In’s Gewissen gebissen

Der gestrige Tag war nach langsamem Start dann doch noch nervenaufreibend, sprich: blogreif. Fangen wir also vorn an. Ich befinde mich, wie jeden Morgen (aber das wisst Ihr inzwischen ja) auf dem Weg zum „Lumley Roundabout“, also dem Weg von Malama zu dem Punkt, wo die ersten Taxis losfahren. Ich laufe also wie immer die staubige Schlaglochwüste hinunter und fühle mich inzwischen schon so gut eingelebt, dass davon auch keine besondere Herausforderung mehr ausgeht. Meine ich.

Bis plötzlich jemand an einem der vielen Riemen meines Rucksacks zieht. Verwirrt drehe ich mich um und stelle erleichtert fest, dass es sich um einen Freund von Ahmed, einem meiner Gastbrüder handelt. Also alles in Ordnung. Ich stelle aber ebenso fest, dass ich vollkommen überfordert gewesen wäre, wenn tatsächlich jemand versucht hätte, mir meine Tasche zu entreißen. Nach einer kurzen Konversation mit Albert lande ich dann, wie gehabt, im Taxi.

„Ich kenn dich“, sagt der Fahrer. Aber nicht auf nette Art, sondern mehr so im Ton eines aggressiven Türken auf dem Kiez nach dem Schema „Icsh weiß wo du wohnst, Alter“. So jedenfalls hört es sich für mich an. Nach dem Rucksack-Erlebnis bin ich vielleicht auch einfach leicht angeschlagen.

Tatsächlich, der Fahrer kennt mich. Er hatte mich schon einmal gefahren, ein paar Tage vorher. Also alles im Lot. Mengenrabatt darf ich deshalb aber nicht erwarten. Im Gegenteil: Der Kerl ist mit allen Wassern gewaschen (woher das Wasser hier kommt, hatte ich ja bereits erläutert). Weiße NGO-Trucks überholt er einfach rechts, Anweisungen von Verkehrspolizisten lassen ihn ohnehin kalt. Und wenn einer meint, über den Fahrpreis verhandeln zu müssen, fährt er rechts ran und wirft ihn raus, auch für umgerechnet 20 Cent. Aber gut, so komme ich wenigstens pünktlich.

Auf dem Weg entdecke ich Nähe Wilberforce bei einer der Schulen ein weißes Schulkind, so in etwa 8 Jahre alt. Ich wundere mich, ist es doch das allererste weiße Kind, das ich während meiner zwei Wochen hier sehe. Ich frage mich, wie es hier wohl gelandet ist und wie es ist, als einziges weißes Kind mit all den Sierra Leonischen Kindern zur Schule zu gehen. Meine Fragen beantwortet das Kind dann selbst. Als wir vorbeifahren, dreht es sich zu mir und ich merke schnell: Es ist eigentlich nicht weiß, sondern schwarz.

Aber Albino. Soll heißen: „Afrikanische Lippen“, „afrikanische Kopfform“, aber „weiße“ Haut und rötliche Augen. Für mich ein weiterer Beleg dafür, wie verrückt unsere Einteilung in schwarz und weiß eigentlich ohnehin ist. Schon allein beim Beschreiben dieser Situation komme ich mir vor wie ein Rassist, weiß aber nicht, wie ich es anders in Worte fassen soll, ohne diese „Farbworte“ zu verwenden. Ich hoffe, ich werde nicht missverstanden.

Bei der Arbeit kann ich heute eine ruhige Kugel schieben, denn die Umfrage-Analyse über die Wassernutzung haben wir den Tag zuvor endlich abgeschlossen. Das ganze Büro ist heute bei einem Workshop über Gender-Fragen, es ist also totenstill. Ich nutze die Zeit für meine Uni-Bewerbungen. Muhamed ist heute auch müde. Wir planen also, früher zu gehen, gemeinsam auf ein Bier. Daraus wird aber zunächst nichts, denn der einzig verbliebende Truck springt nicht an. Ich warte in etwa eine Stunde, lese eines meiner Bücher mit Musik im Ohr und Ausblick aufs Meer.

Danach verwickelt mich einer der Sicherheitsleute in ein Gespräch. Wie lange ich hier bleibe, was ich hier genau mache, woher ich komme – das Übliche eben. Ich frage genauso „üblich“ zurück. Was ich höre, überrascht mich dann aber doch. Seit 2,5 Jahren arbeitet er für die Firma, die hier für die Sicherheit verantwortlich ist, 12 Stunden am Tag. Davor hat er 2 Jahre für eine andere Firma gearbeitet. „Die haben zu wenig gezahlt“, sagt er. Ob er denn nun mehr bekommt, frage ich. „60% mehr“, sagt er! Wow, denke ich. Bis ich höre, dass es sich um 80 Dollar im Monat handelt. Vorher waren es also 50 Dollar. Das ist selbst für Sierra Leone wenig.

Ben hatte mir vor ein paar Tagen erzählt, dass sein englischer Boss bei einem der NGO-Jobs rund das 50fache von ihm als „Local“ verdiente und deshalb stets ein schlechtes Gewissen hatte. „Weißt du“, sagte er, „das ist schon okay. Schließlich könntet ihr in Deutschland oder England ja auch ganz andere Summen verdienen, wenn Ihr Euch nicht gerade für die Arbeit in der dritten Welt entschließen würdet.“ Da ist was dran. Fühlt sich trotzdem nicht gut an.

Nach dem Gespräch laufen Muhamed und ich dann zum örtlichen Krankenhaus, wo unsere Kollegin, ich nenne sie hier mal „Fatmata“, sich Sorgen um ihren Bruder macht. Eigentlich kommen wir nur, um ein anderes Auto dort abzuholen. Aber wir wollen natürlich auch kurz Beistand leisten – soweit wir das überhaupt können.

Im Krankenhaus gibt es zu diesem Zeitpunkt kein Licht. Fatmata freut sich dennoch, uns zu sehen. Ich lächle beschämt, denn irgendwie ist es ja kein Anlass zum Lächeln. Aber aufbauen möchte man sie ja dennoch. Ich halte mich also einfach zurück, senke meinen Kopf zu Boden, und warte was passiert. Dann geht Fatmata in den Flur, um ihren Bruder noch einmal zu sehen. Muhamed ermutigt mich mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. Ich bleibe in der Tür zum Krankenzimmer stehen, kann aber hören, wie schwer er atmet. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht schreiben, denn das geht wohl niemanden etwas an.

Der Putz kommt von den Wänden. Wir stehen im Flur und reden über das Alltagsgeschäft im Büro, um Fatmata etwas abzulenken. Ich kann weder zur Situation ihres Bruders, noch zum Bürotalk viel beisteuern, also schweige ich und höre einfach zu. Unter einer Türritze zischen zwei Mäuse hervor und laufen den Flur entlang.

Dann geht das Licht an. Zwei Krankenschwestern leisten den Mäusen Gesellschaft. Sie laufen ebenfalls den Flur hinunter, zum Zimmer von Fatmatas Bruder. Irgendwas läuft hier schief, denke ich. Insgesamt kann man das wohl auch so stehen lassen. In dieser Situation aber ist alles den Umständen entsprechend in Ordnung. In einer Flasche Wasser rühren die Krankenschwestern etwas an, was genau, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Situation zum Verzweifeln ist. Nicht nur hier und heute, aber überall in Sierra Leone.

Auf der Straße werden Medikamente ohne Verpackung und Beipackzettel verkauft. Meist handelt es sich um nichts weiter als abgelaufene Vitamintabletten. Neulich brachte eine Nachbarin ihr krankes Baby vorbei, als wir alle auf der Veranda in Malama saßen. Zur Behandlung halfen dann alle mit. Einer hielt die Arme fest, ein anderer die Beine, ein Dritter öffnete den Mund, während die Mutter einen Vitaminsaft einflößte. Welche Krankheit man damit genau heilen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es vermittelt wenigstens das Gefühl, etwas getan zu haben, auch wenn das Baby erstmal furchtbar geweint hat.

So muss ich vermutlich auch meine Rolle als Praktikant von Oxfam einschätzen. Ich bewirke wahrlich nicht viel. Ich verdiene mit meiner bescheidenen Anwesenheit mehr als der Sicherheitschef mit 12 Stunden Arbeit am Tag.

Aber ich habe wenigstens das Gefühl, etwas getan…oder, sagen wir: Es versucht zu haben.

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