Monatsarchiv: Februar 2009

Ein bewegender Tag: Uwe auf Spiegel Online

dsc_3350Tja, wo fange ich an? Was soll ich noch sagen? Um ehrlich zu sein: Euer Feedback hat mir an diesem Tag schlichtweg die Sprache verschlagen – und nicht nur mir, nein, auch Uwe.

Der Tag ging bereits gut los: Mit einem stressigen, intensiven, aber auch sehr guten Fernsehdreh – in Kürze werde ich genaueres berichten, wenn ich weiß, wann gesendet wird… Los ging es heute bereits um halb neun, gedreht wurde bis fast 16 Uhr nachmittags.

Uwe und ich durften unsere Geschichte gemeinsam nochmal aus verschiedenen Blickwinkeln wiedergeben – aber: Es gab auch sehr wichtige, neue Schritte an diesem Tag.

Unter anderem hat Uwe auf dem zuständigen Amt in der „Kurt-Schuhmacher-Allee“ seinen Dringlichkeitsschein beantragt und sofort ausgestellt bekommen. Damit kann Uwe nun sehr viel leichter an eine Sozial-Wohnung kommen, als dies zuvor möglich war. Wer von Euch (z.B. Studenten) den §5-Schein noch kennen sollte: Der Dringlichkeitsschein von Uwe liegt jetzt noch zwei Stufen darüber. Na mal sehen, ich hoffe, es hilft! Jedenfalls hat uns der durchaus sehr nette Herr von der Behörte zugesagt, dass er alles in seiner Macht stehende tun wird, um Uwe schnell in Wohnraum zu vermitteln.

Eine Lösung in diesem Rahmen wäre z.B., dass Uwe zunächst in eine Art „Übergangslösung“ zieht. Dort wird dann Uwe nicht direkt in den Mietvertrag eingetragen, sondern erst nach knapp einem Jahr, wenn alles gut gegangen ist. Während diesen Jahres wird Uwe ca. einmal pro Woche oder einmal alle zwei Wochen besucht. So hat Uwe weiterhin einen Ansprechpartner. Wir werden sehen, welchen Weg Uwe nun einschlägt bzw. welche Möglichkeiten sich nun auch tatsächlich eröffnen.

Bezeichnend war, dass trotz Fernsehen im Hintergrund der Berater der Behörde tatsächlich selbst zugeben musste, dass es einfach schlicht viel zu wenig Wohnraum in Hamburg für bedürftige Menschen wie Uwe gibt. Ergebnis: Selbst die wenigen, die sich aufraffen, um diesen Schritt zur Beantragung des Scheines zu schaffen, warten unter Umständen noch einmal ein halbes Jahr oder länger, bis sie dann tatsächlich vermittelt werden.. oder auch nicht. Denn letztlich hängt es vom Vermieter ab. Und Uwe fällt in Behördensprache wohl bereits unter „schwer vermittelbar“. Das alles hat mir schon deutlich zu denken gegeben. Allerdings sind wir dennoch beide froh, dass zumindest dieser Schritt nun hinter Uwe liegt. Nun heißt es: Daumen drücken.

Nach einer Mittagspause ohne Filmcrew und mich hat Uwe dann einen Existenzgründungs-Berater getroffen: Meinen Freund Florian.

Florian arbeitet bei einer Existenzgründungs-Coching-Organisation, die sich unter anderem auch speziell um ALG II Empfänger kümmert, die versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Wir trafen uns – die Umstände machten es nicht anders möglich – im Maritim Hotel am Hauptbahnhof. Hierbei muss ich erwähnen: Uns war ein Raum für diesen Termin „weggebrochen“ und so musste ich einen Tag vorher (Mittwoch) noch schnell einen passenden Ort für ein erstes Gespräch finden.

Der Chef vom Maritim Hotel am Bahnhof war dann glücklicherweise so hilfsbereit, uns spontan einen „Business-Raum“ bereit zu stellen. Das mag zwar jetzt sehr nach „überpompös“ und „CSR-Maßnahme“ klingen, aber ganz ehrlich: Der gute Mann war reichlich überrascht, als ich ihn einfach fragte, ob wir in seinem 5-Sterne-Laden Uwe filmen dürfen 🙂 Insofern bin ich tatsächlich dankbar, dass er so spontan geholfen hat, denn das hatte ich hier am wenigsten erwartet. Und auch das Personal war dann heute beim Dreh sehr spontan und hilfsbereit, wenngleich der Kontrast zwischen luxoriöser Einrichtung und Uwe’s Bekleidung sich dennoch kaum übersehen lies. Aber das macht ja auch gar nichts weiter – Uwe selbst jedenfalls trug diese neue Situation und Umgebung mit Fassung und konzentrierte sich auf das Gespräch mit Florian.

Auch dieses Gespräch lief – meines Erachtens – sogar besser als erwartet. Uwe notierte eifrig die Tipps und Hilfestellungen von Florian in seinem neuen Notizbuch und konnte recht schnell selbst die Zusammenhänge der „Businessplanung“ verstehen. Bei einem Anruf am Abend jedenfalls gab mir Florian das Feedback: Uwe ist weit mehr zuzutrauen, als man auf den ersten Blick denken mag.

Den Beleg dafür musste ich dann ausgerechnet beim gemeinsamen Dönerteller heute abend am eigenen Leibe erfahren 🙂 Uwe und ich planten gerade gemeinsam, wie wir die nächsten Tage mit den Spenden bzw. seinem „Taschengeld“ umgehen, damit es sinnvoll aufgeteilt ist, da erforderte die Situation die Substraktion zweier Zahlen, nämlich des Geldes, das Uwe von mir ausgezahlt bekommen sollte von jenem, dass er als Guthaben noch hat.

Mir fiel auf, dass ich das schriftliche Subtrahieren komplett verlernt hatte… Uwe hingegen brauchte wenige Sekunden und voilà: Das Ergebnis stand dort. Gastro-Erfahrung eben. Uwe musste nur schmunzeln – und konnte sich den Kommentar nicht verkneifen: „Siehste, du kannst auch noch jede Menge von mir lernen, Ole“ 🙂
Recht hat er.

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen, da war doch noch was:

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,609662,00.html

Ich glaube, das muss ich nicht weiter kommentieren… nur so viel: Uwe konnte die Zahl der Besucher auf „seiner“ Seite kaum fassen und malte sich eine eigene „Aktienkurve“ der Aktion Uwe in sein Heft: Heute gab es rund 5000 Besucher auf Aktion Uwe, dank Spiegel Online. Uwe weiß, dass es nicht ewig so weiter gehen kann und auch nicht wird. Aber er ist derzeit wirklich in guter Verfassung…. und er kümmert sich, jeden Tag. Er macht Schritte, mal größer, mal kleiner. Mal zwei vor, dann einen zurück.

Und das ist gut so.

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Uwe ist jetzt unter Dach!

Heute war wieder ein langer und anstrengender Tag – deshalb nur ganz kurz an dieser Stelle ein Update mit erfreulichen Nachrichten: Uwe hat sich nun aufgerafft und sich Montag selbstständig um eine Unterkunft gekümmert. Er kann ab Donnerstag im Pik Ass schlafen. Dort ist er auch postalisch gemeldet – und damit ist Uwe nun zunächst nicht mehr obdachlos, dennoch aber Wohnungsloser auf der Suche nach einer festen Bleibe.

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Weiterhin hat sich Uwe inzwischen das Internet genauer angesehen. „Eigentlich alles gar nicht so schwer. Da muss man hier clicken und da clicken – und dann läuft das alles fast wie von allein.“ So sein O-Ton gestern abend…

Heute hat mir Uwe dann seinen Freund Rainer vorgestellt. Rainer hat gemeinsam mit Uwe rund sieben Jahre „Platte gemacht“ – die beiden sind wie Brüder, aber Rainer hat sich bislang nicht vorgetraut, mit mir zu sprechen. Rainer ist gelernter Tischler und hat Jahre lang Pizzerien und andere Gastro-Betriebe beliefert, deren Maschinen repariert und gewartet und den Einkauf komplett organisiert. Na, wer sagt’s denn? Obdachloser Nummer 2 ist mit an Board – Uwe’s bester Freund von der Straße möchte diesen auch gerne beim Nachtcafé unterstützen. Und das schöne dabei ist: das Fünkchen Hoffnung, dass Uwe durch Eure online-Unterstützung erhält, trägt er offenbar weiter in seine offline-Kreise.

Uwe mit seinem besten Freund Rainer

Uwe mit seinem besten Freund Rainer

Er ist motiviert und lebendig, jeden Tag scheint Uwe selbst mehr an seine eigene Idee, an seine Bedeutung als Mensch zu glauben. Für sich und für andere. Er sprudelt vor Ideen und Tatendrang und fast jedes Mal hat er eine neue, kleine, aber gute Nachricht für mich. Und er kümmert sich, sowohl wegen des anstehenden Fernseh-Termin, als auch um sich: Heute hat er Cremes gekauft für seine wunden Stellen. „Ich möchte ja im Fernsehen gut aussehen und nicht so zerfranst rüberkommen.“ Man darf gespannt sein.

Sein Freund Rainer jedenfalls glaubt an Uwe und würde auch kostenlos für das Café arbeiten. Beim Thailänder habe ich heute eine kleine Suppe geschlürft, während die beiden bei Kakao und Sprite in Uwe’s Taschenkalender die ersten Pläne ausheckten, was es alles geben sollte – und wie teuer es sein müsste. Und auch andere Einrichtungen refinanzieren sich übrigens..so Uwe. Beim Drop-In kostet ein Café 40 Cent – und eine Cola im Nachtcafé muss dann eben ca. 50 Cent kosten..das alles hat Uwe schon genau ausgerechnet, basierend auf einer Kiste mit 12 Flaschen à 1,5 Litern. Na denn… ich bin guten Mutes und freue mich, denn: Donnerstag schon kommt der nächste große Schritt für Uwe:

1) Eine Bleibe im Pik Ass.

2) Der Fernsehtermin.. mehr Infos bald hier…

3) eine erste Art „Unternehmensberatung“ von einem befreundeten Existenz-Gründungs-Coach, der ihm helfen will, seine Ideen in „Form“ zu bringen….

Ich bin selbst – ganz ehrlich – nun etwas aufgeregt. Aber mein Vertrauen in die Sache bleibt. Und jedes Lächeln, jede Idee, jedes „Danke“ und jedes „Hey, so machen wir’s“ von Uwe erinnert mich daran, dass es richtig ist.

Heute, wir sitzen gerade vor seinem Kalender, kam noch etwas schriftliches dazu, was ich gerne mit Euch teilen möchte: Uwe hat vor ziemlich genau zwei Wochen notiert „Erste SMS an Ole verschickt.“… und jeder Kalendertag trägt eine Eintragung „TG 20“, „TG 39“ usw…. er zählt also die Tage seit Ihr Ihn kennt…die Tage, seit Uwe nicht mehr draußen geschlafen hat…und die Ereignisse, wie seine erste SMS.

Ich hoffe, er wird noch viele solche Ereignisse und Fortschritte notieren können. Mit Euch, dank Euch.

Euer Ole @ SocialBlogger.de

www.aktion-uwe.de

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Der Long Tail des Lebens: Warum Netzwerken Spaß macht.

Long Tail. Langer Schwanz. Klingt einfach. Isses auch. Und vor allem handelt es sich dabei um eines von ca. 1000 Buzzwörtern, die vor allem im Zusammenhang mit Web 2.0, Social Web, Social Media und Social Commerce genannt werden. Social also? Social. Ja.

Meine Freundin und Weltretter-Mitstreiterin Anna-Lena fragte neulich ganz zu recht in die Runde: Sagt mal, Jungs: Was soll das eigentlich, dieses „social“? Was ist damit gemeint, was daran ist denn sozial?
Antwort. Zu simpel, erschrecken und doch glänzend durch schlichte Schönheit. Das System kennt – wieder einmal – keine Moral. Es bist am Ende du, lieber User, du hast die Wahl. Worum geht’s also jetzt beim langen Schwanz? Es geht um die Vielzahl der kleinen. Die Vielzahl der User im Netz, die Masse derer, die durch kleine Aktionen die große Unterschiede machen. Die Menge derer, die durch viele kleine Schritte gemeinsam 1000 Mal die Welt umrunden können. Wenn sie nur bereit sind, den Staffelstab weiterzugeben, nicht versuchen, alles alleine zu schaffen.

Unfuck the World!

Unfuck the World!

Auch im Social Web gilt jedoch, was für andere Medien, für uns Menschen im Allgemeinen gilt.
Soziologie Lektion 1 lehrte uns: Systeme sind indifferent. Es gilt auch als soziale Interaktion, jemanden zu erschlagen. Denn es ist eine auf andere Menschen bezogene Handlung. Von Mord bis zum Poken bei Facebook ist also alles drin, alles sozial. Dem Web ist es letztlich egal, ob wir mit dieser technischen Infrastruktur die Welt zum Besseren ändern oder Klingeltöne verkaufen.

Die Lösung, liebe Leute, liegt bei uns. Keinem sonst. Was sozial ist, das entscheiden wir. Es ist letztlich eine philosophishe Frage. Denn normative Antworten müssen menschliche Entscheidungen vorausgehen. Tiere brauchen das nicht. Eine Ameise ist entweder glücklich oder tod. Oder habt Ihr schonmal eine depressive Ameise gesehen? Nein? Eben.

Daniel und ich entschlossen deshalb dieses Wochenende feierlich: Markt & Moral, Social Web und Soziales Handeln (und zwar im normativ moralisch korrekten Sinne), Schlafen und Arbeiten, Leben und Lieben – all das darf kein Widerspruch mehr sein. Und muss es auch nicht.

Fangen wir an bei den Klingentönen: Wie wäre es, wenn dir dein afrikanischer Pate einen Klingenton aufsingt mit beatiger Busch-Mukke und du im Gegenzug seinen Lebensstandard von 1 Dollar am Tag auf 2 Dollar am Tag hebst? Wie wäre es, wenn es eine Soap-TV-Serien-Steuer gegen die Verdummungsgefahr gäbe, die gleichermaßen als Spenden in die dritte Welt fließt? Gute Zeiten, schlechte Zeiten? Erste Welt, dritte Welt?

Uwe an der Alster

Uwe an der Alster

Der Ideenaustausch am vergangenen Wochenende jedenfalls sucht seinesgleichen. Es floss. Wein, Weib, Gesang, Karaoke im FC Magnet, Filzstifttinte, Schneeflockenschmelze und Ingwertee. Schöner kann ein Wochenende nicht sein. Und doch ist da diese Intensität, die gefühlt hinterm oberen linken Brustkorbbereich alles bedeuten kann zwischen stechendem Serotonin und schmerzendem Fernweh nach Fremdanreicherung des eigenen Horizonts.
Setze zwei sensible Menschen zusammen und beide durchschauen einander. Fast so, als würde man einen Flughafenscanner durch einen anderen hindurchschieben. Welcher fiept dann zu erst?

So, genug geschwafelt für heute. Und ja, bevor einer fragt: dieser Blogeintrag ist bewusst undurchsichtig gehalten. Es gibt da nämlich was, was noch in Gründung ist. Etwas, was Ihr noch nicht wissen müsst. Aber bald.

Und Uwe? Uwe? Was ist mit Uwe? Gleich nach meiner Rückkehr aus Berlin habe ich ihn getroffen… und es geht ihm gut… richtig gut sogar..und er hat sich wieder einmal gekümmert um den nächsten Schritt:
Ab Donnerstag schläft Uwe nun endlich im Pik-Ass. Seine Unterkunft kostet dann keine 12 Euro mehr die Nacht, sondern nur noch 1,80 Euro. Und wer übernimmt das? Nicht mehr die Spendengelder, sondern die Stadt bzw. der Staat – für’s erste. Und bis das Winternotprogramm vorbei ist und Uwe dort nicht mehr schlafen kann, wird noch eine Menge passieren und wir gemeinsam für ihn hoffentlich bald eine feste Wohnung finden.

Donnerstag geht es weiter…denn da kommt das Fernsehen (Sender wird noch verraten) und dreht mit Uwe eine erste Reportage. Hoffentlich genügt die Aufmerksamkeit dann für ihn. Euch lässt er jedenfalls herzlich grüßen..und anbei noch ein Foto für Euch, von Uwe’s Spaziergang mit Patrick um die Alster (sie letzten Post…).

Ich danke Euch für alles! Spenden bitte über www.aktion-uwe.de

Euer Ole @ SocialBlogger

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Ein spannender Tag: Wir gehen es an!

Liebe Leser,

heute bzw. inzwischen gestern (also sprich am Donnerstag) ist wieder eine Menge passiert, wovon ich Euch noch vor dem Gang in’s Bett gerne berichten möchte…

Zunächst begann, wie bereits kurz angeschnitten, der Tag mit einem Besuch bei Hinz und Kunzt, dem Hamburger Obdachlosenmagazin. Hinz und Kunzt ist bereits seit rund 15 Jahren in Hamburg eine feste Größe – kein Hamburger kennt dieses Magazin nicht. Neben der Produktion und dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen bietet Hinz und Kunzt für viele obdachlose Menschen in Hamburg auch eine erste Anlaufstelle, um Beratung in Anspruch zu nehmen – oder auch, um sich einfach nur mit anderen „Betroffenen“ auszutauschen.

Wie dem auch sei: Hinz und Kunzt war vor kurzem auf die Aktion Uwe aufmerksam geworden und hatte sich telefonisch bei mir gemeldet, um über Uwe und seine Aktion einen Artikel schreiben zu können.
Da wir uns ohnehin gerade auf der Suche nach einem offiziellen Träger bzw. einem Kooperationspartner (vorzugsweise mit viel Erfahrung) für die konkrete Umsetzung der nächsten wichtigen Schritte für Uwe befinden, habe ich allerdings gleich in Verbindung mit dem Interview-Termin um ein weiteres Gespräch gebeten.

Dieses sollte nun heute stattfinden – und auch Uwe war mit von der Partie. Es ging also ganz konkret darum, ob und wie Hinz und Kunzt uns unterstützen kann bei der Umsetzung der Idee. Relativ schnell wurde deutlich, dass Uwe’s Idee bzw. sein Projekt als einzelnes Projekt so nicht bevorzugt von H&K gefördert werden kann, da es Hinz und Kunzt (nachvollziehbarerweise) ein Anliegen ist, niemanden zu bevorzugen oder andere zu benachteiligen.

Dies ist und bleibt ein wichtiger Punkt bei unserer gemeinsamen Aktion, liebe Spender. Ein Punkt, den ich auch nicht unter den Tisch kehren möchte. Es geht hier vorwiegend um Uwe. Selbstverständlich will und wird Uwe alles versuchen, um mit seinem Nachtcafé auch andere Obdachlose zu unterstützen. Nichtsdestotrotz haben natürlich auch andere Wohnungslose tolle Ideen wie Uwe – und vielleicht im Moment nicht das „Glück“, von so tollen Menschen wie Euch mit großzügigen Spenden unterstützt zu werden. Schwieriger Punkt… auf der anderen Seite: Besser anfangen, als gar nichts machen…und weiterhin: Der Weg zu einem Café wird ein möglicherweise sehr steiniger, langsamer Prozess sein. Wichtig dabei ist: Uwe darf dabei nicht „auf der Strecke“ bleiben. Es geht hier um ihn, nachrangig darum, ein Café auf die Beine zu stellen. Sollte aus diesem Projekt auf dem Weg zum Ziel eine ganz neue Idee entstehen, die sich eventuell besser eignet, um Uwe und anderen zu helfen, so werden wir auch dies nicht ausschließen, denn primär ist die Hilfe wichtig. Auch, wenn diese Vision des Nachtcafés unser Antreiber und Uwe’s Motivation ist.

Quint Essenz des Gesprächs mit Hinz und Kunzt war jedenfalls die folgende: Eine offizielle Trägerschaft für Uwe’s Nachtcafé Idee in diesem Sinne ist zwar nicht möglich, ein steter Support und Austausch zu den nötigen weiteren Schritten aber in jedem Fall. So hat uns der Sozialarbeiter Stefan von H&K bereits sehr wertvolle Tipps zur weiteren Wohnungssuche auf den Weg gegeben und mit mir einige sehr elementare Details seiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Obdachlosen besprochen. Ich gebe zu: Ich lerne jeden Tag immens viel dazu – und doch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass ich vergleichsweise grün hinter den Ohren bin. Vielleicht, so denke ich, ist das aber auch genau die Portion Naivität und Gutglauben, die notwendig ist, um eine solche Aktion gemeinsam mit Uwe durchzuziehen und ihr eine Chance zu geben.

Die Idee jedenfalls wird sein, dass wir uns während der nächsten Schritte stets intensiv mit Partnern und erfahrenen „Mentoren“ wie Hinz und Kunzt abgleichen und so sicherstellen, dass wir nicht in’s Blaue hinein starten bzw. Fehler machen, die andere schon längst erfahren und zu umgehen gelernt haben.

Grundsätzlich aber gilt auch für Hinz und Kunzt: Die Idee des Nachtcafés von Uwe kommt gut an. Auch hier herrschte einhellig die Meinung: Es wird schon lange Zeit für exakt so eine Einrichtung für Obdachlose. Uwe scheint also tatsächlich einen sehr guten Riecher gehabt zu haben.

Der zweite Teil des Tages gestaltete sich dann noch aufregender als bereits das Treffen mit Hinz und Kunzt, denn: Uwe wurde heute richtig aktiv und hat das erste Mal seit unserer ersten Begegnung aktiv für sein Geld gearbeitet. Sein Job heute: Tour-Guide für einen Freund von mir, der derzeit aus Kanada in Hamburg zu Besuch ist. Da Patrick (so der Name meines Freundes) aufgrund meines Jobs am Nachmittag sonst alleine durch Hamburg geschlendert wäre, haben wir kurzerhand Uwe gebeten, Patrick in Hamburg rumzuführen.

Patrick zahlte Uwe also eine symbolische Spende bzw. einen Salair von 10 Euro und beide marschierten los, zunächst für einen Spaziergang um die Außenalster und später zu einem Besuch von Planten und Bloomen. Was daran so besonders ist? Jetzt kommt’s: Uwe spricht sogar Englisch!

Ich war regelrecht von den Socken, wie gut Uwe Englisch sprach. Ich kann zwar nur wiedergeben, was Pat mir dann am Abend von der gemeinsamen Tour erzählte, aber sicher ist: Patrick hatte jede Menge Spaß und genoß die besondere Führung durch den in Hamburg mehr als ortskundigen Uwe sichtlich. Noch beim Abendessen leuchteten seine Augen, als er von Uwe’s „flotten Sprüchen“ auf Englisch erzählte – und den vielen lustigen Ereignissen, die sich aus der Situationskomik und den teilweise „wörtlichen Übersetzugnen“ oder eigenartigen Wortverwendungen ergaben.

So hatte Planten und Bloomen leider bereits geschlossen, als die beiden den Spaziergang hinter sich gebracht hatten. Uwe suchte kurz nach Worten, um das Problem zu beschreiben, um schließlich einfach zu sagen „Time Out, Game Over!“. Auch fragte Uwe Pat zu seiner ehrlichen Meinung zu seiner Idee des Nachtcafés. Und an Stellen, an denen es Gänse oder Enten zu beobachten gab, hielten beide inne, um einfach die Szenerie zu beobachten und genießen. Lediglich auf Höhe der amerikanischen Botschaft musste Uwe zugeben, dass er diese Gegend nur schwerlich besuchen könne, da er diesen Reichtum der fetten Hamburgerr Villen dort kaum greifen bzw. begreifen kann, gerade im Kontrast zu seinem eigenen Leben.

Was mich hieran immer wieder freut: Uwe ist und bleibt selbst kritisch und reflektiert – und stürzt sich eben nicht voller „Scheuklappen-Enthusiasmus“ in das Projekt, ohne auch nach rechts und links zu schauen. Er hinterfragt, fragt, diskutiert und bleibt aktiv. Patrick’s Resumee als Außenstehender nach diesem Tag war jedenfalls eindeutig: Uwe war ein toller Tourguide und ist ein heller Kopf mit vielen Ideen – er braucht einfach nur Unterstützung, eine Chance, Zuspruch und Freunde, die ihn für voll nehmen, ihn auf Augenhöhe ernst nehmen und mit ihm Zeit verbringen. So wie heute geschehen.

Auch ich habe heute mein Fett wegbekommen: Kurz nach dem Treffen mit Hinz und Kunzt wollte ich mich von Uwe verabschieden – und deutete noch einmal darauf hin, dass ich mal wieder was für meine Abschlussarbeit schreiben müsse. Uwe daraufhin: „Ole, wenn du deine Arbeit nicht schreibst meinetwegen, werde ich echt sauer! Ganz ehrlich, wenn du das nicht machst und vernünftig machst, dann schmeiß ich auch hin, das versprech ich dir!“
Kurzum: Uwe stellt mir inzwischen klare Bedingungen 🙂 Ich konnte dem nur entgegnen, dass selbiges auch für mich gilt und Uwe natürlich auch mitarbeiten und etwas aus dieser Chance zu machen versuchen muss – und zwar ernsthaft und nachhaltig. Uwe weiß dies – und sagte zum Abschied ganz trocken: „Dann haben wir einen klaren Deal. Wir müssen beide aufeinander aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln. Aber gemeinsam schaffen wir das!“.

So sehe ich das auch, lieber Uwe. Und an Euch, liebe Spender: Wir schaffen es, gemeinsam, mit Euch. Und nur mit Euch. Wir halten Euch weiter auf dem Laufenden. Die nächsten Schritte der nächsten Woche beinhalten unter anderem das erste Treffen mit einem Existenzgründungsberater. Weiterhin werde ich in Enger Zusammenarbeit mit dem Sozialarbeiter der Hinz und Kunzt für Uwe einen Plan ausarbeiten, wie er selbst möglichst bald körperlich gesunden und fitter werden kann. Dazu gehört eine kontinuierliche Drogenberatung ebenso wie eine mögliche vollständige Entgiftung, aber auch eine Wohnung in geeignetem Umfang…

Uwe tut bereits einiges dafür und setzt jeden Tag weitere kleine Schritte in Bewegung. Heutige Anschaffung von den Spendengeldern war z.B. ein Maniküre-Set, um beim Vorsprechen vor Vermietern und Ämtern einen besseren Eindruck zu machen. Und siehe da: Auch im Empfangs-Raum von Hinz und Kunzt kamen schon die ersten positiven Reaktionen: „Sag mal, den Uwe, den kenn ich doch. Was ist denn aus dem geworden? Der sieht ja viel besser aus und stinkt kaum noch. Wenn ich da an früher denke…“ So in etwa der O-Ton von heute gegenüber Sozialarbeiter Stefan.

Also, liebe Leser… vielen Dank für alles…wir bleiben dran.. und Ihr hoffentlich auch 😉

Spenden könnt Ihr ab sofort über www.aktion-uwe.de – dank Helpedia.de!

Euer Ole alias SocialBlogger

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Aktion Uwe auf Helpedia.de

Ab sofort könnt Ihr Uwe auf Helpedia.de noch leichter unterstützen!
Die Spenden werden von der mit uns befreundeten gemeinnützigen Neue Medien Fördergesellschaft gesammelt und an das Projekt „Uwe“ weitergeleitet. So erhaltet Ihr ab sofort auch eine Spendenquittung und könnt ganz leicht auch selbst für Uwe werben. Vielen Dank!

Weitere News, nur ganz kurz, später mehr en detail:

Heute haben Uwe und ich mit einigen lieben Mitarbeitern des Hamburger Obdachlosenmagazins Hinz und Kunzt zusammengesessen und beschlossen, dass wir zukünftig gemeinsame Sache machen.
Soll heißen: Hinz und Kunzt wird Aktion Uwe mit Know-How und Erfahrung unterstützen, so dass Uwe für die konkreten nächsten Schritte professionelle Hilfe bekommt. Schon heute konnten wir aus dem ersten Gespräch wertvolles Wissen über mögliche Wohnungs-Anbieter und andere Projekte mitnehmen, von denen wir für die Umsetzung des Nachtcafés lernen können.
Wir haben zwar noch keine offizielle Kooperation „ausgehandelt“, allerdings war ich sehr angetan von dem Entgegenkommen und den vielen Tipps, die uns die Marketing-Abteilung, sowie der Sozialarbeiter von Hinz und Kunzt mit auf den Weg gegeben haben. 15 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Obdachlosen lassen sich eben nicht in drei Wochen aufholen 🙂 Dafür an dieser Stelle schon einmal vielen Dank in Richtung Hinz und Kunzt!

Euer Uwe und Ole

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Durchwachsene Schönheit: Alltagsanalysen.

Es ist Freitag, der 13te. Als ich aufwache, denke ich noch an den Vorabend zurück, an aufgeregte Diskussionen im taz Salon, Schanze, Haus 73. Es ging um die Finanzkrise, wie es fast überall dieser Tage um die Finanzkrise geht.

Der Verlauf der Diskussion war dem Moderator aus den Händen geglitten und die zu Beginn inhaltlich brauchbare Podiums-Runde vermehrt zu einem Kummerkasten für frustrierte Zuschauer geworden, die ihrem Frust über die nunmehr nicht vorhandenen 25% Durchschnittsrendite mit pauschalen Beschimpfungen Luft machen wollten.

Mich beschäftigte an diesem Freitag morgen jedoch eine andere, wenngleich artverwandte Frage: Balance.

Die Balance zwischen Änderung und Treue, zwischen Fortschritt und Rückblick, zwischen alles in Frage stellender, aufbrechender Innovation und der Dankbarkeit für Gewesenes, dem Respekt vor Vergangenheit. (Sollte Google wirklich schlauer sein, als mein Opa, der noch selbst Opfer des dritten Reiches gewesen ist?)

Wie können wir unsere Welt aktiv gestalten, wie falsche Herangehensweisen und Dogmen ablösen, wenn wir nicht begreifen wollen, dass beim Hobeln Späne fallen? Wie dafür sorgen, dass keiner zu Schaden kommt, auch jene nicht, deren Jobs in der Atomlobby oder der Tabakindustrie liegen, sei es aus Habgier, Überzeugung oder einfach nur, weil jeder von uns seine Brötchen irgendwo verdienen muss?

Etwas weniger krasses Beispiel: Was passierte mit den VW-Angestellten, die derzeit noch am Band Verbrennungsmotoren herstellen, wenn wir von heute von morgen alles auf Elektromotoren umstellten? Wer soll für diese Schritte die Verantwortung tragen, wer entscheidet, was moralisch richtig ist – und was ist das überhaupt, Moral? Albert Einstein formuliert das so:

„We can’t solve problems by using the same kind of thinking we used when we created them.“ Simpel, aber überzeugend, oder?

Mein Gedankengang wird jäh unterbrochen, als ich erstens die dringende Notwendigkeit verspüre, mich unter die heiße Dusche zu begeben und zweitens an meinen Termin mit Uwe und einer freien Journalistin denke, den ich für 11 Uhr an diesem Vormittag zugesagt habe.

Wenig später befinde ich mich dann auch schon an unserem Treffpunkt. Die Journalistin (deren Namen ich hier zunächst nicht nenne), erscheint wenige Minuten nach mir, fehlen tut nur einer: Uwe.

Wir entscheiden uns kurzerhand, die Wartezeit zu einem ersten Kennenlernen und Vorgespräch zu nutzen und setzen uns zu einem Café (und keinem Fischbrötchen um diese Zeit) ins Restaurant Wischer gleich schräg gegenüber.

Doch auch nach ergiebiger Diskussion des Für und Wieder des Online-Fundraising im Allgemeinen und der Aktion Uwe im Speziellen ist besagter Protagonist leider nicht zu finden…. wir versuchen es, leicht verzweifelt und doch noch hoffnungsfroh, noch zwei weitere Male an Uwe’s anderen „Sammelplätzen“ – leider ohne jeden Erfolg.

Meine Sorge zu diesem Zeitpunkt hält sich in Grenzen, denn ich kenne das schon von Uwe. Manchmal kann er einfach nicht kommen. Auch meine Gesprächspartnerin bleibt ruhig, angesichts des miesen Wetters ist sie gar nicht überrascht, dass er einfach nicht draußen stehen und betteln will, trotz unserer Verabredung. Nur wenige Stunden später soll sich meine Meinung ändern.

Ich gehe also nach Hause – und dort zunächst meinen anderen Alltagsgeschäften nach. Unter anderem beginne ich einen Blogbeitrag, den ich so dann letztlich doch nicht veröffentliche. Gedankenüberschuss verarbeiten. Das brauch ich manchmal.

Gegen halb sechs treffe ich dann meinen Freund Dennis, der für sein Engagement in Brasilien ebenfalls die Möglichkeiten des Fundraisings im Internet kennenlernen möchte und mich deshalb um ein Gespräch gebeten hat. Ich freue mich, dass diese Ideen nun die Runde machen und bin guten Mutes, ihm ein wenig helfen zu können.

Doch meine gute Laune verfliegt, als ich versehentlich eine sehr „männliche“ SMS mit einem blöden Spruch an eine gute Freundin sende, die diese nur falsch verstehen kann. Zunächst denke ich mir nichts dabei, doch nur wenig später wird mir bewusst, wie verletzend diese 160 Zeichen in den falschen Händen ankommen können.

Ich merke, wie wenig Kontrolle man manchmal hat, wie gering der Einfluss auf den Verlauf eines Tages, auf den Verlauf einer Woche, ja, letztlich auf den Verlauf des eigenen Lebens sein kann. Ich treibe dahin im Sog des Geschehens, im Überfluss der Ereignisse – und schiele durch das Kaleidoskop des Lebens. Manches Mal fürchte ich, dass ich dabei farbenblind werden könnte, wenn es so weitergeht.

Und es geht so weiter. Kurz vor einer weiteren Verabredung mit einer guten Freundin, mit der mich eine Art Seelenverwandtschaft verbindet, plane ich einen weiteren Anlauf, um Uwe zu finden, an seiner dritten Sammelstelle, am Dammtor Bahnhof.

Doch zuvor mache ich mit Dennis eine Valentins-Einkaufstour und versuche mich als Geschmacksberater für das passende Geschenk. Mir fällt auf, dass ich noch immer nach denselben Farben Ausschau halte, wie ich dies über viele Jahre getan habe – und kaufe tatsächlich eine kleine Halskette, deren schlichten Schönheit ich nicht widerstehen kann.

Empfänger: Unbekannt. Zu Dennis sage ich, dass ich sie aufhebe, bis mir jemand über den Weg läuft, bei dem ich den Eindruck habe, dass diese Kette ihr gehören sollte. Ganz gleich wann, ganz gleich, wer. Ganz gleich, welchen Geschlechts.

Party mit dem LOMUS

Party mit Moritz und den LOMUS

Dazu kommt es heute nicht mehr. Und auch zum Treffen mit Uwe kommt es leider nicht. Ich warte am Dammtor bis 21:05 Uhr und breche dann langsam auf Richtung St. Pauli, wo meine nächste Verabredung auf mich wartet. Der Abend wir noch lustig, tiefgründig, aber auch albern. Auf einer Geburtstagsfeier tanzen wir mit Masken, Perücken und guter Musik, die das Geburtstagskind selbst auflegt. Wir vergessen die Masken und Rollen, derer wir uns im Alltag bedienen, um uns unverletzlich zu machen und bedienen uns solcher, die uns alle gleichermaßen derart entstellen, dass wir das Innen nach Außen kehren und unsere Egos sich wie Wassertropfen in der Binnenalster in einem tanzenden Seelensumpf vermischen.

Die Verbundenheit eines jeden mit jedem spüre ich, wenn auch nur für eine Sekunde, in eben jenem Moment. Und doch droht dieses Netz aus menschlicher Fehlbarkeit an einer Nadel zu zerreißen, der Ballon mit Luft, die wir alle atmen, zu zerplatzen.

Heute ist es Uwe, der mich nicht schlafen lässt, unter anderem. Ich mache mir Sorgen um ihn. Aber auch Sorgen ganz allgemeiner Natur, Sorgen um unsere Natur, unsere Motive, meine Motive.

Was, wenn alles endet. Was, wenn Uwe morgen wieder an der Nadel hängt und ich nichts dagegen tun kann? Was, wenn ich mich selbst übernehme und mein kleines Stückchen Leben darunter zerbricht, dass ich mich verbunden fühlen möchte mit all jenen, deren Leben bereits zerbrochen ist?

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen und ertränke sie. In einer bittersüßen Bitter-Lemon. Ohne Alk. Ganz wie im Nachtcafé. Ich genieße den Abend und grenze mich ab, verdränge den Gedanken an das Dunkle, was wir Schatten nennen.

Die Nacht verlängere ich dann bis 4 Uhr morgens, mit Skype, mit einer Freundin, die derzeit in Washington weilt. Wieder stelle ich fest: Egal wo, egal wann, egal wie und mit welchem Job. Lebensumbruch lässt sich nicht einrahmen und sortieren, Wandel ist hier, Wandel ist immer. Geh mit oder geh weg, zieh mit oder zieh aus, schreite fort oder fall zurück. All das bestimmt unsere täglichen Bemühungen, unseren Fortschritt, der manches mal zum Weglauf wird, zum Weglauf vor uns selbst.

Zum Einschlafen höre ich ein letztes Mal den Podcast vom Deutschland Funk. Der Natur ist es egal, höre ich.

Der Natur ist es egal, wie wir sie behandeln. Wenn wir meinen, sie zerstören zu müssen, erfindet sich die Natur von vorn. Vielleicht gibt es eine weitere Eiszeit, einen neuen Urknall, eine Überschwämmung, aus der Lebewesen hervorgehen, die unter diesem Umständen überlebensfähig sind. Oder auch einen weiteren Planeten ohne Leben an Bord.

Letztlich interessiert es nur uns – oder sollte es uns interessieren – unsere Lebensgrundlage als Menschen zu erhalten und nicht zuletzt auch zu respektieren.

Dass wir meinen, für Laptops und Handys der Erde Coltan und Silizium entnehmen zu müssen, ist eine zivilisatorische Entscheidung, basierend auf unseren sozial konstruierten Bedürfnisstrukturen. Klar, wenn meine Nachbarn ein Auto fahren, will ich das auch. Und wenn mir meine Geschäftspartner eine eMail aufs Handy schicken, dann brauche ich ein iPhone oder einen Blackberry. Und wenn ich für meine Hochzeit einen Diamanten am Ring haben will, denke ich eben nicht an Kindersoldaten, die für eben jene Diamanten ihr Leben gelassen haben.

Dass der Deutschlandfunk da in vielem Recht hat, brauche ich wohl nicht weiter erläutern. Dass ich aber gerade an meinem eigenen Blog sitze und im Web 2.0 meine, die Welt verändnern zu können, zeigt meine eigene Abhängigkeit von jenen Medien, die wir als effektiv und richtig erachten, meine Angewiesenheit auf Technologie, Strom aus der Steckdose und Leser an anderen Bildschirmen.

Den Stein der Weisen habe ich nicht, aber ein paar Ideen – und vielleicht hat jeder von uns einen Teil davon. Wie am Strand: Der Sand ist auch mal aus Steinen entstanden. Vielleicht hat jeder von uns ein Sandkorn vom Stein der Weisen? Vielleicht müssten wir uns nur austauschen, um miteinander und voneinander all das zu lernen, was wir im Moment nicht wissen? (wie bei Wikipedi?) Um all jene Lücken zu füllen, deren Vorhandensein dazu führt, dass wir uns gegenseitig ausnutzen, zerstören und unsere eigene Lebensgrundlage entziehen?

Jetzt ist es bereits Samstag morgen. Und wie Ihr Euch denken könnt, habe ich wieder unruhig geschlafen. Diese Gedanken lassen mich nicht in Ruhe. Sie treiben mich um, wie man so schön sagt. Ich brenne nicht nur dafür, ich brenne. Und einen Feuerlöscher will ich nicht.

Jérôme

Jérôme von Ana yi Africa

Erster Termin heute: Winsen (Luhe). Es geht um das Projekt Ana yi Africa (Brücken nach Afrika). Heike aus Winsen und Jérôme aus Lomé (Togo) in West-Afrika haben sich ebenfalls via Internet kennengelernt. Heute betreiben sie aus eigener Kraft sehr erfolgreich eine kleine NGO mit vielen verschiedenen Standbeinen.

Weisenkinder erhalten Licht, um nicht im Dunkeln lernen zu müssen, sowie die Schulgebühren, um überhaupt einen Anlass zum Lernen zu haben. Es gab bereits eine Videokonferenz via Internet mit einer deutschen Partnerschule. Und via Africa-Promo, einem Online-Shop mit fair gehandelten Import-Produkten aus Togo, kann man sich unter anderem auch einen Baum kaufen, der dann in Togo gepflanzt wird. Als nächstes steht die Idee an, Mikrokredite in Togo bekannter zu machen und den Menschen dort so Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Auch hier kann wieder mit Web 2.0 und Fundraising im Netz geholfen werden. Wir trinken Kaffee, plaudern und hören togolesische Musik, die verbindend und befriedend wirkt. Noch nie gab es Bürgerkrieg in Togo, trotz schlimmer Verhältnisse und Diktatur. Jérôme selbst vermag nicht zu erklären, woran das liegen könnte. Ich halte inne und frage mich: Warum muss da auch Bürgerkrieg sein, nur weil es in Afrika liegt? Blöde Frage von mir. Da muss ich lachen.

Auch Heike betont, dass man nach 2 Monaten des miteinander Lebens (Jérôme ist seit rund 2 Monaten in Deutschland und fliegt bald zurück nach Togo) doch täglich die kulturellen Unterschiede merkt, die verschiedene Einstellung zu Themen wie Zeitmanagement und Arbeit.

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Werbung im Hauptbahnhof zeigt Graben zwischen uns und dem Rest der Welt

Dieser Kontrast sitzt tief und schreit mir auch am Hamburger Hauptbahnhof von Werbeplakaten entgegen. Dort sehe ich Werbung für „leckere“ Schokolade neben Werbung um Spenden, damit davon lebenswichtiges Wasser zugänglich gemacht werden kann. Ein Luxusgut für uns, ein paar Tropfen Wasser für die Afrikaner. So ist das. Absurd, oder nicht?

Nach meiner Rückkehr nach Hamburg sehe ich dann schließlich auch Uwe. Uwe war am Freitag ausgerutscht vor den Bücherhallen und hatte sich seinen Meniskus leicht angerissen. Alles halb so wild, meint er. Nur zum Termin hatte er es dann nicht geschafft. Und am Dammtor haben wir uns knapp verpasst.

Wir vereinbaren also in rund einer Stunde einen gemeinsamen Termin mit der besagten Journalistin. Alles läuft, es funktioniert tatsächlich und: Uwe haut wieder mal Sprüche raus, die mich in Staunen versetzen. Bei den Bücherhallen hatte er sich bereits schlau gemacht über Vereinsgründungen, seine rechtlichen Ansprüche auf Wohnung usw. usf.

Er erzählt wie ein Wasserfall von seinen Erlebnissen – und: Er hat sich ein Handy gekauft, vom Tchibo-Gutschein, den ich ihm zwei Tage vorher zugesteckt hatte und der ihm gespendet worden war. Sich selbst sieht er augenzwinkernd schon als „Jungunternehmer“.

Nun ist er also erreichbar für mich – und die erste SMS habe ich auch schon erhalten. Als er dann sein Handy in der Tasche verstaut, leuchtet noch etwas hervor: Ein kleine Taschenkalender. Uwe notiert sich eifrig weitere Termine mit der Journalistin und mir und macht sich auch Notizen über seine Pläne. Ich bin immer wieder verblüfft. Noch vor wenigen Tagen hatte er mir gesagt, dass es ihm schwer fiele, sich so an ein geregeltes Leben zu gewöhnen. Nur allzu gut nachvollziehbar nach rund 20 Jahren auf der Straße. Jetzt organisiert er sich – bzw. macht erste Schritte in diese Richtung.

Uwe muss dann gegen 18 Uhr noch einmal den Arzt aufsuchen, um sein Bein ein weiteres Mal untersuchen zu lassen. Wir brechen also zu einem letzten Abschlussgespräch auf. Danach bin ich erstmal fertig. Fertig für heute und fertig mit der Welt. Ich kann nicht mehr, schleppe mich nach Hause. Seit einer Woche verschleppe ich meine Erkältung und jetzt kommt sie durch. Stopp, ruft mein Körper, stopp.

Ich falle in die Badewanne, schließe sämtliche Internetverbindungen und Handy-Kontakte zur Außenwelt, schalte die Steckdosenleiste aus. Und schlafe. Fast. Ich erfahre, dass ein guter Freund an Hodenkrebs erkrankt und ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. In meinem Alter. Ich stutze, schlucke, bin fassungslos. Und doch gefasst. Ich riegel mich noch einmal ab, seelisch.

Dann breche ich ein letztes Mal auf, gehe etwas essen in der Langen Reihe, gönne mir was. Und lerne drei Menschen kennen, wie sie verrückter nicht sein könnten. Wir tauschen Anekdoten, Lebensanschauungen und Handynummern. Zuletzt geh ich wirklich schlafen. Irgendwann wollen diese Eindrücke auch verarbeitet werden, denke ich.

Bis heute, als Uwe mir eine SMS schreibt und mich sehen will. Er wolle mir etwas erzählen, dass ihm auf der Seele liege. Wir treffen uns ganz spontan. Und Uwe redet. Er erzählt mir noch mehr von seiner Vergangenheit, Dinge, die ich Euch Stück für Stück nahe bringen möchte und werde. Dinge, die ich hier so gar nicht wiedergeben kann und die Uwe Euch selbst Stück für Stück erzählen wird. Und, dass er sich Gedanken gemacht habe, Gedanken über den Fortgang dieses Projektes, seiner Aktion und seines Traumes.

Uwe ist bereit, selbst auch nur der Initiator zu sein. Er spürt, dass er es ganz allein nicht wird schaffen können und, dass auch ich ihm nur begrenzt helfen kann, wenn es hart auf hart kommt. Er wünscht sich einen Träger, einen Partner. Sei es Hinz und Kunzt oder eine andere Einrichtung, ein Verein, eine Stiftung oder anderes, jemand, der ihm etwas unter die Arme greifen kann. Und er schaut sich langsam, aber sicher nach einem 1-Euro-Job für die Zwischenzeit um, einer Möglichkeit, selbst seinen Willen zu demonstrieren.

Wir sind inzwischen, so würde ich behaupten, gute Freunde. Uwe meldet sich, wenn er etwas sagen möchte. Er protestiert, wenn er das Gefühl hat, dass ich etwas über seinen Kopf hinweg entscheiden könnte. Und er fragt auch nach, wenn er merkt, dass es mir nicht so gut geht.

Auf dem Heimweg bleiben meine Augen an der Werbeanzeige des Hamburger Schauspielhauses hängen.

Dort steht: „Hunger nach Sinn“ und „kritische Masse“. Beide Stücke beginnen bald. Wie passend.

Ich habe Hunger nach Sinn. Uwe hat Hunger nach Sinn. Wir haben Hunger nach Sinn. Und ich bin sicher, wir sind nur 2 von Millionen, zwei Menschen von Milliarden, die Hunger nach Sinn haben. Die Frage, die bleibt: Wie erreichen wir die kritische Masse?

Dieser Frage widme ich diesen Blog – und ein Stück weit auch mein Leben. Denn am Ende möchte ich nicht fragen müssen (ebenfalls Stück im Schauspielhaus): „Murat, was ist aus unserer Revolution geworden?“.

Das wars, für heute. Für’s erste. Und morgen geht’s weiter. Mit Eurer Unterstützung.

Euer Ole alias SocialBlogger

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Hilfe für Helene – nicht lesen, mitmachen!

Hilfe für Helene

Hilfe für Helene

Am 15. November 2008 ist Helene in Hamburg geboren. Mit nicht einmal 4 Wochen wurde bei ihr Leukämie (ALL) diagnostiziert. Erste Anzeichen waren geschwollene Lymphknoten, die auch auf eine harmlose Erkältung hätten hinweisen können.

Während ALL (akute lymphoblastische Leukämie) bei Kleinkindern über einem Jahr verhältnismässig gute Heilungschancen (80%) hat, sieht dies bei Säuglingen leider ungleich schlechter aus (knapp 50%).

Am Tag der Diagnose fand man bei Helene über 100’000 Leukozyten, also weisse Blutkörperchen, im Blut (als normal gelten maximal 10’000). Oft geht Säuglings-Leukämie mit einer speziellen Veränderung des MLL-Gens auf Chromosom 11 einher, dies verschlechtert die Prognose zusätzlich – leider ist auch Helenes MLL-Gen verändert. Zusätzlich wurden bei Helene auch noch im Zentralnervensystem Leukämiezellen gefunden.

All diese Faktoren klassifizieren Helene in die Hochrisikogruppe.

Eine Knochenmarktransplantation (KMT) kann Helenes Heilungschancen enorm verbessern, WENN ein passender Spender gefunden werden kann!

Bitte lass dich für Helene typisieren und gib ihr die Chance zu leben!

Auch wenn du für Helene nicht der passende Spender sein solltest, so könntest du es vielleicht für einen anderen Patienten sein, der heute (oder in der Zukunft) auf einen Stammzellenspender wartet.

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