Reise nach Kabala

An diesem Morgen bin ich nicht ganz so verschwitzt wie sonst, da der Ventilator zum Glück die ganze Nacht in Betrieb war. Dafür fühle ich mich heute erkältet, da er auch noch in mein Ohr gepustet hat, nicht so schön. „Jetzt ne heiße Dusche“, denke ich, nicht zum ersten Mal dieser Tage. Aber is nich. Auch nen Schwarzbrot mit Schwarzwälder Schinken oder Salami wäre nicht verkehrt. Meinem deutschen Freund hatte ich ja eine dicke Salami mitgebracht. War aber zu doof bis drei zu zählen und mich mal zu fragen, warum er die wohl so vermisst. Na gut, Cassava-Leaf zum Frühstück tut`s auch. Yamyam. Während ich meiner morgendlichen Routine auch heute nicht untreu werde, überlege ich, wie ich wohl aussehen werde, wenn ich nach 2 Monaten bei Aldi einkaufe. Vermutlich wie einer dieser Hamsterkäufer nach dem Tschernobyl-Unglück.

Leider wird mein Tagtraum von Salami und Brot jäh unterbrochen von einer weniger appetitlichen Überraschung. Heute kommt er dann doch, der erste Durchfall. Da nützen alle Breitband-Antibiotika nichts und auch das Desinfektionsmittel kommt nicht gegen den ganzen Mist an, den ich hier jeden Tag anfasse, mehr oder minder freiwillig. Ist mir zwar weniger angenehm, diesen Part zu erwähnen, gehört aber ebenso zur harten – bzw. in diesem Fall ja eher weichen – Realität.

Ich ärgere mich, wollte ich heute doch mit nach Koinadugu, bzw. genauer in den Ort Kabala. Dort betreut Oxfam ein Projekt zur höheren Beteiligung von Frauen in der lokalen Politik, genauer gesagt in den so genannten Local Councils. Dort sollen bei den nächsten Wahlen mindestens 5 Frauen einen Posten gewinnen. Finde ich super spannend und frage mich, was wohl die Männer dazu sagen. Aber fünf Stunden Fahrt über Schlaglöcher mit hart gefedertem Landcruiser und Grummeln im Brauch? Geht das gut?

Ich frage kurz noch Ben, ob er Pläne hat. Da er wie zu erwarten noch nichts geplant hat – denn warum soll man auch planen, wenn man eh nicht weiß was kommt – übernehme ich das nun doch für mich selbst und entschließe mich, zu fahren. Ich packe also meine 7 Sachen, ab geht es ins Büro. Während der Fahrt gibt es keine besonderen Vorkommnisse, ausnahmsweise. Dabei muss ich erwähnen, dass ich inzwischen gelernt habe – noch vor wenigen Tagen hatte ich meine Digitalkamera in der Hosentasche, inzwischen nur noch im Rucksack. Einmal hatte ich mich schon auf meine „Hans im Glück“ Ader verlassen müssen, als mir doch tatsächlich die Kamera aus der Hose rutschte. Ich rannte dem Auto hinterher und fand es auf einem Hof für Autoschrott wieder, der Fahrer war am diskutieren. Ich vermute fast, er wollte das eben noch als Taxi verwendete Auto verkaufen. Meine Kamera lag noch drin… ein Glück.

Genauso glücklich bin ich, dass Oxfam als NGO immer einen reichlichen Vorrat an Material hat, darunter nicht nur Drucker-, sondern auch Klopapier. Noch ne Runde Nescafé mit Pulvermilch und ich fühle mich wieder startklar. Jetzt nicht drücken, denke ich. In jeglicher Hinsicht.

Kurz nach 14 Uhr geht es dann auch los, nach Koinadugu. Ich habe natürlich sowohl Handtuch als auch Shampoo vergessen. Irgendwie werde ich diesen Denkfehler nicht los, dass das dann auch egal ist, wenn man sich eh schon dreckig fühlt. Deswegen habe ich z.B. auch kein Deo dabei, das ich mir jetzt morgens so wünschen würde. Wenigstens einmal am Tag gut riechen, wenn auch nur für 5 Minuten. Ach ja… Duft aus der Dose, sowas feines. Hier gibt’s Instant-Geruch nur aus Abgasrohren. Aber gut, abtrocknen kann ich mich auch mit T-Shirt und Haare waschen geht auch ohne Shampoo. Ist ja nur für eine Nacht.

Die Fahrt geht durch mehrere kleine Dörfer. Unser Ziel liegt im Nordosten des Landes. Wir durchqueren erst einmal komplett Freetown, bis wir auf der anderen Seite wieder rauskommen und letztlich im Busch landen. Durch den Dschungel, vorbei an vereinzelt auftauchenden Hüttchen, die teilweise so eine Art getrocknete Palmenblätter als Feueranzünder verkaufen. Hier gibt es nicht viel zu berichten, alles sieht für mich irgendwie gleich aus. Grün eben. Viele Autowracks am Straßenrand, teilweise sieht man ein Feuer in der Ferne. Mal ein Lagerfeuer, mal ein brennendes Dorf, so sieht es jedenfalls aus. Kühe kreuzen die Straße. Einmal latscht eine Horde lustiger Vögel quer über die Straße, Mama und Kinder. Alle fliegen davon, als wir uns nähern. Bis auf einer, der kurz gegen die Scheibe rammt und dann am Boden liegen bleibt. Kollateralschaden auf einer Mission für Demokratiestärkung.

Eine meiner Kolleginnen wirft ihre leere Cola-Dose aus dem Fenster. Auch Kollateralschaden? Wenn Müllverbrennung und Recycling von der Regierung ohnehin nicht übernommen werden, ist es vielleicht tatsächlich egal. Ich denke nach. Auf dem Weg höre ich mit meinem anderen Kollegen ein bisschen African Blues. Den hab ich in New York gekauft, den Stöpsel steck ich ihm ungefragt ins Ohr. Der gerade noch schweigsame Beifahrer wird plötzlich ganz munter, mein Boss Muhamed erzählt mir, dass er Musik aus Mali besonders mag. Wir schunkeln und genießen den Ausblick.

Dann ist der Akku leer, der vom iPod und meiner auch. Wir machen Halt in Makeni, dem Dorf, aus dem Ben`s Familie ursprünglich kommt. Von hier sind sie im Krieg nach Freetown geflohen. Den Chief soll ich ansprechen und von Ben grüßen, hat er gesagt. Falls ich etwas brauche. Mit etwas Klo und Cassava-Leafs (was sonst) bin ich aber schon zufrieden. Dann geht es schnell weiter, zwei Stunden später sind wir schon in Kabala. Dort geht’s ins Guesthouse – oder das, was man hier so nennt. Muhamed diskutiert eine halbe Stunde, denn gebucht haben wir nicht.

Irgendwann bekommen wir dann unsere vier Zimmer. Meines wird besonders gepriesen, denn es hat ein eigenes Bad. Endlich, denke ich. Endlich duschen, endlich fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Doch der Schein trügt. Weder der Duschknopf funktioniert, noch der Wasserhahn. Der bricht einfach ab, als ich daran drehe. Das schöne, große Zimmer hat jetzt mein Kollege. Ich hole mir einen Eimer Wasser vom Hof. Auf der Terrasse treffe ich den ersten Weißen seit ein paar Tagen – und Deutsch ist er auch noch. Er besteht aber darauf, Englisch zu sprechen, denn eigentlich lebt er ja in Washington. Dieser Zwang von kosmopolitisch anhauchendem Smalltalk erinnert mich sofort an einen meiner Mit-Praktis in den VN. Auch ein Deutscher – und eigentlich äußerlich ein Vollspießer. Wenn immer ihn jemand fragte, woher er kommt, verfiel er in einen nachdenklichen Blick und antwortete zögerlich mit einer Stimme wie einer dieser Märchenerzähler von Kinderkassetten: „Well, sät isn’t an ieesie kwestschän tu ansa.“ Er wollte damit zeigen, in wie vielen Orten er doch zu Hause ist. Eigentlich kam er aus einem Dorf bei Mannheim, aber oh weh, wenn das jemand rausfand. Dann betonte er doch lieber, dass er in „New York City STADT“ wohnte, nicht bloß im Staate New York. Eieieiei.

Im Guesthouse sind fast nur NGOs. Für Locals ist es zu teuer, für Businessleute fehlt hier das Business. Aber das Geschäft mit der Hilfe blüht.

Ich wasche mich, wie gewohnt. Als Handtuch dient mein T-Shirt, wie geplant. Der Stecker vom Ventilator funktioniert ebenfalls nicht. Na toll. Schwitzen, stinken und filzige Haare – und dann auch noch Deutsche, die keine sein wollen, mitten im Busch. Na wenigstens ist das Klima anders in Kabala, etwas kühler, nicht ganz so schwül.

Am nächsten morgen finde ich dann schnell heraus, warum der Fahrer unbedingt das schöne, große Zimmer haben wollte. Den Raum verlässt er in Begleitung. Gestern war er noch allein. Das ging aber schnell. Vielleicht wird hier doch noch anderes Business gemacht, denke ich. Obwohl, auch das ist ja Hilfeleistung in der Not.

Schnell fahren wir gemeinsam zum kleinen Dorfhaus, wo unser heutiger Workshop stattfinden wird. Auf dem Weg schnell ein bisschen Brot und Tee zum Frühstück, dann geht’s auch schon los. So ungefähr 9 Damen und 7 Herren sind mit von der Partie, sie repräsentieren verschiedenste Ebenen der Dorfgesellschaft, teilweise Frauen-Organisationen, teilweise den Local Council. Auch der Chairman und der Chief sind da. Wer hier genau was zu sagen hat, wird mir auch nach 2 Stunden nicht klar, zumal natürlich alle Krio sprechen. Deutlich ist aber, dass sich alle sehr engagiert zeigen, mit ihrem Einfluss Gender-Gerechtigkeit zu schaffen, zumindest hier, in ihrem Dorf. Muhamed bemüht sich, klarzustellen, dass es um ihre Zukunft geht, dass es ihre Idee war und sein muss, um dieses Projekt praktisch umzusetzen, nicht jene von Oxfam. Er macht seine Sache gut. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob nicht manche der Herren in Wirklichkeit falsche Spielchen spielen und nur der finanziellen Unterstützung wegen bei diesen Workshops große Reden um Frauenrechte schwingen. Ich will das heute nicht mehr diskutieren und genieße einfach die Chance, diese Erfahrung sammeln zu dürfen.

Zum Abschluss werden ein paar willkürlich wirkende Deadlines festgehalten, wer bis wann was gemacht haben will. Mal sehen, ob das klappt…dann gibt es noch eine Runde Essen und Frei-Getränk für alle. Lustig ist, dass in einem Punkt noch lange keine Gleichberechtigung herrscht – oder einfach nicht gewünscht ist: So nehmen nahezu alle Damen eine Fanta, während die Herren Coke bevorzugen. Seltsam. Vielleicht hat ja doch der Coca-Cola Konzern überall seine Finger im Spiel, so wie einige fanatische Globalisierungs- und Verschwörungstheoretiker das vielleicht behaupten?

Der Rückweg ist dann wirklich anstrengend. Mein Rücken tut weh, mein Hintern auch. In verschiedenen Sitzstellungen versuche ich mich zu entspannen. Keine Musik, kein Wasser mehr, aua aua. Ich komme mir vor wie ein Weichei, aber das gönne ich mir heute mal. Zu Hause berichte ich noch Ben von meinen Erlebnissen. Sein Urteil fällt trocken aus: Die Leute kommen leider ohnehin nur zum Essen. Workshops halten die NGOs am Laufen – und die alten Systeme auch. Wirklich von unten ist das nicht, denn die, die zum Workshop kommen, sind eh schon weit oben. Ben muss es wissen.

Am Sonntag drauf habe ich mich mit meinem Kollegen Ibrahim verabredet, der eigentlich Alhagi heißt. Alhagi also holt mich in Lumley ab, gemeinsam laufen wir an den Strand von Lumley. Eigentlich wollten wir an den River No. 2 Strand, dort soll der Sand richtig weiß sein. Aber heute hat Alhagi kein Motorrad bekommen. Macht nichts, Lumley Beach ist auch schön. Da gibt es nur ein Problem, denn Alhagi kann nicht schwimmen. Macht aber nichts, so passt wenigstens einer immer auf die Sachen auf. Er legt sich mitsamt Hose an den Rand des Wassers, lässt sich umspülen. Ich schwimme ein paar Runden und fühle mich so sauber wie schon lange nicht mehr, denn das Salzwasser reinigt spürbar alle Poren – und dabei hört sich das jetzt an wie die Werbung einer Anti-Aging Creme J Dazu ist es auch noch wärmer als draußen, denn heute ist es richtig kühl.

Wenig später fängt es an, zu regnen. Wir setzen uns in den „Bunker“, das ist hier eine Strandbar, und trinken zwei Malzbier. Ich bestelle mir einen Burger, das erste „gewohnte“ Essen seit ich hier bin. Schmeckt richtig gut, so ein Burger am Strand von Freetown. Ich wundere mich, dass ich keine Cassava-Leafs, sondern echte Salatblätter zwischen den Brötchenhälften finde. Wenig später kommt Muhamed dazu, der heute am Strand joggen war. Er trägt ein cooles T-Shirt von UNDP Burundi und erzählt mir ein paar Geschichten aus Rwanda. Dort, sagt er, gibt es nicht nur Blätter und Reis. Dafür Irish Potatoes und Bonen. Na, das ist doch mal ein Anfang, schmunzele ich J Außerdem geht es dort schnell bergauf geht, wegen des guten Kaffees und der guten Führungsqualitäten des Präsidenten.

Alhagi ist abgelenkt. Frauen, denke ich. Und tatsächlich, wenig später erklärt er mir, dass er eigentlich zwei oder drei Freundinnen hat. Eine Big Madame, eine Medium Madame und eine Small Madame. Small Madame ist nun sauer, da er ihr am Valentinstag nur den Abend zugesteht. Sie will den ganzen Tag und die ganze Nacht. Der Tag ist aber leider schon für Big Madame reserviert. So läuft das hier. An die Regeln muss sie sich halten. Wenig später lerne ich sie dann auch kennen, sie holt ihn vom Strand ab. Nett, und davon dann drei? Ich glaube, ich wäre schlicht überfordert. Aber gut, andere Länder, andere Sitten…

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Reise nach Kabala

  1. shoppingzweinull

    Freue mich, das es Dir dort so gefällt. Viel Spaß und bei dem Schreibtempo, musst Du Dein Blog dann als Buch rausbringen 🙂

    http://www.bod.de

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