Angst vorm Anders und warum beim Hobeln Späne fallen

Wochenende. Wochen ohne Ende. Meetings, Camps, Bars, Diskussionen. Die Zeit fliegt. Menschenmassen. Verschiedene Klassen? Digitaler Graben!
Twitter, Facebook, Web 2.0 und Hartz IV, Wahlkampf, gehackte Accounts & neue Demokratieformen. Alles neu macht der Mai? Oder doch nur alter Wein in neuen medialen Schläuchen?

Politcamp09 Berlin

Politcamp'09 Berlin

Es ist der Freitag des ersten Mais. Daniel, Sandra und ich betreten die Anlage des „Radialsystem V“, ganz nah am Ostbahnhof Berlin und leiten den Vorabend des Politcamp 2009 ein: Mit einer Partie Tischtennis. Dann noch etwas viel zu teures Grillgut, eine kurze Nacht und schon geht es los:
Samstag, den zweiten Mai, gegen 9 Uhr….

Die heitere Diskussion um das, was da denn nun wirklich NEU und ANDERS ist am sozialen Web…um das, was Parteien daraus lernen könnten… meine Strichliste der „Twitter“-Nennungen als dem oft zitierten, aber doch kaum verstandenen Buzzwort der Szene würde auf Papier gedruckt die Rodung sämtlicher Regenwälder erfordern.

Parteipolitische Polemik mischt sich mit Web-Geek-Attacken auf die Old-School-Genossen, erforderliche Visionen werden zur bedingungslos missverständlichen Utopie extrapoliert und scheitern am Spalt der Generationen.

Und doch: Einige der Sessions haben die nötige Würze und schaffen es, das Spannungsverhältnis zwischen realpolitischen Notwendigkeiten und technischen Möglichkeiten in konstruktive Energien umzuwandeln. Darunter insbesondere das Panel meines Freundes Moritz Avenarius (twitter: @iMo) und die Sessions von Oliver Zeisberger (twitter: @oliverbarracuda).

Moritz und Oliver schaffen es, die widerstreitenden Interessen so zu moderieren, dass die Angst vor Neuem nicht unnötig geschürt und der Respekt vor wertvollen Politik-Erfahrungen der älteren Teilnehmer erhalten bleibt.

Am meisten zu lernen und kennenlernen gibt es jedoch wie immer abseits der Studios und Seminarräume beim alkoholfreien Bier unweit des Spreeufers. Dort treffen wir Ingmar, der mit OneAim.org schon längst begriffen hat, dass die Menschheit insgeheim doch eigentlich an einem Strang zieht und Lucas, der mit seinen 20 Jahren bereits mehr verstanden hat (und dazu auch noch programmieren könnte…), als die meisten von uns zusammen.

Das Schöne an solchen Veranstaltungen ist: Es gibt keinen Zwang, irgendetwas erreichen zu müssen, kein festes Ziel, das man verfehlen könnte. Selbige Eigenschaft öffnet jedoch andererseits die Tür zu uferlosen Meeren der konturlosen Phrasenschlachten, teilweise auf hoher See. Da führt es dann schonmal zu einer Mischung aus Langeweile und Verdruss, wenn zum zehnten Mal twitter zum Allheilmittel und der „Killerapp“ der Zukunft erklärt wird, während andernorts der Wahlkampf bereits zwischen, neben und über den Zeilen mehr als deutlich mitschwingt und die Sachebene der Diskussion in den Hintergrund drückt.

An dieser Stelle vielleicht für die nicht ohnehin beim Politcamp ’09 selbst anwesenden Leser dieses Blogs noch einmal die meinige Stellungnahme zur Spannung zwischen Politik (wie wir sie kennen) und dem durch Twitter, Facebook & Co entstehenden Potential andersartiger gesellschaftlicher Kommunikation:

1) Twitter, Facebook, MySpace & Konsorten sind allesamt lediglich eines: TOOLS, Infrastruktur oder knapp: Mittel zum Ausdruck menschlicher Meinungen und Botschaften. Alle vereint eines: Bidirektionale Kommunikation. Mal sind die darin enthaltenen Botschaften kürzer (Twitter), mal länger (Facebook), mal lädt man nur Zeichen hoch (Twitter), mal auch Bilder (Facebook), mal nennt man es Folgen, mal Freund werden…. Nochmal: Es sind NUR Tools, nur Werkzeuge zum Austausch, nicht mehr und nicht weniger. Alles, was daran NEU und besonders ist im Vergleich zu Offline-Kommunikation (klassische PR, Zeitung, TV, Radio und andere „massenmediale Kanäle“) ist, dass dieser Austausch nun in beide Richtungen verläuft. Soll heißen: Mensch A redet, Mensch B auch. Mensch A fragt, Mensch B antwortet. Organisation A (auch Partei A genannt🙂 redet über ihr Parteiprogramm und siehe da: Hunderte von Menschen antworten, fragen & kritisieren.

Und warum ist das nun so schockierend?

2) Weil die bisher hierarchisch organisierten Institutionen, ganz gleich ob NGO, Partei oder Company nicht darauf eingestellt sind, auf Augenhöhe ihren Wählern, Spendern oder Konsumenten zu antworten. Denn wenn man persönliche Botschaften auf diesen Kanälen verbreitet (auf denen nämlich auch persönliche, ehrliche und authentische Botschaften erwartet werden), dann muss man auch auf sehr direkte Nachfragen gefasst sein.

Und nicht zuletzt:

3) Es geht alles schneller… Botschaften verbreiten sich in 0,Nixx im Netz, denn wer eine Botschaft mag oder ganz furchtbar deplatziert findet, leitet sie in der Regel mit einem Click weiter.

Aber eines ändert sich dadurch NICHT:

4) Noch immer brauchen Politiker Erfahrung. Noch immer macht es Sinn, einen in einem Sachgebiet erfahrenen Spezialisten zum entsprechenden Abgeordneten für dieses Thema zu wählen. Noch immer muss die „Nase“ eines Politikers seinen Wählern passen, noch immer muss er den richtigen Riecher haben und gute Politik machen. Das wird durch’s Web 2.0 nicht ersetzt und nicht anders – nur, dass die Medienkanäle, auf denen dieser gute Herr oder diese gute Dame sprechen, eine andere Qualität haben…. und…

sich 5) die klassischen Organisationsstrukturen (z.B. die Policy, erst jede Veröffentlichung von ganz oben abzeichnen lassen zu wollen) dieser neuen Qualität werden anpassen müssen.

So viel dazu.

Nun aber zu meinem Alltag, der dann in der letzten Session am Sonntag auch noch thematisiert wurde: Aktion Uwe.

Uwe und ich am 111. Tag unserer Freundschaft

Uwe und ich am 111. Tag seit unserer Begegnung

Uwe geht es inzwischen wieder besser – und durch eine kleine Spendenaktion beim Politcamp ’09 konnten auch (danke!) wieder weitere 80 Euro gesammelt werden. Noch immer wartet Uwe auf Rückmeldung der Krankenkasse und der Saga. Ich hoffe, da nun bald Neues berichten zu können. Nur so viel vorab: Uwe macht sich gesundheitlich wirklich ganz gut derzeit, sieht auch sehr fit aus (siehe Foto beim Café vor meiner Abreise nach Berlin) und: Er hat heute bei der Haspa ganz alleine sein erstes eigenes Konto seit rund 20 Jahren eröffnet. Nun scharrt er wieder mit den Hufen, was wir als nächsten konkreten Schritt angehen könnten… im Juni steht die Entscheidung von Hamburg-Anstiften an… man darf gespannt sein.

Am Ende des Politcamps ’09 gab es dann auch noch ein kleines Interview, das Ihr hier findet:
http://make.tv/politcamp2009/show/21485

Und auch etwas zu Gewinnen gab es: Für alle Spender des Politcamps: Ein T-Shirt nach Wahl von www.armedangels.de , einem kleinen und feinen Modelabel aus Köln, das nachhaltige Mode aus fairem Handel und BioBaumwolle anbietet.Wer gewonnen hat? Lucas Jacob! 40 Euro hat Lucas gespendet für Uwe, hier nachvollziehbar: www.aktion-uwe.de – Hut ab & danke an Lucas. Teile es dir gleich per eMail mit!

So weit von mir…derzeit wieder in Hamburg, am Freitag weiter in den Odenwald, wo ich die Jungs von Helpedia treffe.

Euer Ole @ SocialBlogger

2 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, e-Democracy, Fundraising, Social Web

2 Antworten zu “Angst vorm Anders und warum beim Hobeln Späne fallen

  1. Andrej Mischerikow

    So viel dazu…
    Kurz, knapp, präzise. Hut ab und Verbeugung vor Ole.

  2. Moritz Avenarius (iMo)

    Moin Ole,

    schöne Zusammenfassung und auf den Punkt bringen des PolitCamp! … und danke für die Blumen😉

    Mir hat Eure Session ebenfalls gut gefallen und auch da die Diskussionen, Fragen und der Raum (den Ihr geschaffen habt), weiter zu denken, nach zu haken.

    Etwa, ob „der Fall Uwe“ skalierbar ist (was ich nicht glaube) und was sich aus dieser Frage dann für neue Ideen und Einsichten ergibt (Anregung für Sozialarbeiter und Vorbild für Behörden ). Das hilf uns allen.

    Und danke für das Bild mit Surfin’Duck!!

    keep on rockin‘ mein Guter!

    Cheers, der iMo

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