Und, wie halten wir’s mit der Religion?

Die letzten Tage sind vergleichsweise ruhig verlaufen – soweit man das von Malama und Freetown überhaupt behaupten kann, denn richtig ruhig ist es eigentlich nie, egal ob auf der Straße, zu Hause oder im Büro. Sierra Leoner debattieren einfach gerne. Obwohl der Begriff „Palavern“ es vielleicht besser trifft, denn auf inhaltliche Stringenz und den Austausch von sachlichen Argumenten kommt es weniger an, als auf den Genuss von Geselligkeit.

So langsam schnappe ich auch vereinzelt Wörter in Krio auf. Mein Lieblings-Ausdruck ist unter anderem „Eeeee booh?“. Das kann man universell einsetzen, wenn man fragen will, was los ist, oder einfach nur, weil einem nichts Besseres einfällt. So geht es mir meistens. Immerhin gewinnt man dann Sympathien, weil manch einer denkt, man könne ihre Sprache sprechen. Ich habe keine Ahnung, wie man das wirklich schreibt, aber ausgesprochen wird es in etwa so. Und das ist bei der hohen Analphabeten-Rate hier ja das Entscheidende.

Ohnehin schreibt man das Meiste in Krio offenbar so, wie man‘s spricht. In der Straße sah ich neulich jedenfalls eine Werbung für ein Gewinnspiel, das einem täglich den Geldsegen verspricht. Angepriesen wie folgt: „Win Moni evri dey.“ Versteht jeder, oder?

Überhaupt sind die Werbeplakate in Sierra Leone gutes Entertainment während meiner täglichen Taxifahrt. So langsam kenne ich zwar alle auf dieser Strecke, aber man achtet ja doch hin und wieder auf andere Details. Besonders interessant finde ich jene für Versicherungen. „De Mammy of de Insurances“ steht bei einem. Die Mutter aller Versicherungen, so so. Was man wohl mit so einer Lebensversicherung anfängt, wenn ein ganzes Land im Krieg versinkt?

Einer der Oxfam Trucks ist deshalb auch alternativ versichert. Dort klebt an der zersplitterten Windschutzscheibe ein runder Sticker mit dem Segen von ganz oben „The blood of Jesus is my insurance cover“. Interessanter Ansatz. Wobei man dazu sagen muss, dass ich bei der Religiosität der Sierra Leoner noch nicht so ganz durchblicke. Die Gretchenfrage ist also noch nicht eindeutig zu beantworten. Laut Weltalmanach sind rund 60% im Land Muslime, die meisten anderen Christen oder Anhänger einer der vielen Naturreligionen. Im Bürgerkrieg hat das zum Glück keine Rolle gespielt, wer weiß, welche Formen der Verlauf sonst noch angenommen hätte.

Aber auch aktuell scheint hier bzgl. der Religionen große Toleranz zu herrschen. Auf vielen Taxis und Minibussen prangen Aufkleber mit Schriftzügen wie „With god everything is possible“ oder „Praise the Lord“. Welcher Gott oder Lord damit nun gemeint ist, bleibt meist offen. Die einzigen Negativschlagzeilen in diesem Kontext haben m.E. nicht Sierra Leoner, sondern Pakistanische Peacekeeper zu verantworten, die während ihrer Anwesenheit als Teil der UN-Mission ungefragt Moscheen bauten und aktiv zum Islam zu missionieren versuchten.

Die negativen Folgen halten sich aber vermutlich in Grenzen. Das T-Shirt eines vorbeilaufenden Fußgängers klärt mich auf „Fuck you, Bin Laden“. Na, dann ist ja alles im grünen Bereich. Jeder geht seinen Weg – und den täglichen Kampf um‘s nächste Essen teilen hier durchweg alle, gleich welcher Glaubensgemeinschaft. Im letzten Workshop haben wir deshalb auch alle „Individual Prayers“ abgehalten, jeder für sich, im Stillen – vermutlich das erste Mal, dass es wirklich still war..:-)

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