wie „Barack Obama“ oder „De President Koroma“.

Wir sind in Wilbaforce, weiter geht’s zur Tigo Junction, dort ist das Oxfam Office. Manchmal fahren die Taxifahrer auch direkt durch, dann zahle ich noch weniger. So muss ich heute doppelt zahlen, ganze 2000 Leones für eine Fahrt quer durch die Stadt, das sind umgerechnet 50 Eurocent. Inklusive Blick aufs Mehr. Ich stelle mir immer vor, dass da noch heute Piraten langfahren und die ganzen verrückten Importeure bestehlen. Also die mit den guten Sachen, mit dem Mercedes M-Klasse Autos für die korrupten Regierungsmitarbeiter hier. Aber auch sonst ist der Strand ganz schön. Neulich war die Amistad da, das ehemalige Sklavenschiff, mit dem die Sklaven von Großbritannien befreit und zurück nach Sierra Leone (Löwenberge) geschifft wurden – gemischt mit ein paar aussätzigen Prosituierten aus England. So entstand Freetown –

der Name ist hier eben Programm.

Das Oxfam Büro liegt auf einem Hügel, gleich neben einer Schule. Kinder laufen kreuz und quer, jeden Morgen auf

Einer von Oxfam's Geländewagen vor Ort

meinem Weg und lächeln mich an. Hier sind sie schon freundlicher, lächeln auch, ohne dass ich selbst den ersten Schritt machen muss. An diesem Ende der Stadt sind viele NGOs und Botschaften, Weißnasen ist man gewohnt – und ihnen teilweise offenbar auch gut gesonnen. In Malama ist man, so empfinde ich es, eher irritiert über meine Anwesenheit. Ich lache also zurück, freue mich jeden Morgen über die Kids und werde jeden Tag vertrauter mit meiner neuen Umwelt hier, manchmal winke ich auch, das ist universell brauchbar und bricht das Eis.

Auf dem Vorhof der Schule gibt es jeden Morgen eine Zeremonie, die Kinder stehen in Reih und Glied und klatschen und singen. Ich sehe es heute zum ersten Mal, da ich früher da bin als sonst. Ein Video oder Foto mache ich heute nicht, erst einmal genieße ich einfach den Eindruck.

Hinter dem 3 Meter hohen Garagentor zum Hof von Oxfam warten schon meine zwei Freunde, die Security-Guards. Beide lachen mich an, eine sie ist auch darunter, sie flirtet jeden Morgen mit mir, mit dem Praktikanten kann man`s ja machen, alle anderen Weißen werden nachwievor oft mit „Sir“ angesprochen, so wie auch ich, selbst von meinen kleinen Brüdern. Ich bin dankbar für die gespürte Distanzlosigkeit und Wärme, von der ich eigentlich viel mehr erwartet hatte, in Afrika.

Ich gebe ihr also meinen Safari-Hut, den ich ihr nun jeden Tag als Leihgabe für die Hitze überlasse und wieder abhole, wenn ich gehe. Am ersten Tag hatte sie mich aus Spaß auf den Hut angesprochen und war dann verdutzt, dass ich ihr auf den Scherz hin den Hut zuwarf. So bleibe ich in Kontakt, das tut gut. Ohnehin mag ich künstlich aufrecht erhaltene Hierarchien nicht gern, schon gar nicht in einer humanitär aktiven NGO. Ich werde aber auch nicht enttäuscht – mein Interims-Boss Glenn aus Kanada arbeitet am Wasser und Sanitärprojekt mit meinen gleichaltrigen Kollegen aus Sierra Leone. Alle drei sitzen in einem Kellerloch des Büros, immerhin mit Klima, eigenem Klo und Kühlschrank. Auch Glenn genießt hier keine großen Privilegien, trotz Auslandserfahrung in 13 Ländern. Zuletzt war er in Pakistan und Angola. Auf die Frage, was seine Familie dazu sagt, dass er seit 17 Jahren im Feld ist, gesteht er ehrlich „They want me to phase out and come back to Canada“. Ich denke darüber nach, wie mein Leben wohl aussehen wird, wenn ich all das unter einen Hut bringen soll. Die Antwort gibt mir Glenn mit auf den Weg, als ich ihn nach seinen Kindern frage: „No kids, just animals“. Tja, Hunde schicken vermutlich keine SMS, die einem ein schlechtes Gewissen machen. Bleibt nur die Frage nach der Frau. Aber die spare ich mir für einen anderen Tag.

Im Büro angekommen hole ich meinen Laptop aus einer Schublade von Glenns Schreibtisch. Bei meinem eigenen fallen die Schubladen heraus. Ich habe ein Internetkabel und freue mich jeden Tag über ein bisschen Kontakt zur Außenwelt, zur „entwickelten“ Welt da draußen. Noch haben wir aber keinen Strom, damit auch kein heißes Wasser für Kaffee. Ich helfe also erstmal meinem Kollegen Ibrahim, ein paar Daten in eine Excel Tabelle einzutragen – für eine so genannte „Baseline Survey“ .

Das sind Basisdaten über die Wasserversorgung und Wassernutzung in verschiedenen Dörfern, in denen Oxfam tätig werden will. Dazu gehören Fragen wie „wo defäkieren ihre Kinder?“..mit Antworten wie „im Busch oder am Strand“ oder auch Fragen wie „woher kommt Durchfall?“ mit einer Antwortmöglichkeit „durch Gottes Zorn“. Tja, das ist wohl wichtig, wenn man wirklich helfen will… erstmal verstehen, was die Menschen denken und brauchen.

Als der Strom dann kommt, dauert es eine weitere gute Stunde, bis der IT-Mitarbeiter auch den Server eingeschaltet hat und wir eine Verbindung zum Internet bekommen. Mein Postfach quirlt über, mein Mitteilungsbedürfnis an meine Freunde in Deutschland ist in diesen Tagen verständlicherweise gesteigert, ebenso die Sorge oder liebevolle Teilnahme, die ich wiederum erhalte. Ich freue mich und muss lachen, als ich eine eMail von Paul Mendy bekomme, einem Mitarbeiter von Slok Air, einer Airline, die von Freetown nach Monrovia fliegt oder eigentlich fliegen sollte. Meine Anfrage ist nun gut einen Monat her, für ein Visum nach Liberia hätte ich einen Flug gebraucht – nun bin ich hier und bekomme eine Antwort. Inzwischen weiß ich, dass Slok Air gar nicht mehr fliegt, alle Maschinen werden gewartet – ob das stimmt und was die da machen, weiß keiner so genau. Aber lieber warten als fliegen und abstürzen. Jetzt habe ich jedenfalls Kontakt zum Office in Freetown, einem Joseph. Wenn die Antwort wieder einen Monat dauert und die Buchung dann nochmal zwei Wochen, kann ich Anfang April fliegen. Tja, leider bin ich dann schon in Deutschland. Das ist Afrika, denke ich. Manche Klischees lassen sich eben auch bestätigen.

Den Vormittag verbringe ich – mit dem inzwischen eingetroffenen Nescafé auf Basis heißen Wassers – mit Emails nach Deutschland, denn eine richtige Aufgabe habe ich leider noch nicht, d.h. doch: Am Dienstag habe ich mich mit meine Chef Muhammed aus Rwanda auf den Balkon gesetzt und meine Aufgaben besprochen. Bis ich die Unterlagen dazu in den Händen halte, wird es aber vermutlich noch etwas dauern. Eben so wie die Email von Slok Air. Also beschließe ich, alles so zu nehmen, wie es kommt, ohne meine Erwartungen als Maßstab für richtig und falsch überhaupt erst anzulegen.

Zum Lunch gehe ich dann mit meinem Kollegen außer Haus, denn heute ist unsere Küchenkraft nicht anzutreffen, die normalerweise gegen einen kleinen Beitrag etwas für uns kocht. Außer Haus heißt hier: Den Berg runter, dann rechts, am Special Court für Sierra Leone vorbei und dann die nächste rechts, ganz nah an der Universität. Diese Uni war eigentlich im Landesinneren, erzählt mir Ibrahim. Aber im Krieg haben die Rebellen sie dann abgefackelt – und so wurde sie vorübergehend nach Freetown verlegt. Bald zieht sie wieder um, raus aus Freetown, weg von den Gefangenen auf dem Gelände des Special Courts. Hier sitzen all jene, die nachweislich Mittäter in Kriegsverbrechen während des

Bürgerkrieges waren, Kindersoldaten akquiriert haben, vergewaltigt, geplündert und gemordet haben. Naja, eben jene von denen, die man zu fassen bekommen hat. Charles Taylor war auch hier – wurde dann aber aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt.

„Lieber sollte man das Geld denjenigen geben, die unter dem Krieg am meisten gelitten haben bzw. noch zu leiden haben – den Amputierten.“, so Ibrahim. Was dann mit dem Problem der „Impunity“ und der Rechtsordnung werden soll, frage ich nicht. Überhaupt stelle ich erst einmal nichts in Frage, was mir ein Sierra Leoner erzählt. Ich fühle mich wie ein Kind in diesem Land, ein Kind, das laufen lernt. Und entscheidend ist nicht, was ich denke, sondern erst einmal, was jene gefühlt haben, die das hier miterleben mussten. Ich nicke also stumm, drücke mein Verständnis aus.

Beim kleinen Lokal angekommen fordert mich Ibrahim auf, mich zu setzen. Heute gibt er eine Runde Kassava-Leafs aus. Vor denen hat mich mein deutscher Freund Achim schon gewarnt.. „zu viel Palmoil“, sagt er. Ich esse es dennoch, möchte mich ja einfügen in den normalen Ablauf – und viele Alternativen gibt es hier auch nicht, denn auch die mitgebrachten Corny-Riegel sind langsam matschig. Das Wasser wird in einer Plastiktüte serviert. Einfach an einer Ecke aufbeißen und das Wasser in den Mund pressen. Das kenne ich schon von meiner Familie, die solche Tüten selbst herstellt – mit Wasser aus der örtlichen Grundwasserpumpe. Das garantiert ihnen ein Grundeinkommen und mir eine Runde Durchfall. Deshalb habe ich bisher darauf verzichtet und mir Wasser in Flaschen gekauft. Die Tüten heute scheinen aber zertifiziert, vermutlich ist das Wasser hier einfach aus praktischen Gründen selten in Flaschen. Tüten kann man zwar nicht zudrehen (es sei denn es handelt sich um welche zum Rauchen), dafür trinkt man aber genug, denn abstellen is nich.

Zurück laufen wir wieder am Sierra Leone Special Court vorbei, ich möchte ein Foto machen. Ibrahim stößt mich nur kurz von der Seite an und sagt „You hef tu arsk Permischän“. Okay. Das verstehe ich. Hier sind wohl vor einiger Zeit Leute festgenommen worden, wegen Fotos ohne Erlaubnis. Ich könnte ja ein Spion aus Europa sein, der für Gefängnisarchitekten in der ganzen Welt den Bau des Special Courts kopieren will. Also gut, kein Foto. Dabei erinnere ich mich an meinen zweiten Tag, als ich auf dem Weg zum Strand eines der vielen Leaf-Felder fotografieren wollte und dabei den Stand eines Jeans-Händlers (alle den Umständen entsprechend automatisch im „Used Look“ ) erwischte. Wütend war der, meine Güte. „Ya ya yu weit men! De mek e picscha end den ju mek de monni in de Urop!“… Darauf war ich dann echt nicht vorbereitet, also versuchte ich es mit folgender Antwort „Me only student in Gämanie! No money eida! No meking money, only interested in ya kantrie!

I am here as a friend.“ Das zog. Seit dem bin ich sein bester Freund und wenn ich eine Jeans brauche, soll ich vorbei kommen. Mal sehen. Jeans ist mir eigentlich zu heiß.

Zurück im Büro spreche ich dann nochmal mit der Kollegin im Governance-Team. Was Governance eigentlich so genau ist, weiß hier keiner, genauso wenig wie ich. Deshalb bin ich für den Job wohl auch qualifiziert. Es geht um ein Trainings-Paket für Neueinsteiger innerhalb des Oxfam-Teams in Sierra Leone. Darin sollen nicht nur die theoretischen Grundlagen von Governance erläutert werden, sondern auch praktische Tools an die Hand gegeben werden, wie die so genannte „Good Governance“ denn nun in der Praxis umgesetzt werden soll. Das Konzept steht, ich soll nun das „Editing“ übernehmen, alles also einmal durcharbeiten und eigene Ideen einbringen. Finde ich gut, los geht`s, endlich!

17.30 Uhr, so langsam neigt sich der Tag dem Ende zu, zumindest der Arbeitsteil. Der kanadische Chef wartet ungeduldig auf die beiden sierra leonischen Kollegen, die noch eben eMails checken wollen, bevor er abschließt. Auf dem Weg zum Tor treffe ich meinen Oberboss Muhamed wieder, der mir verspricht, sich dann Montag zu meinem anderen Arbeitsprogramm zu melden – und ganz nebenbei erwähnt, dass er am Freitag und Samstag auf Tour nach Konadugu ist. Ein bisschen stolz ist man ja immer noch, wenn man erwähnen darf, dass das 5,5 Stunden Trip ohne Straßen bedeutet, eine Strecke, insgesamt also 11 Stunden in zwei Tagen. Ich will auch stolz sein dürfen und frage, ob er mich mitnimmt, so in´s Blaue hinein. Warum nicht, antwortet der. Klasse, denke ich. Eine Woche rum und eh man sich versieht, ist man auf einem Roadtrip in´s Landesinnere, mit einem Chef aus Rwanda. Hoffentlich hat Ben am Samstag nicht´s anderes für mich geplant.

Auf dem „Nachhauseweg“ (ich habe keine Ahnung, wie man dieses Wort schreiben soll, egal ob alt oder neu, ich hab´s noch nie gewusst), fahre ich wieder an der Kaserne in Wilbaforce vorbei und nehme zum ersten Mal ein Schild war, das da verkündet „Smart Army uses Condom“. Nett gemacht, mit einem großen Soldaten, der ein Kondom zeigt. Gemalt, so wie eines der vielen Bilder, das man in Einrichtungsläden in Deutschland erstehen kann, wenn man sich einen Hauch kosmopolitischen Flairs im Wohnzimmer leisten möchte. Ob die das auch lesen können, frage ich mich… denn viele sind hier immer noch Analphabeten… naja, deshalb wohl auch das deutliche Bild. Immerhin verbreitet die sierra leonische Regierung keinen gefährlichen Aberglauben, man könne den HI-Virus mit Knoblauch in den Griff kriegen, wie das Thabo Mbeki in Süd-Afrika getan hat. Das ist doch mal ein Anfang.

In Malama sitze ich dann wieder im Taxi – und kurz vor dem Aussteigen fragt mich, nein, bittet, nein fordert mich meine Nachbarin lauthals auf „Pay for me!“. Ich schaue sie fragend an. Ja, ich habe ganz richtig gehört. „Pay faa MIE!“, wiederholt sie, dieses Mal mit Nachdruck. Ich denke an eine von Achim´s vielen Warnungen „Die denken alle, du seist ein Geldautomat“. Außerdem denke ich darüber nach, was nun richtig ist. Viel Zeit bleibt mir nicht, denn ich muss ja noch für mich selbst bezahlen und dann aussteigen. Ich entscheide, nicht für sie zu zahlen. Wenn sie gefragt hätte, hätte ich bestimmt nicht ablehnen können, gerade, weil es für mich nur 50 Cent sind. Aber zum Selbstverständnis, alles was weiß ist, hat auch Geld übrig,

möchte ich keinen weiteren Beitrag leisten. Schon gar nicht in diesem Ton. Der Fahrer sieht das offenbar genauso und unterbricht die Dame neben mir mit einem Kompliment „Yu stay here in Malama as a weit man! Yu ar a frend indeed!“. Das gibt mir Mut und ich vergesse schnell mein schlechtes Gewissen. Nach dem Aussteigen fragt er noch nach meinem Namen – und gibt mir brav das Wechselgeld, bis auf den letzten Cent. Richtig so, denke ich. Ich gebe gern Trinkgeld, wenn man mir die Entscheidung überlässt. Ehre kennt man auch in Sierra Leone – und gerechnet wird hier in Leones, nicht in Euro. Also. Wieder was gelernt.

Mit einem guten Gefühl im Bauch gehe ich dann noch zum nächsten DVD-Dealer und kaufe zum ersten Mal selbst eine dieser 20-in-One DVDs, dieses Mal das Bruce Willis Paket, so gehe ich sicher, dass Alfred die DVD nicht schon hat. Außerdem kann ich Jackie Chan langsam nicht mehr sehen. Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, dass diese ganzen Actionfilme ihren Beitrag zur Faszination und Kriegsromantik geleistet haben, die vielen Kindersoldaten einen „heroisch“ anmutenden Antrieb und das Identifikationspotential gaben, selbst zur Waffe zu greifen. Hier ist halt leider nicht viel mit „Nemo“ und „Ice Age“… wer in Malama überlebt, der muss hart sein, das ist das Credo.

Heute bekomme ich dann auch endlich die unbewusst erhoffte Begrüßung. Vom Nachbarhaus laufen mir vier Kinder in die Arme, umklammern lachend meine Beine. Ein kleiner Junge nimmt mich an der Hand und führt mich nach Hause. Ich bekomme ein warmes Gefühl im Herzen, bin aber gleichzeitig wütend auf mich. Wieso, frage ich, ist es ausgerechnet dieses kitschige Fernsehbild von lachenden Kindern, das ich mir so gewünscht habe. Ich stelle fest, wie sehr ich selbst Opfer dieser Klischeewelt bin. Egal. Ich genieße es trotzdem, denn die Kinder machen es ja schließlich nicht, weil sie vom Fernsehen gelernt haben, dass man Weiße umarmen muss. Jedenfalls bringt einem Jackie Chan das nicht bei.

Alfred freut sich wie ein Kind über die DVD – ist er ja auch. Dennoch war er bislang überraschend schweigsam. Aber jetzt explodiert er fast vor Freude und zeigt die DVD all seinen Brüdern. Angeschaut wird sie ja ohnehin mit allen gemeinsam. Beim Abendessen versuche ich dann, den unsichtbaren aber deutlich spüren Damm zu brechen, der nach wie vor zwischen uns ist. Von meinen vier Orangen esse ich eine selbst und biete die anderen meinen Brüdern – und natürlich auch „P“ (Precious) an. Alle zögern. Bis auf Alfred, der gerne eine annimmt. Ich hoffe innerlich, dass er es nicht aus Pflichtgefühl tut, sondern mich nun annehmen kann als einer von ihnen, nicht einen, der über ihnen steht. Als Ahmed mich nun den Abend über zunehmend „Ole“ und nicht mehr „Sir“ nennt, weiß ich, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss.

Später geht es dann zum Fußballspiel im örtlichen „Cinema“. Heute steht das Halbfinale im Africa Cup of Nations an. Cameroon gegen Gastgeber Ghana und die Elfenbeinküste gegen Titelverteidiger Ägypten. Cameroon steht schon im Finale, als ich heim komme. Das zweite Spiel möchte ich gern mit Frederik sehen, den ich vor meiner Reise nach Sierra Leone auf Facebook kennen gelernt habe. Dazu bitte ich Ahmed, mich zu begleiten, denn vielleicht, fürchte ich, denkt auch Frederik nur, ich sei eine weiße Geldmaschine. Doof, diese Vorurteile, traurig diese Skepsis. Aber „better safe than sorry“, denke ich und nehme Ahmed mit. Frederik will dann tatsächlich einfach nur einen netten Abend haben, besteht sogar darauf, mich und Ahmend einzuladen. Leider spielt die Elfenbeinküste katastrophal und wird von den Ägyptern vom Platz geschossen. Fußball interessiert mich zwar nicht wirklich, aber hier geht es um Loyalität, innerhalb von sub-saharan Africa – und an der Westküste sowieso. Dennoch nimmt es hier keiner so ernst wie die Deutschen. Keiner trauert wirklich, die meisten lachen eher und diskutieren lauthals über den schwachen zweiten Torwart und die Leistung von Didi Drogba. Ich genieße es, zwischen 200 Afrikanern zu schwitzen, aber nach 90 Minuten tut mir das Steißbein vom Sitzen auf den Holzbänken weh. Ich blicke hilfesuchend in Richtung Ventilator, zwei gibt es hier, an der Decke. Das Dach ist aus Planen vom UNHCR, dem Flüchtlingskommisariat der UNO. Schön, dass die recyled werden – und wie kraftvoll und positiv die Symbolik doch ist, wenn „Flüchtlingsplanen“ jetzt Gelegenheiten zum gemeinsamen Jubeln über Fußballspiele bieten.

In der Halbzeit haben Frederik und ich in der lokalen Bar ein „Star“ Bier getrunken. Zwei Plastikstühle und kleine nachttischartige Tische sind unser Equipment. Da mir nach zwei Minuten Smalltalk nichts Besseres mehr einfällt, frage ich Frederik nach dem Krieg. Es ist zwar bitter, dass Sierra Leone im Ausland fast nur noch über Warlords, Blutdiamanten und Kindersoldaten definiert wird, aber deshalb will ich mein Interesse daran auch nicht verstecken. Er war während der Zeit in Freetown. Hier war es zwar verhältnismäßig lange sicher, als die RUF dann aber kam, ging es um alles oder nichts.

Seinen Teil der Stadt hat er selbst verteidigt, erzählt er mir. Eine kleine Bürgermiliz hat es gegeben, die die Häuser geschützt hat, damit die RUF sie nicht niederbrennt. Dann gab es da noch die Kamajor-Milizen, vor denen selbst die RUF Angst hatte. Kamajors, so weiß ich aus einer Doku, sind quasi heilige Krieger, mit viel Aberglauben, Hexenzauber und Federn auf dem Kopf, der Legende nach unverwundbar, auch von Kugeln. Im Bürgerkrieg haben sie zu weiten Teilen Freetown beschützt. Wegen den Kamajors griffen die RUF nur in der Nacht an. Da half dann nur noch Strategie, denn richtige Waffen hatten die Bürgermilizen nicht. Also wurden Straßensperren errichtet und mit Steinen geworfen… ich stelle mir das nicht besonders wirksam vor, aber Frederik sitzt ja vor mir, also hat es offenbar geholfen.

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war er damals – und musste natürlich auch zum Markt, denn ohne Essen ließ es sich genauso wenig überleben wie in einem brennenden Haus. Dann wechselt er schnell das Thema und sagt, dass es manchmal auch besser ist, nicht darüber zu sprechen. Die meisten seiner Freunde gibt es jetzt nicht mehr.

Nach dem Spiel verabschiede ich Fred an der Straße, warte mit ihm auf ein Taxi und suche mit meiner Taschenlampe den Weg nach Hause. Im Wohnzimmer machen die Kinder bei Kerzenlicht Hausaufgaben – auf dem Fußboden. Der Strom ist wieder aus, Bruce Willis muss also noch ein bisschen warten. Ich wasche mir noch einmal den staubigen Schweiß vom Oberkörper und mache mich auf den Weg in´s Bett. „Tumarra“ ruft mir Mama Africa auf der Veranda zu.

Was wohl „tumarra“ passiert?

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Ein erster Tageseindruck

  1. reenste

    ach es ist so schön… ich dachte ich bin direkt bei dir! mehr davon! ich lieb dich! deine schwetza ;-*

  2. Pingback: Alternative Energie: Solarenergie wird in Afrika kaum genutzt… « SocialBlogger.de

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