Einfach sein könnte so einfach sein

Es gibt Tage, an denen vergesse ich, wie alles angefangen hat. Tage, die sich schwerelos anfühlen, wie eine Raum-Zeit-Kapsel, bei deren Betreten vorübergehend sämtliche Dringlichkeiten und vermeintliche Wichtigkeiten von einem genommen werden.

Uwe hat nen Tipp

Am Wasser kennt Uwe sich aus

Gestern war ein solcher Tag. Sandra (ein Agenturdrittel vom nest) besuchte mich in Hamburg – und damit auch Uwe. Uwe freute sich sichtlich über den erfrischend weiblichen Besuch und nahm sich trotz anderer Termine die Zeit, uns zwei zu den Landungsbrücken zu bringen, begleitet von Anekdoten aus seiner Zeit als Wassersportler. Uwe hat seinerzeit nicht nur mehrere Jahre auf der MS Europa als Koch gearbeitet, sondern auch das damals noch erlaubte DLRG Schwimmabzeichen „silberner Totenkopf“ erworben… „Aus dem Wasser holt mich so schnell keiner mehr raus, wenn ich da erstmal drin bin“, erzählt er uns mehrfach.

In der U-Bahn kassieren wir nachwievor fragende Blicke. Blicke, die sagen: „Was machen diese zwei jungen Menschen mit diesem Obdachlosen?“, Blicke, die verachtend wirken, aber auch solche, deren Aussender eigentlich positiv überrascht wirken, wenngleich sich kaum jemand traut, etwas zu sagen oder Uwe gar als einen von uns schlichtweg zu akzeptieren.

An den Landungsbrücken raus

An den Landungsbrücken raus

Besonders fällt das allerdings vor dem Betreten der U-Bahn auf, als Uwe von den „Rotkäppchen“ des HVV (O-Ton Uwe) zunächst von jenem Platz verjagt wird, auf dem er auf uns warten will, um dann wenige Minuten später triumphierend mit frisch bezahltem Ticket die Treppen zum Gleis herabzusteigen „Hah, kommt nur her Ihr, ich habe ein Ticket!“ ruft er neckisch und schenkt uns sein größtes Lächeln.

Ich lasse Sandra und Uwe für einen Moment allein. Uwe freut sich über das neue Gesicht und die Möglichkeit, auch ganz andere Seiten von sich zu zeigen, Seiten, die er mir womöglich nicht zeigen würde. Und auch Sandra tut die Begegnung gut, wie sie mir später berichtet. „Von außen machen wir uns manchmal Sorgen um dich, Ole, dass du dich übernehmen könntest. Aber heute habe ich gemerkt, dass einem das auch unheimlich viel geben kann.“

An den Landungsbrücken dann gerät Uwe vollends ins Schwärmen. Wasser ist einfach sein Element. „Wenn du im Wasser schwimmst, ist auch alles um dich herum leichter“, sagt Uwe und ohne es gezielt zu überdenken, habe ich in diesem Moment den Eindruck, er meinte das im übertragenden Sinne.

Es ist ein gutes Gefühl, in Gemeinschaft mit Uwe unterwegs zu sein, es nimmt unserer Begegnung irgendwie den Druck, ständig etwas erreichen und  drängende nächste Schritte besprechen zu müssen. Heute dürfen wir einfach nur mal sein.

Ich denke noch einmal an Uwes Spruch und komme zu dem Schluss: „Wenn man nicht alleine ist, dann ist auch um einen herum alles viel leichter.“

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Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

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