Kurzes Wochenende, lange Wege

Aufbruch in eine neue Runde?

Lichtstreif am Horizont am Sonntag Morgen...

Ich bin wach. Es ist halb fünf und ich kann nicht mehr schlafen. Mir schießen die Gedanken der letzten Tage durch den Kopf. Zeit zum Bloggen.

Uwe ist frei. Äußerlich zumindest befindet sich Uwe wieder auf freiem Fuß. Am Sonntag sind Katharina und ich – wie in den Kommentaren des letzten Blogposts bereits angekündigt – bei der Haftanstalt am Holstenglacis angetreten und haben Uwe nach einer guten Stunde Wartezeit „ausgelöst“. Die Quittung liegt noch neben mir… „Auslösung des Herrn Uwe-Hans Schneider… 568 Euro“. Minutiös hat mir der Herr von der Untersuchungshaft die Tage vorgerechnet, die Uwe bereits „verbüßt“ hat. Zieht man diese von seiner ursprünglichen Geldstrafe ab (mit einem „Wert“ von 8 Euro pro Tag), verbleibt der geforderte Betrag.

Ich zeige meinen Ausweis, hole 570 Euro aus der Jackentasche – und komme mir ein bißchen vor wie aus einem alten Tatort entlaufen. Katharina muss derweil draußen warten, trotz Regen, mit meinen Taschen und vor allem meinem Handy. Twittern aus dem Knast: Unmöglich. Sie scheint eine mögliche Gefahr für das am Sonntag unerbesetzte Gefängnis zu sein. Die Stahltür hinter ihr ist dick, der kleine Zwischenraum vor dem ersten Beamten hätte meines Erachtens genügt, aber gut. Langsam und bedächtig holt der zweite meinen zwei Euro Wechselgeld aus einem alten Safe in der Wand, von der die babyblaue Farbe bereits langsam abblättert. Auch in dem Fenster dieses Raumes sind dicke Gitter. Ich stelle mir vor, wie sich die Zellen von innen angefühlt haben.

Eine gute halbe Stunde nach der Klärung der Formalia kommt Uwe auch schon aus derselben dicken Stahltür, hinter der Katharina gewartet hat. Er sieht gut aus, aber auch geschafft. Ein letztes Mal sei er noch zur Pola-Ausgabe gelassen worden, berichtet er. Dann nimmt er Katharina und mich in den Arm. Fester als sonst. „Ich danke Euch. Danke, dass Ihr das gemacht habt.“

Etwas überholt, aber bezeichnend.

Ich schweige eine oder zwei Minuten. Eine gefühlte Ewigkeit. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich Uwe in die Augen gucken soll. Froh, dass er draußen ist. Dankbar, dass es ihm einigermaßen gut geht. Sauer, dass er es verbockt hat und seine Sozialstunden nicht angetreten ist. Verwirrt und gleichmütig, weil es eben immer auf und ab geht und dies nur ein weiterer Beleg für die Unberechenbarkeit dieser Begegnung ist?

Dann kann ich nicht anders und freue mich. Uwe’s alter schwarzer Humor ist wieder da. Er erzählt von einem Tumult im Knast, einem Aufstand von mehreren Insassen und, wie diese am Freitag und Samstag vor seiner Entlassung noch zwei Wärter in eine Zelle gesperrt hätten. Wie im Fernsehen. 38 Polizisten mussten anrücken, um die Meuterei wieder in Griff zu kriegen. Uwe kauert in seiner offenen Zelle hinter einem Buch, um bloß nicht hinein gezogen zu werden. Meine Anspannung weicht für einen Moment der Erleichterung darüber, dass Uwe jetzt nicht mehr solchen Ereignissen ausgesetzt ist. Die Wut kommt später.

Dann: Kaffeetrinken bei einem kleinen Kaffee in der Schanze. Aussprache. Katharina und ich fragen Uwe abwechselnd, wie es weitergehen soll. Was seine Gedanken dazu sind. Wie er sich einen weiteren Weg mit uns vorstellen kann, wie wir einander wieder besser vertrauen können. Zwischendrin nimmt er sich etwas Zeit und checkt die Mailbox seines Handys. „8 neue Nachrichten!“. Ich frage mich manchmal, welche Kontakte Uwe alle so hat und pflegt. Ich muss und will nichts alles wissen. Ich will Uwe nicht mehr kontrollieren müssen, als es unbedingt notwendig ist, um ihm helfen zu können. Aber an diesem Tag bin ich tendenziell über alles eher besorgt, als ungefiltert erfreut.

Uwe braucht Zeit, ich auch. Er unternimmt einen Spaziergang durch Planten und Blomen, um seinen Bewegungsdrang zu stillen, der sich in der einen Woche hinter Gittern aufgestaut hat. Ich treffe derweil einen guten Freund in Hamburg. Danach bringe ich schnell mein Gepäck zu meinen Freunden, bei denen ich schlafen kann und treffe Uwe erneut. Dieses Mal gemeinsam mit Martin vom Verein „millionways e.V.“. Millionways hat sich vorgenommen, Menschen wie Uwe im Arbeitsmarkt eine Chance zu geben, in dem einfache Anlerntätigkeiten einfach fairer bezahlt werden. Uwe und Martin mögen sich. Es ist nicht so entscheidend, was an diesem Abend konkret rauskommt. Aber Martin hört Uwe zu, wie er von seinen Träumen erzählt, von dem, was in der Vergangenheit schon alles passiert ist und dem, was da noch vor ihm liegt.

Heute fällt mir auf, dass ich seine Vorstellungen teilweise relativieren muss, stärker als sonst. „Uwe, du hast bis hierhin viel geschafft. Du bist aber auch oft ausgewichen, wenn es um konkrete Verpflichtungen ging und darum, jetzt selbst zu zeigen, dass du den Willen hast, etwas beizutragen.“ Er träumt schon vom Nachtcafé und seinen Mitstreitern. Normalerweise träume ich gerne mit und will ihm nichts versauern. Aber heute muss ich daran denken, dass ich bislang noch keinen nächsten Schritt hin zu einer Beschäftigung sehen kann, keine reale Chance, dass Uwe die 568 Euro tatsächlich – wie er selbst vorgibt – abarbeiten wird können. Doch kaum spreche ich das aus, komme ich mir selbst mies vor, will mir über den Mund fahren, mir diesen Gedanken eigentlich nicht erlauben.

Es war eine Mischung aus Naivität, Flucht nach Forn und Gutgläubigkeit, die Uwe und uns so weit gebracht hat. Es gab mehr als einen Zeitpunkt, an dem ich auch eine Wohnung unter den gegebenen Umständen für mehr als unmöglich gehalten hatte. Und es gab immer wieder Überraschungen. Vor allem Uwe hat mich immer wieder überrascht. Aber auch seine und meine Mitmenschen, die mit viel Kreativität dabei waren, wenn es darum ging, aus der Not eine Tugend zu machen. Mich erreicht noch eine SMS von Esther, die sich seinerzeit als Messehostess in Hamburg für Uwe eingesetzt und ihm und anderen Obdachlosen verbliebene Speisen von der Gastro-Messe am Abend im Pik-Ass vorbei brachte. Jetzt bietet sie ein Benefiz-Konzert an, um einen Teil des Geldes für Uwe’s Auslöse wieder einzuspielen.

Am Montag drauf kommt Uwe 20 Minuten zu spät. Er trägt einen Verband um die Hand. Wieder alte Geschichten? In der Tat. Wieder Leute aus der alten Szene, die ihn als möglichen Zeugen auf einer Anklageschrift gesehen haben und wollen, dass er schweigt. Uwe gibt sich munter und ungerührt. „Kann mich doch wehren, bin ja alt genug.“ Aber es arbeitet in ihm. Und es liegt noch viel vor ihm. Heute allein: Anruf bei der Arge, Neuausdruck aller Kontoauszüge von Uwe (damit ich mir ein aktuelles Bild machen kann), Gespräch mit Vattenfall, ob Uwe seine Stromrechnung etwas später (nämlich jeweils am 1. nicht am 26ten des Monats) begleichen kann… es sind viele, zunächst klein erscheinende Aufgaben, die Uwe bewältigen muss. Und jeder dieser scheinbaren Banalitäten sind für ihn große Hürden. Daran muss ich mich immer wieder erinnern.

Uwe schon wieder zu Scherzen aufgelegt.

Am Nachmittag trifft mich Uwe noch einmal, kurz vor meiner Abfahrt nach Berllin. Wir wollen noch schnell gemeinsam ein paar Socken und Schuhe kaufen. „Hey, cool, die sind ja runtergesetzt, da spare ich ja 20 Euro!“, freut sich Uwe über Schuhe, die insgesamt nur 20 Euro kosten. Seine sind bereits an allen Ecken und Enden offen und bei dem Wetter wirklich nicht mehr tragbar. Mein Zug fällt aus. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit bis zum nächsten und gönnen uns eine Bratwurst auf dem beginnenden Weihnachtsmarkt.

„Weißt du, dass das unser erstes gemeinsames Essen ist, Ole?“, fragt Uwe. Uwe hat recht. Sonst haben wir immer nur einen schnellen Kaffee getrunken.

Ab jetzt muss sich einiges ändern.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

8 Antworten zu “Kurzes Wochenende, lange Wege

  1. Wow… dass dumme, blonde Messehostessen auch Musik machen können finde ich echt beeindruckend🙂

    Es war sicher das Richtige, dass Ihr Uwe da rausgeholt habt! Vielleicht war das für ihn ja auch ein Schlüsselerlebnis, vielleicht bringt es am Ende etwas Gutes. Wer weiß?! Und ich finde, träumen ist immer erlaubt.

    Danke für Dein unendliches Engagement, das beeindruckt mich immer wieder.

    Grüße an Uwe!
    E

  2. Puh….auch wenn wir uns täglich sehen – das meiste erfährt man wohl hier im Blog.

    Berichte mal mehr über Millionways – hab hier http://www.welt.de/welt_print/article2004160/Wir_finden_besser_Dienstleistung_mal_anders.html einen interessanten Artikel gefunden. Das klingt aussichtsreich!

  3. Ulli

    Hi Ole,
    ich kann richtig gut nachvollziehen, wie du dich gefühlt hast als du da im Gefängnis auf Uwe gewartet hast. Die Zeit steht still, sämtliche Gedanken fliegen einem durch den Kopf und die Zweifel, ob man das Richtige tut sind am schlimmsten, finde ich. Aber ich denke du hast das Richtige getan, denn so hast du Uwe gezeigt, das du ihm gern vertrauen möchtest und jetzt muß man halt sehen, was Uwe daraus macht. Und du kannst dann deine Schlüsse daraus ziehen.
    Ich finde es bewundernswert, das du solchen Mut beweist. Das du das alles für einen Menschen tust, den du ja gar nicht wirklich kennst, dessen Schicksal dich halt einfach berührt hat. Es gibt ja so viele Obdachlose und vom Schicksal gebeutelte Menschen und Uwe kann eigentlich froh sein, das es ihn getroffen hat. Das du ihn „an die Hand genommen hast“ und dich bereit erklärst, gemeinsam mit ihm einen schweren Weg zu gehen. Ich möchte dir nur noch mal raten, vergiß nicht, wer du bist und wo du herkommst. Das geht nachher so schnell, das man nur noch die eine Sache im Kopf hat und sich selbst dabei vergißt.
    Und ich hoffe ganz stark, das Uwe deinen Einsatz zu schätzen weiß und dich nicht mehr dermaßen enttäuscht.
    Liebe Grüße
    Ulli

    P.S. Das mit dem Konzert finde ich eine coole Idee!!!! Viel Glück dafür Esther

  4. Torsten

    Guten Tag,

    ich bin tief beeindruckt über diese Rettung. Was nun aber so cool daran sein soll ein Benefiz-Konzert zur Einspielung der Schulden zu geben, entzieht sich dann doch meinem Vorstellungsvermögen. Und das Knast kein Spass ist, war mir auch schon klar. Aber letztendlich hat Uwe das verbockt und vielleicht gelingt es ihm ja ein wenig Eigenverantwortlichkeit und Selbstachtung zu entwickeln. Dies vielleicht auch vor dem Hintergrund, dass er mit Euch mehr als Glück hat. Tausend andere kriegen nie solch eine Change. Und vor diesem Hintergrund finde ich „Scherze“ geradezu unangebracht.

  5. ideengeber

    wie wärs denn wenn uwe selbst auch mal bloggt ?
    so ein netbook gibts ja schon für knappe 200 euro und wlan gibts auch zuhauf für ihn. das würde vielleicht frischen wind bringen.

  6. Nette Idee, ideengeber🙂 200 Euro entsprechen mehr als der Hälfte von Uwe’s Monatseinkommen von 359 Euro. Man könnte das überlegen zukünftig, aber andere Dinge haben derzeit Priorität…Allerdings:
    Ich habe einen Laptop gespendet bekommen für Uwe und tatsächlich möchte er einen Computerkurs machen – erstmal gibt es aber leider noch viele Formalitäten rund um die Wohnung zu klären, dann gehen wir diesen Schritt gern an!
    LG aus Kopenhagen,
    Ole

  7. Ulli

    Hallo Torsten,
    möchte dir nur kurz erklären, das jede Idee, Spenden einzubringen, eine gute oder coole Möglichkeit ist, um Uwe oder auch Ole zu helfen. Vielleicht hast du auch eine?! Aber wahrscheinlich nicht. Wer macht denn hier Scherze? Finde dich eher lachhaft, oder glaubst du im Ernst, das Uwe durch diesmal Knast Eigenverantwortlichkeit und Selbstachtung gewonnen hat? Hast du irgendeine Ahnung, was Uwe schon alles durchgemacht hat? Ich glaube, die eine Woche Knast war wie Urlaub für ihn! Jetzt mal übertrieben gesagt. Du solltest dir dein Urteil besser überlegen, bevor du es bloggst. Und allein die Tatsache, das Ole für ihn da ist und einige Menschen gespendet haben, bringt ihn auch nicht viel weiter. Ich glaube eher, das es ihm Angst macht aber das ist meine Meinung.
    Habe Uwe lange nicht gesehen und weiß selbst nicht, wie es ihm geht und was er macht. Ole ist schon wieder unterwegs und ich hoffe, das seine zwei Mitstreiter sich um Uwe kümmern. Wenn es mit diesem Kurs klappen sollte, Hut ab aber….wir müßen abwarten.
    So Torsten bis dann!
    Liebe Grüße an Ole und Co.
    Ulli

  8. beeindruckender bericht, hut ab … und viel Glück!

    martin@kasse4

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