Monatsarchiv: Juli 2009

Einfach sein könnte so einfach sein

Es gibt Tage, an denen vergesse ich, wie alles angefangen hat. Tage, die sich schwerelos anfühlen, wie eine Raum-Zeit-Kapsel, bei deren Betreten vorübergehend sämtliche Dringlichkeiten und vermeintliche Wichtigkeiten von einem genommen werden.

Uwe hat nen Tipp

Am Wasser kennt Uwe sich aus

Gestern war ein solcher Tag. Sandra (ein Agenturdrittel vom nest) besuchte mich in Hamburg – und damit auch Uwe. Uwe freute sich sichtlich über den erfrischend weiblichen Besuch und nahm sich trotz anderer Termine die Zeit, uns zwei zu den Landungsbrücken zu bringen, begleitet von Anekdoten aus seiner Zeit als Wassersportler. Uwe hat seinerzeit nicht nur mehrere Jahre auf der MS Europa als Koch gearbeitet, sondern auch das damals noch erlaubte DLRG Schwimmabzeichen „silberner Totenkopf“ erworben… „Aus dem Wasser holt mich so schnell keiner mehr raus, wenn ich da erstmal drin bin“, erzählt er uns mehrfach.

In der U-Bahn kassieren wir nachwievor fragende Blicke. Blicke, die sagen: „Was machen diese zwei jungen Menschen mit diesem Obdachlosen?“, Blicke, die verachtend wirken, aber auch solche, deren Aussender eigentlich positiv überrascht wirken, wenngleich sich kaum jemand traut, etwas zu sagen oder Uwe gar als einen von uns schlichtweg zu akzeptieren.

An den Landungsbrücken raus

An den Landungsbrücken raus

Besonders fällt das allerdings vor dem Betreten der U-Bahn auf, als Uwe von den „Rotkäppchen“ des HVV (O-Ton Uwe) zunächst von jenem Platz verjagt wird, auf dem er auf uns warten will, um dann wenige Minuten später triumphierend mit frisch bezahltem Ticket die Treppen zum Gleis herabzusteigen „Hah, kommt nur her Ihr, ich habe ein Ticket!“ ruft er neckisch und schenkt uns sein größtes Lächeln.

Ich lasse Sandra und Uwe für einen Moment allein. Uwe freut sich über das neue Gesicht und die Möglichkeit, auch ganz andere Seiten von sich zu zeigen, Seiten, die er mir womöglich nicht zeigen würde. Und auch Sandra tut die Begegnung gut, wie sie mir später berichtet. „Von außen machen wir uns manchmal Sorgen um dich, Ole, dass du dich übernehmen könntest. Aber heute habe ich gemerkt, dass einem das auch unheimlich viel geben kann.“

An den Landungsbrücken dann gerät Uwe vollends ins Schwärmen. Wasser ist einfach sein Element. „Wenn du im Wasser schwimmst, ist auch alles um dich herum leichter“, sagt Uwe und ohne es gezielt zu überdenken, habe ich in diesem Moment den Eindruck, er meinte das im übertragenden Sinne.

Es ist ein gutes Gefühl, in Gemeinschaft mit Uwe unterwegs zu sein, es nimmt unserer Begegnung irgendwie den Druck, ständig etwas erreichen und  drängende nächste Schritte besprechen zu müssen. Heute dürfen wir einfach nur mal sein.

Ich denke noch einmal an Uwes Spruch und komme zu dem Schluss: „Wenn man nicht alleine ist, dann ist auch um einen herum alles viel leichter.“

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…und täglich grüßt das Wohnungstier…

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Auch Hamburg hat harsche Seiten...

Der Einstieg in einen neuen Blog-Artikel ist für mich immer am schwierigsten. Wie überhaupt aller Anfang offenbar schwer ist, vor allem jener zurück in ein geregeltes Leben mit eigenem Dach über dem Kopf.

Heute haben Uwe und ich abermals einen Versuch gestartet. Wir zählen mit: Anlauf Nummer drei. Kurzer Rückblick: Nach dem Artikel im Hamburger Abendblatt hatte sich der Pressechef der SAGA/GWG persönlich bei mir gemeldet und seine Hilfe in der Sache angeboten. Im Artikel hatte es geheißen, es könne bis zu drei Monaten oder mehr dauern, bis die SAGA einem Menschen in Uwe’s Situation auch tatsächlich eine Wohnung vermitteln könne. Protest wurde laut: „Das kriegen wir auch schneller hin“. Wer auf das Datum des Artikels achtet, sieht schnell: Stand heute sind mehr als vier Monate vergangen. Uwe hat noch immer keine Wohnung.

Um nicht pauschal über die SAGA herzuziehen, denn das ist ausdrücklich nicht mein Anliegen, muss dazu gesagt werden: Uwe hatte beim ersten Versuch zwei Wohnungsangebote erhalten, sich auf eines davon beworben und dann unter vielen Mitbewerbern nicht den Zuschlag erhalten. Er selbst war von einem Rückruf auch bei Absage ausgegangen, tatsächlich aber erhält man diesen wohl nur, wenn man auch den Zuschlag erhalten hat.

Der zweite Anlauf folgte dann vor wenigen Wochen. Zunächst ein Anruf bei der zuständigen Dame in Billstedt, dann Vermittlung an den zuständigen Hauswart, der uns um eine Woche vertrösten musste, danach mehrere Nachrichten auf dessen Mailbox…und: Wieder nichts.

Heute folgte dann endlich ein Termin mit einem menschlichen Ansprechpartner, ein netter Mitarbeiter in der Filiale Wandsbek Markt, der sich für Uwe und mich Zeit genommen hat und Uwe noch einmal persönlich kennenlernen will. Wie es ausgeht, ist ungewiss. Zunächst etwas Aufregung und Stress, denn Uwe hat heute sein Polamidon noch nicht genommen und kämpft einmal mehr mit seiner eigenen Verfassung, die er selbst liebevoll als „kiebitzig“ bezeichnet.

Der Mitarbeiter von der SAGA stellt schnell klar: Auch er kann uns nichts versprechen, wenngleich der Kontakt über eine Freundin von mir vermittelt wurde und er sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen will. 17.000 Menschen stehen offenbar in der Datenbank der SAGA als wohnungssuchend, jeder dritte an seinem eigenen Schreibtisch sein in einer ähnlichen Lage wie Uwe oder suche, so der Mitarbeiter, zumindest nach einer ähnlichen Bleibe: Ein Zimmer und förderungswürdig im Rahmen der Vorgaben der Stadt. Das bedeutet übersetzt: 5000-6000 Menschen in Hamburg konkurrieren alleine nach Auskunft des SAGA-Computers mit Uwe um eine Wohnung.

Jetzt wundert mich nichts mehr. Nicht, dass Uwe vermutlich noch länger warten muss. Und auch nicht, dass Uwe es zuvor alleine nicht geschafft hat…Uwe schenkt mir nur einen langen, wissenden Blick, als wolle er sagen: „Siehste, hab ich’s doch gleich gesagt“. Mich haut es für einen Moment um – einfach, weil mir meine Naivität und Gutgläubigkeit wieder bewusst wird.

… die Überraschung folgt dann erst auf dem Weg nach draußen, als an Uwe und mir fast unentdeckt ein netter Mann mit Schnäuzer vorbeihuscht und uns zuruft: „Kommt raus, ich hab da einen kleinen Tipp für Euch, wenn Ihr mögt.“

Draußen dann wird schnell klar: Der liebe Herr war selbst bis heute obdachlos und hat gerade heute, in dieser Stunde, seinen Mietvertrag unterschrieben. Bis heute hat auch er in einer Notunterkunft übernachtet. Er lässt uns wissen, dass es wohl neben dem Dringlichkeitsschein noch einen weiteren Schein für Menschen in Not gibt, von dem aber selbst bei den entsprechenden Ämtern offenbar nicht jeder weiß…. und, ganz unter Betroffenen dreht er sich zu Uwe und sagt: „Junge, man muss sich heute auch verkaufen können, zusehen, dass man einen guten Eindruck macht.“ Er zückt seinen Perso, zeigt ihn mir und sagt: „Schau hier, ich hab auch mal so ausgesehen.“ Uwe klopft er auf die Schulter, wünscht ihm alles Gute und zieht von dannen…

…eine Wohnung für Uwe gibt es also noch nicht… aber doch Zuspruch, nicht nur von Bloggern und Spendern, sondern auch anderen Menschen, die bis vor kurzem noch in derselben Situation waren wie er. Traurig aber, dass man solche Informationen nur als „Geheimtipp“ auf der Treppe vorm Büro erfährt. Sollte so etwas nicht bekannt sein?

Zu Hause dann eine weitere Botschaft: Eine liebe Antwortmail von einem Café in Hamburg, das sich bereit erklärt, mit Uwe einmal über eine mögliche Kooperation zu sprechen. Zwar sei der Geschäftsführer gerade verreist, die Grundbereitschaft aber ist da… das freut mich…. und spendet wieder ein bißchen Zuversicht nach diesem langen und auch seelisch verregneten Tag…

Der Mitarbeiter der SAGA will uns indes zum Monatswechsel bescheid geben und ist zuversichtlich, dass bei den vielen Kündigungen zu Ende Juli / Anfang August womöglich etwas dabei sein könnte. Wenn das Angebot dann allerdings wieder an mehr als 100 Bewerber rausgeht, bleibt es kritisch für Uwe. Er sieht das ganz gelassen: „Jetzt kommt es darauf auch nicht mehr an. Ich kann auch noch ein paar Monate im Pico bleiben… und wenn ich mich zu sehr unter Druck setze, geht es doch nur wieder schief“…

Wie ich das sehe? Puuh…ehrlich: Fragt mich was leichteres.

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