Über Stock und Stein – Rückreise aus Kailahun

Um 7 Uhr morgens sollen wir vom Fahrer abgeholt werden, um unsere Heimreise nach Freetown anzutreten. Ich bin ohnehin schon verkatert von einer viel zu kurzen Nacht, als ich feststelle, dass wir heute Morgen weder Strom, noch Wasser haben, um Kaffee zu trinken oder wenigstens Zähne zu putzen.
Wir warten geschlagene zwei Stunden bis endlich der Landcruiser der 50/50 Group auftaucht. BMT nennt sich das hier: Black Men‘s Time. 07:00 Uhr BMT entspricht also 09:00 Uhr GMT. Interessant.

Und damit nicht genug. Das Auto ist vollkommen überladen, auf dem Dach ein altes Bett und ein paar Container mit undefinierbarem Inhalt, Brennholz und Gepäck – und jetzt kommt’s: Im Auto selbst sitzen sämtliche Teilnehmer des Workshops, natürlich ohne Ankündigung.

Florie schaut mich an und verdreht die Augen. Irgendwann finden wir mit viel Mühe ein paar Zentimeter Sitzplatz – das Ergebnis: Ich bin in einem 4×4 einer Frauenbewegung, gedacht für maximal 7 Passagiere mit 10 Frauen, einem verzweifelten Fahrer und zwei Hühnern, die an den Füßen zusammengebunden im Kofferraum vor sich hinschnattern. Wobei das im Schnattern meiner Beifahrerin locker untergeht. Ich nehme es zunächst mit Humor, viel anderes bleibt mir wohl auch kaum übrig. Und irgendwie ist es ja auch genau die Situation, die man sich auf einer Reise wie meiner für einen schönen Blogeintrag wünscht🙂

Allerdings schlafen mir nach gut drei Stunden Fahrt die Beine ein, da ich völlig eingeklemmt neben 3 echten Kampfgeschossen sitze, deren Hinterteile die Maße eines 50kg Sackes Reis um Längen und Breiten schlagen – und in jeder Pfütze biegen sich die Stoßdämpfer hör- und spürbar unter uns. Ich liege teilweise mit 45 Grad Winkel an die Scheibe gepresst und stelle mir bildhaft einen Artikel in der Hamburger Morgenpost vor: „Soziologie-Student der Uni Hamburg unter 10 Frauen in afrikanischer Pfütze begraben. Nachforschungen zeigen: Er hatte Gender-Studies zu oft geschwänzt.“ Die Lage ist im wahrsten Sinne des Wortes: Erdrückend.

Auch Fahrer Augustin ist sichtlich gestresst – die Damen behandeln ihn teilweise wie einen Hund – die umgedrehte Hierarchie wird genossen und genutzt. Ich versuche ihn immer mal wieder zu beschwichtigen und mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Stück für Stück laden wir schließlich die Damen aus – ein paar in Kenema, ein paar weitere in Bo. Ich nutze die Gelegenheit, um mir ein paar Kochbananen und Mangos zu kaufen, als ein kleines Mädchen mir gleich die passende Notfalllösung anbietet: Rehydrationspulver nach Durchfallerkrankungen. Ein komisches Bild, aber so inspirierend, dass wir kurz vor Freetown dann tatsächlich nochmal eine Pinkelpause einlegen.

Ich gebe mich großzügig und lade Florie auf eine Runde „Pipimachen“ ein. Klingt zwar komisch – doch in der Tat – big biznes kostet hier 200 Leones, small biznes 100 Leones. Ich habe gerade noch etwas Kleingeld – so machen wir alle ein gutes Geschäft. Unter anderen Umständen hätte man sich vielleicht auf einen Drink eingeladen, aber gut…

Irgendwann fährt Fahrer Augustin plötzlich links ran, denn auf der Straße feilbietet jemand eine Art Waschbär zum Kauf bzw. Verzehr an. Doch als er näher hinschaut, entscheidet er sich ganz schnell gegen den Kauf. Der Grund: Diese Tiere essen menschliche Überbleibsel und ernähren sich quasi auf Friedhöfen. Gut, ich sehe ein, das will man nicht unbedingt selbst essen.

Gegen 19 Uhr sind wir dann endlich in Freetown, eine Stunde später werde ich vor den Sicherheitstoren meines Apartments abgesetzt, gerade zum rechten Zeitpunkt, denn Glenn öffnet soeben eine Flasche Wein – und die schlägt ein, denn gegessen habe ich heute fast gar nichts.

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