Zwischenbilanz und Grenzen

Was soll ich sagen, wie beginnen? Es ist ein Weilchen her, dass Ihr von Uwe via Videobotschaft gesehen habt – und wie Ihr merkt, hat sich einiges geändert. Bild und Video, das muss ich dazu sagen, sind beide heute entstanden, nur wenige Minuten auseinander, dennoch wirkt Uwe, so zumindest mein Eindruck, ganz verschieden.

Zunächst schnappte er sich meine Sonnenbrille mit den Worten „Uwe im Sommerlook“, auf dem Video dann schien es fast, als spüre er den Erwartungsdruck, der auf ihm liegt. Jetzt, da er bei der Körber-Stiftung/Hamburg Anstiften (oder „Hamburg stiftet“, wie er es hier nennt) gewonnen hat; jetzt, da er eigentlich, so könnte man meinen, genug Unterstützung erhält, um ein paar große Schritte nach vorne zu gehen.

Was die meisten von Euch vielleicht auf den ersten Blick erschrecken mag: Uwe lässt sich derzeit wieder eher einen Vollbart wachsen… das ist aber nur die äußere Erscheinung. Tatsächlich haben wir uns beide heute eigentlich zu einem kleinen „Krisengespräch“ getroffen, denn Uwe muss zur Zeit mächtig kämpfen, vor allem mit unnötigen Hürden und nicht zuletzt: sich selbst.

Ich will nichts beschönigen: Heute war einer der Tage, an denen selbst ich einmal verzweifelt und auch ein bißchen wütend auf Uwe war– so kam er zunächst nicht zu unserer morgendlichen Verabredung, das frühe Aufstehen war vergebens. Und dennoch: Führen wir dann eines dieser „Rund-Um-Gespräche“, ist Uwe wieder erstaunlich bei sich, fasst alle anstehenden Baustellen zusammen, schreibt sich eine Liste der ToDos für die nächsten Tage auf und zieht von dannen, als wäre zuvor nichts gewesen.

Es ist eine Menge, was wir heute besprechen: Spendenquittungen, Dankesbriefe, Schulden (bei mir und anderen von ausgelegten Spenden), der weitere Plan bei der Reduktion seines Substitutes, die Wohnung, das Café… und ein Schnuller, den Uwe an seinem Schlüsselbund trägt, noch aus seiner Kindheit. Kurz flucht Uwe, als er mir seinen neuen Schlüssel zeigt: 300.000 Euro, so Uwe, habe man wohl in eine neue Schließanlage im Pik-Ass investiert – jetzt mit Magnetchips und allem Drum und Dran… kaum vorstellbar, aber doch möglich? Wenig später nimmt er sich meinen Kuli und notiert: „Morgen, gegen 13 Uhr, Treffen mit Ole bei Hinz und Kunzt, dann Abfahrt zur Preisverleihung, danach: sehen wir weiter.“

Uwe in Sommerlaune

Uwe in Sommerlaune

Es ist eine Ruhe in ihm, die mich immer wieder verblüfft, eine Gelassenheit gegenüber allen Wogen und Wellen seines Lebens, als würde es ihm geradezu Spaß machen und einfach dazu gehören, darauf zu surfen.

Morgen also zunächst: Die Preisverleihung bei Globetrotter, unserem Unternehmenspartner bei Hamburg-Anstiften. Freitag dann ein Treffen mit Katharina zur Planung, wie es genau weitergehen kann- mit dem Café, der Wohnung.. und zu allererst: Uwe.

Und nächste Woche: Termin bei der SAGA, erneut. Dieses Mal aber: Ein privater Kontakt, mit viel „bitte“ & Hoffnung auf den guten Willen zu etwas, das Uwe eigentlich schon lange zusteht..

In just diesem Moment weiß ich selbst nicht mehr, was ich fühlen, was ich denken, was ich planen soll. Sind wir jetzt auf dem richtigen Weg? Dauert es einfach etwas länger? Die Phase der Konsolidierung trittt jetzt ein, ein neuer Abschnitt, einer, bei dem es auf Umsetzung und ruhiges Tun ankommt – weniger auf Spenden sammeln und Marktschreier-Qualitäten. Also Uwe, dann packen wir’s mal an, was da jetzt kommt…

Ach ja, um Missverständnissen vorzubeugen: Tatsächlich bekam ich heute Besuch von meinem Vater, der während des Drehs des Videos hinter uns erschien – und so endlich einmal Uwe kennenlernte🙂

… weiter geht’s… wie: das finden wir raus.

11 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe

11 Antworten zu “Zwischenbilanz und Grenzen

  1. sonja

    Hallo Ole!
    Ich bin echt stolz! Das hört sich alles sehr gut an! Richtig, in einer Konsolidierungsphase kann es zu gewissen Durtstrecken kommen, das ist doch ganz normal! Es dauert halt alles und es ist harte Arbeit! Da wird man mal müde und hofft, dass es schneller vorbei geht! Ihr habt aber auch viele Termine! Und wenn Uwe so viel Aufmerksamkeit bekommt und immer öfter von allem erzählen muss, schlaucht ihn das natürlich auch. Da mag er vielleicht nicht immer so gern vor die Kamera, auch wenn Video ein wichtiges Medium in diesem ganzen Projekt ist. haltet einfach weiter durch! Ich drücke Euch die Daumen!!

    Ganz viel Spaß morgen bei der Preisverleihung! Das schlaucht auch, ist doch aber schön! Und „danach mal weiter sehen“ ist doch eine entspannte, offene Haltung.

    Liebe Grüße, „jiā yóu“ und gute Nacht!

  2. Hej Ole, hej Uwe,

    ich „verfolge“ eure Aktivitäten quasi von Anfang an und ich bin überzeugt, ihr seid beide auf dem richtigen Weg. Die Gründung einer eigenen Agentur seitens Ole ist nur die konsequente Weiterführung dessen, was dir im Blut liegt. Heute fehlt es den meisten an (sozialem) Engagement, daher könnt ihr beiden diesen mit gutem Beispiel ein ebensolches sein und darauf dürft ihr stolz sein.

    Wenn gewünscht, sprechen wir bei unserem schon lange überfälligen Treffen auch mal darüber, was wir für euch, insbesondere für Uwe, tun können. Ich habe da im Umfeld unseres Sommerfestes (11.09.09, siehe http://tr.im/guestlist09) so meine Ideen.

    Erst einmal alles Gute und viel Erfolg bei der SAGA,
    Oliver

  3. Lasst ihn einfach auf der Strasse. Es gibt nunmal keinen sozialen Aufstieg. Wem hilft es, wenn dem Staat ein neuer teurer (Wohnung!) Sozialfall auf der Tasche liegt, der sowieso in sehr kurzer Zeit wieder entsozialisiert auf der Straße lebt?

    Richtig. Niemandem.

    Also: Aktion einstellen, Zeit sinnvoll nutzen.

  4. Ja, Benjamin, genau. Und weil du zu dem stehen kannst, was du sagst, verwendest du hier auch eine anonyme eMail-Adresse, richtig?

    Wie kommst du denn zu der Schlussfolgerung „Es gibt nunmal keinen sozialen Aufstieg“? Und was genau heißt das für dich?

    Und wofür genau zahlen wir Arbeitslosenversicherung, Steuern & Co. an den Staat, wenn nicht unter anderem auch für Menschen wie Uwe, die sich selbst aus ihrer Situation allein nicht mehr helfen können? Magst du mir das erklären?

    Was genau ist für dich die „Tasche“ vom Staat, auf der man liegen kann, wenn nicht das Geld, das wir alle gemeinsam in eben jene Tasche zu eben solchen Zwecken einzahlen?

    Mal anders gefragt: Wem schadet es denn, wenn man Uwe eine Chance gibt? Dir?

  5. Hej,

    zuerst einmal gebe ich Ole recht, dass man zu dem stehen muss, was man sagt. Privat wie öffentlich. Sich hinter einem Namen ohne Kontaktmöglichkeit zu verstecken ist wie ein Pseudonym zu benutzen.

    Dann möchte ich Ole gleich widersprechen. Unterschwellig entnehme ich deinem Kommentar, dass du glaubst, Uwe könnte sich aus seiner Situation nicht selber helfen. Auch wenn ich Uwe nicht kenne, unterstelle ich jetzt an Hand des Gelesenen, dass dies so nicht korrekt ist. Und genau dadurch wird auch der Kommentar von „Benjamin“ überflüssig und bleibt genau so falsch wie er ehedem war: Allein die Tatsache, dass Uwe das mit dir, Ole, durchzieht, beweist mir, dass er in der Lage ist, sich zu helfen. Indem er nämlich deine Hilfe annimmt.

    Der erste Schritt zur Hilfe ist immer die Erkenntnis, dass Selbsthilfe angebracht ist. Diesen Schritt hat Uwe schon lange hinter sich gebracht und nutzt nun die ihm gegebenen und angebotenen Mittel und Dienste (aus), um sich selbst zu helfen. Ich sehe hier nach wie vor ein Projekt mit Zukunft, welches sich eher durch die Auszeichnung der Körberstiftung in die Wahrnehmung bringen sollte, als durch kleingeistige Kommentare minderbemittelter und sozial vernarbter Blogbesucher.

    VG,
    Oliver

  6. Lieber Oli,

    ja, genau so möchte ich das auch verstanden wissen. Natürlich hilft sich Uwe in vielerlei Hinsicht schon selbst und bringt jeden Tag sehr viel Kraft auf, um das zu schaffen. Was ich sagen wollte, war eher: Es gibt Lebenssituationen, in denen man es ganz ohne fremde Hilfe dabei – die man dann annehmen können muss – nicht schafft. Das kann die finanzielle Hilfe vom Staat oder die hier durch uns alle mobilisierte Hilfe von Mitmenschen sein.

    Letztlich muss Uwe dennoch sehr vieles alleine bewältigen, was er ja auch sehr tapfer tut. Er selbst sieht es im Übrigen auch so und sagt mir sehr oft, dass ich nur ein Freund sein kann, er letztlich aber natürlich vieles selbst schaffen muss, alleine schon an emotionaler Bewältigung der Situation. Danke, Oli, für die Richtigstellung.

    Dann belassen wir es mal dabei, denn du hast recht: Mehr Aufmerksamkeit sollten wir dem vorangegangenen Kommentar denn wohl auch nicht schenken.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,

    Ole

  7. Hallo Ole,

    auch wenn es weh tut und in erster Linie schockierend und schmerzhaft ist: gut, dass auch mal so eine Reaktion wie von Benjamin (falls er so heißt) kommt. Das zeigt auch einfach mal, dass sich sozial zu engagieren und eine Stellung zu beziehen immer ein Risiko ist. Das Risiko, durch sein eigenes Handels andere in ihrem Lebensstil anzugreifen und damit Ablehnung und Aggression zu provozieren. So ein Projekt wie mit Uwe ist eben nicht nur Heiti-teiti Preise entgegennehmen, sondern eben auch mit Menschen in Konfrontation zu gehen, die eine andere Einstellung dazu haben.

    @Benjamin: es gibt keinen sozialen Aufstieg? Denk da vielleicht nochmal drüber nach😉 so eine Behauptung kann man doch gar nicht ernst nehmen.

    Aber dein Vorschlag „Aktion einstellen, Zeit sinnvoll nutzen.“ tut ganz schön weh. Und zwar nicht nur Ole, sondern allen Leuten, die sich sozial engagieren. Denn genau davor haben wir alle doch am meisten Angst: dass es eben nichts bringt. Dass wir Zeit und Kraft in Dinge investieren, die vielleicht doch keine Veränderung bewirken. Die eben nicht sinnvoll sind. Weil wir eben nicht vorher wissen, was dabei rauskommt. Dennoch ist da irgendetwas, was uns antreibt und was uns den Mut gibt, es immer wieder zu versuchen.

    @Ole: danke dass du jeden Tag aufs Neue bereit bist, dieses Risiko einzugehen. Dass ihr – Uwe und du – jeden Tag aufs Neue die Herausforderungen annehmt, Rückschläge einsteckt und wie zwei kleine Stehaufmännchen auf die nächste zugeht. Ihr hättet schon längst alles hinschmeißen und weglaufen können. Alle beide. Aber ihr habt es nicht getan. Euer Beispiel gibt den Lesern dieses Blogs, euren Freunden und Bekannten viel Kraft und Zuversicht, dass es eben doch was bringt, sich zu engagieren. Auch als einzelner, auch ohne Mittel, aber mit einer guten Portion Mut. Schon alleine dafür war es bis hierher sinnvoll und wird mit jedem weiteren Tag Sinn haben. Wie lange ihr dafür brauchen werdet, spielt überhaupt keine Rolle. Jeder einzelne Schritt zählt.

    Und ich bin verdammt gespannt, was Uwe dazu sagt. Der sieht das bestimmt viel viel lockerer als wir🙂 von ihm können wir noch ganz schön viel lernen…

    Sandra

  8. Hey Ole,
    es wird immer den Schritt zurück geben – solange darauf wieder zwei nach vorne folgen, ist der Weg der richtige…
    Lass Dir anhand von meinem Beispiel sagen (und da ist in den letzten 5 Jahren einiges mehr eingeschlagen, wie Du ansatzweise weisst… ;-)) – lass Dich nur von Deinem Inneren leiten, vergegenwärtige Dir immer Deine Ziele, Niemand, wirlich Niemand kann Dein Richter sein:
    „Ein einziger Mann mit Mut, stellt eine Mehrheit dar!“ (Andrew Jackson)

  9. @Benjamin
    Warum leben Leute wie Uwe – wie du es nennst – entsozialisiert auf der Straße? Liegt das allein an ihnen? Wir alle könnten etwas dafür tun, dass sie ihren persönlichen Rucksack voller Enttäuschungen, Verletzungen und Entbehrungen nicht alleine tragen müssen. Auch wenn dadurch nicht gleich alles gut wird und Scheitern zum Leben dazugehört: Ich bin froh um Menschen wie Ole, die den Mut haben, Außenseitern eine neue Chance zu geben. Unsere Gesellschaft braucht mehr soziale Manieren. Ein paar Ideen dazu gibt es hier: http://www.soziale-manieren.de/vorschlag
    Und noch was: Seit einem halben Jahr bloggen Menschen vom Rand unserer Gesellschaft. Ich lese als Redakteur jeden Beitrag. Da sind Geschichten dabei, die unter die Haut gehen. Dennoch geben diese Menschen nicht auf. Sie versuchen mit ihren Mitteln das Leben zu stemmen. Benjamin, nimm dir Zeit und lies dir den einen oder anderen Eintrag durch. Dann wirst du sehen, dass es absolut SINN-voll ist, diese Menschen zu unterstützen: http://blog.soziale-manieren.de

  10. Annette

    @ Benjamin: Was muss Dir widerfahren sein, dass Du so denkst. Und noch eine Frage: Wie nutzt Du denn Deine Zeit sinnvoll?

    @ Ole: Ich ziehe meinen Hut vor Dir!!!

    Gruß! Annette

  11. Saskia

    Hallo Ole,

    habe durch Utopia von dieser Atkion erfahren und hier mal ein bischen quergelesen. Meine Hochachtung vor Deinem Engagement und Deinem Mut. Ich finde es toll, was Du hier auf die Beine gestellt hast und ich drücke Euch beiden, Dir und Uwe, die Daumen dass es weiter bergauf geht.

    Dass man auch Kritik ausgesetzt ist, habe ich gerade letzte Woche selbst in Hamburg erfahren. Ein Obdachloser hat auf dem Bahnsteig Leute angesprochen und nach Geld gefragt. Er hatte ein altes Exemplar von Hinz und Kunzt dabei und sagte: er habe im Moment kein Geld um sich neue Ausgaben zu besorgen. Ich hab ihm ein paar Euro und die Hand gedrückt und mir dafür sehr viele sparsame Blicke der Mitreisenden eingefangen. Im ersten Moment war mir das sehr unangenehm und dann hab ich mich geärgert: es ist mein Geld und es ist meine Sache, was ich damit mache und wem ich es gebe. (Bin schon wieder in rage, wenn ich nur daran denke.)

    Haltet durch und lasst Euch nicht von Kritik fertig machen.

    Alles Gute für Euch!
    Saskia

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