25% sind um. Zwischenbilanz.

Gute zwei Wochen bin ich nun schon hier, rund ein Viertel ist also rum. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was ziehe ich für Schlüsse, was für Konsequenzen? Welche Rolle nimmt diese Erfahrung in meinem Leben ein?

Diese und andere Überlegungen lassen sich gut am vergangenen Wochenende veranschaulichen, denn obwohl nicht viel „Greifbares“ passiert ist, hat sich der Verdauungsprozess der Erfahrungen hier deshalb nicht verlangsamt. Im Gegenteil.

Womit beginnt das Wochenende im Regelfall? Genau, mit dem Freitag… Also los.

Für den Freitagabend war ich zu einem deutschen Abschiedsabend geladen. Ein Journalist aus Oxford, der hier gerade freiberuflich für Oxfam eine Fotoreportage macht, hatte mich freundlicherweise eingeladen, damit ich endlich mal Anschluss an die deutschen Kollegen hier bekommen würde.

Bei „Alex“ sollte das Ganze stattfinden. So hieß der deutsche Journalist, der nun nach sechs Wochen Freetown wieder seine Heimreise antreten würde. Doof nur, dass ich keine Ahnung hatte, wo Alex denn nun wohnte.

Ich sitze also im Taxi und versuche, den Weg zu diesem Alex zu finden. Der englische Journalist beruhigt mich am Telefon und sagt, ich solle einfach den Fahrer fragen. Und Tatsache, der Fahrer weiß, wo „Alex‘s Place” ist. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass es sich dabei nicht um Alex privates Apartment, sondern um ein Restaurant handelt, dass zufälligerweise auch Alex’s heißt. Na dann ist ja alles klar.

Auf dem Weg hinein fragt mich eine junge Dame, ob sie mich begleiten darf. Ich lehne höflich ab. Selbst wenn ich gewollt hätte, würde mein Bargeld nicht reichen. Ich war ja nur auf eine private Party vorbereitet. Nun muss ich tief in die Tasche greifen, fürchte ich. Aber in der Tat zahle ich trotz der netten Atmosphäre und europäisch-amerikanischem Essen nur 7 Euro. Sieben Euro für zwei Bier und einen guten Burger namens „Big Al“. Cool.

Was weniger cool ist, ist der verkrampfte Start in den Smalltalk an diesem Abend. Endlich treffe ich mal deutsche Leidensgenossen, die mir vielleicht ein paar Tipps zum Thema „Verdauung von Cassava-Leaf bei gleichzeitiger Vermeidung von Sonnenbrand“ geben könnten. Und dann sowas.

Die netteste Unterhaltung führe ich mit einem UN-Veteranen aus dem Sudan, der den Angriff der Irakis auf Kuwait und das Chaos in Somalia miterlebt hat. Und eben mit jenem Briten, der mich ursprünglich eingeladen hatte. Nein, denke ich, so vermisse ich Deutschland nun wahrlich nicht. Jeder Versuch, sich über persönliche Motive und Hintergründe des Auslandsaufenthaltes auszutauschen, endet in Angeberei und Schw…vergleich. „Ich bin schon ein Jahr in Sierra Leone“… , „Ich hab ja in Genf studiert“… „ich war schon in so und so viel Ländern“… „am besten, du fängst bei kleinen NGOs an und gehst dann zur UN“…. „und du? Was hast du so gemacht?“. Ätzend. Ich langweile mich.

Fazit No. 1: Arbeiten im Feld bedeutet jedes Mal auch, neue Freunde finden zu müssen. Da das für alle gilt, die im Feld arbeiten und es Dauer weh tut, sich ständig zu verabschieden, legen sich die meisten nach einer Weile eine emotionale Schutzhülle zu. Über allzu Persönliches wird meist gar nicht mehr gesprochen, mit dem Alleinsein muss man sich wohl oder übel anfreunden. Oder man hält sich an die Freunde zu Hause. Was soll das auch mit den Freundschaften? In drei Monaten ist man ja eh wieder woanders. Oder der andere ist weg. Oder beide.

Vielleicht, grüble ich, dauert es auch einfach etwas, bis man sich hier einlebt und das Mauern ein Ende nimmt. Eigentlich bin ich ein geselliger Mensch und finde schnell Anschluss. Aber an diesem Abend vergeht mir die Lust.

Bei der Suche nach einem Taxi zur Heimkehr zeigen sich die deutschen Kollegen dann wieder fürsorglich. Keiner der Taxifahrer will mich mitten in der Nacht noch nach Malama fahren. Zu weit, zu dunkel, zu wenig Geld. Irgendeinen Grund findet jeder von den Fahrern, die um 2 Uhr nachts noch rumstehen.

Nach einer halben Stunde Verhandeln finden wir dann doch noch einen Fahrer. Alex gibt mir demonstrativ seine Nummer, damit ich ihn kurz informiere, sobald ich gut angekommen bin. So kriegt auch der Fahrer mit, dass sich jemand Sorgen macht, sollte er mich entführen. An diesem Abend läuft aber alles gut, zumindest mit der Heimkehr.

Zu Hause fallen mich dann die Hunde an. Ich vermute mal, dass ich nach zwei Bier einfach anders rieche. Oder sie haben ab zwei Uhr nachts ihren Alarmmodus an. Keine Ahnung. Immerhin hört mein Bettnachbar so, dass ich da bin – und öffnet die Tür. Ich schlafe schnell ein.

Der Samstag verläuft ruhig. Eigentlich wollte ich heute mit meinem Boss und Alhagi an den River Nr. 2 fahren, einen der schönsten und weißesten Strände Afrikas. Daraus wird aber nichts. Muhamed sagt ab, also haben wir kein Auto. Alhagi hat auch anderes vor. Ich laufe allein an den Strand von Lumley, bestelle mir in der Bunker Beach Bar ein Malzbier und genieße die Sonne.

Aber ich bin auch einsam. Mit Musik im Ohr gehe ich in mich, den ganzen Tag. Ein guter Platz zum einsam sein, denke ich. Die Sierra Leoner am Strand sehen das anders. Jede Minute quatscht mich einer an, obwohl ich demonstrativ die Stöpsel im Ohr habe. „Hey, waz ya name?“…“Hey, Mr. Where yu from?“…

Als ich mich beim vierten Belagerer einfach genervt wegdrehe, wird der richtig ernst: „Hey you! I want to be your friend! Talk to me! I like you, okay?”. Ich will heute in Ruhe über Freundschaften und den Smalltalk vom Vorabend nachdenken. Und ausgerechnet dann bietet mir einer nach dem anderen seine Instant-Freundschaft an. Ist ja lieb gemeint, aber heute bin ich echt nicht in der Stimmung. Ich werfe mich in die hohen Wellen, lasse mich umwerfen, davon spülen und genieße das Salz auf den Lippen.

Komisch, denke ich. Für mich bedeutet das Meer hier die unendliche Freiheit, der Blick in die Ferne, die Sehnsucht nach Weite. Für jene, die hier wohnen und ihr Land vermutlich nie werden verlassen können, ist es eine Grenze, eine Mauer, die sie nicht besiegen können, die Schlucht, die sie trennt von der Welt da draußen. Vielleicht sehe ich heute auch alles zu dunkel.

Dennoch ist was Wahres dran an dem Gedanken. All das, was wir als Westies hier exotisch finden, all jenes, was uns für 2 Monate den vermeintlichen Ruhm eines Indiana Jones verspricht…all das ist für die Menschen hier bitterer Alltag – ohne Alternative.

Zwei Monate ohne Strom und fließend Wasser, zwei Monate mit Ratten, Malaria und ohne Schule… das klingt vielleicht als Eintrag in meinem Blog oder als Kolumne im Spiegel aufregend. Aber auch nur, wenn man beim Lesen einen Cappuccino im warmen Sessel seines Stammcafés schlürfen kann.

Oder wie in meinem Fall: Wenn man mit diesen Geschichten nach Hause kann, um dort seinen Freunden davon zu berichten. Wenn man sein Leben lang keine echte Alternative hat, ist das nicht interessant oder aufregend – sondern schlicht und einfach zum Kot….

Fazit No. 2: Diese zwei Monate sind in jedem Fall eine wertvolle Erfahrung, selbst, wenn sie mir etwas ganz anderes lehren als ich vor Antritt der Reise erwartet hätte. ´

Das bestätigt sich auch am Sonntag. Ich bleibe zwar den ganzen Tag zu Hause, bekomme aber dennoch so einiges mit. Als ich es mir auf der Veranda gemütlich mache, wird im Nachbarhaus der Sohn geprügelt. Mit der Mutter wird nicht diskutiert. Bei Meinungsverschiedenheiten wird spürbar deutlich, wer hier das Sagen hat.

Als ich verstört rüber blicke und überlege, wie ich mich verhalten soll, fragt mich Mama Africa, ob wir das etwa anders handhaben würden, daheim, in Europa. „Ja…eigentlich schon…“ zögere ich… „How about school?“, hakt sie nach….“Don’t even de teachers beat the kids?”…. “No!!!”, protestiere ich und lasse mein Unverständnis kopfschüttelnd an ihr aus. „In Europe, a teacher is fired when he beats a kid!”.

Wenn Kinder geschlagen werden, um eine Diskussion wirkungsvoll zu unterbinden, dann ist es ein weiter, weiter Weg zu eigenen Gedanken und demokratischen Strukturen. Das ist Fazit No.3. Und dabei belasse ich es mal, für dieses Wochenende.🙂

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