Die Zukunft ist ja ohnehin kontingent

Ein wenig mehr als sechs Monate sind jetzt seit Beginn der Aktion-Uwe verstrichen. Sechs Monate, in denen sich mindestens zwei Menschenleben parallel radikal gewandelt haben.

Manches Mal musste ich während dieser Zeit geradezu an all die Dinge erinnert werden, die passiert sind – von außen, von anderen. Reflektiere ich dann über meine eigene Wahrnehmung dieser Zeit, ähnelt es dem Tunnelblick, den man in einer langen Prüfungsphase annimmt, um sich bloß nicht ablenken zu lassen. Das mag paradox klingen angesichts der Tatsache, dass ich mich von meinem Studium durch Aktion-Uwe bisweilen durchaus habe ablenken lassen, aber dennoch trifft es zu.

Uwe mit Bartschneider

Für die Wohnungsbesichtigung hat sich Uwe den Bart rasiert. Hier noch in voller Haarpracht.

Ab einem gewissen Punkt nimmt man die vielen Ereignisse nur noch durch eine Art Filter war, als wolle man sich vorab vor einer möglichen Reizüberflutung schützen. Jedes Treffen mit Uwe, jedes Gespräch, jeder Gedanke, jedes Schreiben an die nächste Behörde, jedes Fotoshooting mit der Presse, jeder Moment der Frustration und jede Preisverleihung: All das kostet unheimlich viel Kraft – und wird doch im gleichen Moment aufgefangen durch das, was da am Entstehen ist, durch die Begegnung, die Freundschaft, die menschliche Energie, die auch Uwe innewohnt.

Heute dann fällt alles von mir. Auf einen Schlag. Ich möchte laut rausschreien, durch Hamburg rennen. Mich bei allen bedanken, die so lange geblieben sind, gleich, ob auf diesem Blog hier oder einfach nur mental. Alle umarmen. Und mich doch am liebsten einfach nur zurückziehen, in mich gehen und erstmal: Begreifen.

Heute, 14:45 Uhr, mit leichter Verspätung: Uwe und ich treffen in Steilshoop ein, um gemeinsam die erste Wohnung anzusehen, die Uwe seit rund 15 Jahren besichtigt hat. 15 Jahre. Es ist seit Ende Januar unser dritter Anlauf und das insgesamt vierte konkrete Wohnungsangebot, das Uwe erhält. Dieses Mal haben wir die freundliche Unterstützung eines SAGA-Mitarbeiters, der schon bei unserem Beratungsgespräch mit Uwe einen besonders engagierten Eindruck hinterlassen hatte und sich ganz offensichtlich wirklich für Uwe einsetzt. Er begrüßt uns gemeinsam mit dem Hauswart der Wohnung, die Anfang August frei geworden ist.

Etwas aufgeregt und von der Eile noch ganz verschwitzt zwängen sich Uwe und ich mit den beiden Herren in den Aufzug und fahren in den siebten Stock. Dort dann: Die Überraschung. Uwe und ich betreten eine kleine, aber feine Einzimmer-Wohnung und blicken vom Balkon direkt hinaus auf den Hamburger Stadtpark, den Fernsehturm dahinter und ganz weit draußen: Die Landungsbrücken und den Hafen.

Uwe ist ganz gefasst, legt eine Hand in die andere und sagt, beinahe nüchtern: „Da kann man echt nichts sagen. Hier ist es wirklich schön.“ Gleich morgen will er sich um die formellen Angelegenheiten kümmern, damit es dieses Mal auch klappen kann. Beide SAGA-Mitarbeiter nicken Uwe bestätigend und ermutigend zu, fast wie ein nonverbales Schulterklopfen. Wir geben uns noch einmal rund um die Hand und sind auch schon fertig – für heute.

Draußen wieder angekommen beginnen wir beide erst zu realisieren, was da gerade passiert ist. Eine Wohnung. Vielleicht sehr bald seine Wohnung. Uwe schaut mich an und sagt: „Wenn Sie Hamburg mal von oben sehen wollen, so richtig schön, kommen Sie, kommen Sie Uwe Schneider besuchen für einen Rundgang. Nur 7 Euro Eintritt.“ Ein paar Meter weiter streckt er plötzlich die Hand aus, ballt sie zur Faust und sagt in Siegerlauner „Yes, der zweite Streich! So, was kommt als nächstes? Ach und Ole, sag mal: War ich vielleicht etwas zu trocken gerade? Nicht, dass die denken, ich wäre nicht interessiert“. Uwe ist Rückschläge gewohnt, Fortschritte nimmt er zunächst so gelassen zur Kenntnis, als wolle er sich selbst den nächst möglichen Rückschlag erleichtern.

Wir wissen beide, dass dies nur einer von vielen kleinen Mosaiksteinchen im Leben von Uwe ist. Und dennoch ist es ein vergleichsweise großes Steinchen, eines, das Uwe seit vielen Jahren nicht alleine bewältigen konnte, eines, das binnen sechs Monaten nun endlich in greifbare Nähe gerückt ist. Und eines, das für Uwe viele andere Implikationen mit sich bringt. Womöglich einen eigenen Kühlschrank, günstigeres Essen, ruhigere Nächte, eine eigene Anschrift, eine neue Identität, ein ganz anderes Umfeld und die Möglichkeit, Freunde zu sich einzuladen, zum Kochen zum Beispiel. „Wenn ich eingezogen bin, werde ich gewiss noch etwas Zeit brauchen, mich an die neue Situation zu gewöhnen.“ Die sollst du haben, lieber Uwe.

Noch vor zwei Wochen haben wir nicht mehr damit gerechnet, dass es so schnell gehen kann. Ich habe angefangen, an uns zu zweifeln – und dann zurück gedacht an eine E-Mail eines Soziologie-Professors von mir, der für Uwe 100 Euro spendete mit den Worten: „..gute Idee, wenn auch schwierig und mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Aber da die Zukunft ja ohnehin kontingent ist…

Recht hat er.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

Eine Antwort zu “Die Zukunft ist ja ohnehin kontingent

  1. O.Kremer

    Es ist sehr schön das es so was in unserem Staat noch gibt und die soziale Kälte
    einem Mensche mal nicht überrollt. Ich wünsche alles Gute.
    O.Kremer Neuss/Rhld.

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