Monatsarchiv: Januar 2010

Bilanzsumme: Glück

Uwe - voll mit Bart und voll gut drauf

Eigentlich sollte man das Bloggen am besten immer gleich erledigen: So lange der Eindruck noch frisch ist und die Emotionen nur so aus dem Herzen direkt auf die Tasten fließen. Leider ist mir ein bißchen was dazwischen gekommen, zwischen der Rückkehr aus Hamburg und dem heutigen Sonntag. Nämlich: Drei intensive Tage mit dem Nest und das Wiedersehen eines alten, aber nicht veralteten Freundes aus Schulzeiten. Nicht selten führen solche Begegnungen zur unmittelbaren Neuordnung der eigenen Gedanken, zum Reflektieren und Vergleichen des aktuellen Lebensgeschehens mit dem auf die Zukunft projizierten Selbstbild von vor einigen Jahren.

Gemischt mit der gemeinsamen Rückschau mit Uwe in Hamburg kommt so einiges zusammen. Wo stehen wir? Wo stehe ich? Wie geht es weiter? Die allgemeine Sinnfrage ist bekannt und bedarf keiner weiteren Erörterung. Dennoch fühle ich mich nicht zuletzt auch durch den letzten Blogpost meines Mitstreiters Daniel berufen, an dieser Stelle Bilanz zu ziehen.

Einiges ist gerade im letzten Jahr passiert. Uwe steht für mich persönlich sicher neben der Gründung von Nest im Mittelpunkt, wenn nicht gar als Wurzel allen Übels Glücks. Nach der geläufigen studentischen Orientierungslosigkeit und dem oft durch Übereifrigkeit zerstrebten Schaffensalltag hat Uwe mit seiner Haltung mir nicht nur einmal gezeigt, worum es eigentlich geht.

Uwe, der ganz offenkundig Hilfe von mir und vielen anderen empfängt und empfangen hat, mag in einer für uns fremden Welt leben, die wir nicht begreifen können. Mein Besuch am Mittwoch macht mir klar: Das tut Uwe immernoch. Seine Wohnung ist nicht perfekt eingerichtet, nichtmal eine Lampe an der Decke will Uwe derzeit annehmen. Viel wichtiger ist es, dass er es selbst schafft, die nächsten Möbel für sich zu besorgen, aus eigener Kraft. Er trennt sich, langsam, aber sicher, von alten Bekannten aus der Szene, die ihn zu sehr an das erinnern, was ihn vom Weg abgebracht hat.

Vom Weg? Moment Mal. Welcher Weg? Genau das ist es, was Uwe noch heute jeden Tag rauszufinden versucht. Und was ich als Außenstehender nur ganz zaghaft, wenn überhaupt, nachvollziehen kann. In irdischen Belangen hat Uwe sicher große Fortschritte gemacht, als da wären: Die Wohnung, das Handy, die Dusche, die Kostenübernahme, die eigene Matratze, der Tisch, die Handschuhe, das Konto.

Am 15. Februar tritt Uwe seine Sozialstunden an. Seine erste Arbeit seit.. ach, ich weiß gar nicht, wie vielen Jahren überhaupt. Um 9 Uhr morgens muss Uwe anfangen, auf einem Sportplatz in Laufweite seiner Wohnung, dann, wenn der Frost hoffentlich weg ist. Nett war er wohl, der Platzwart. „Der hat sowas schon öfter gemacht, mit Leuten wie mir.“, sagt Uwe. Wenn alles klappt, muss Uwe zunächst nur drei Stunden am Tag arbeiten, denn körperlich schafft er aus dem Stand noch nicht die volle Belastung.

Das Nachtcafé bleibt bisweilen ein Traum, den Uwe noch nicht leben kann. Erstmal an die Arbeit gewöhnen will er sich, dann weitersehen. Ganz in Ruhe. Alles zu seiner Zeit, ja, genau, seiner. Parallel haben sich Anna, Florian, Katharina, Rainer, Claudia und Martin zusammengesetzt und schmieden Pläne, wie es weitergehen kann. Ich bleibe dabei, aus der Ferne… Anna sieht Uwe nun regelmäßig und erzählt mir, wie sie Buch führt über alles, was Uwe sich vorgenommen hat und die einzelnen, kleinen Schritte zum Ziel. Ich freue mich über diese vielen, greifbaren Gipfelerstürmungen, auch, wenn die Gipfel manches Mal nur kleine Huckel sind.

Den Moment einfangen


Umso mehr bleibt für mich nach einem Jahr mit Uwe in Hamburg der Eindruck, dass das wirklich Wichtige auf einer anderen Ebene passiert, die vielleicht nicht ganz so irdisch sichtbar ist. Etwa jene, die dazu geführt hat, dass Uwe ausgerechnet mich angesprochen und wir ausgerechnet diese Aktion gestartet haben.

Ohne all das hätte ich vermutlich eine andere Abzweigung genommen. Eine ohne Nest, ohne Klima und ohne Berlin. Vielleicht hätte ich Uwe und Euch an einem anderen Tag, bei einer anderen Gelegenheit getroffen, vielleicht. Und Uwe?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

Ein Jahr Uwe.

Einer der guten Tage mit Uwe, im Spätsommer 2009

Ein Jahr genau ist es her, dass Uwe und ich uns über den Weg gelaufen sind. Vor einem Jahr genau fragte mich Uwe in der Fußgängerzone Hamburgs nach ein bisschen Kleingeld, um sich zu seinem angeblich 50sten Geburtstag eine Nacht unter Dach leisten zu können.

Heute, rund 365 Tage später, friere ich in Berlin, bei rund -11 Grad Celsius – und realisiere zu dieser Sekunde, dass Uwe drinnen schläft, im siebten Stock. Mit Blick über Hamburg. Täglich dreht er seine Runden, so erzählt er mir gestern am Telefon, aber jeden Tag werden es ein paar mehr Minuten, die Uwe in seiner eigenen Wohnung verbringt. „Ich gewöhne mich Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen mehr.“

Seine Hartz-IV Zahlungen hat Uwe inzwischen aus eigener Initiative auf zwei Zahlungen im Monat umgestellt. Aus Selbstschutz. Damit das Geld nicht gleich am Monatsanfang alles auf einen Schlag verbraucht ist. Ich erinnere mich an die vielen Gespräche, das „Uwe auf den Pott“-Setzen müssen im Herbst letzten Jahres. Uwe hatte seinerzeit angeblich kein Geld vom Amt bekommen und mich wieder und wieder um finanzielle Unterstützung gebeten. Später musste er zugeben, dass das Verwalten von eigenem Geld ihm einfach sehr schwer fällt, alles von der Hand in den Mund passiert… und das bei dem Leben auf der Straße eben normal sei, im täglichen Kampf.

Das Geld war angekommen, aber binnen weniger Tage ausgegeben.

Vieles hat sich geändert in Uwe’s Leben. Vieles auch in meinem. Ich möchte fast behaupten, Uwe hat meines mindestens ebenso geändert, wie unsere Bekanntschaft das seine. Ein Urteil möchte ich nicht wagen. Manchmal ist es mir gar selbst unheimlich, was alles passiert ist in der Zwischenzeit.

Und auch Uwe erwähnt das immer wieder. „Ich krieg das alles nicht mehr zusammen, wie das alles kommen konnte. So schnell. So plötzlich. Wenn ich mir vorstelle, wie das verlaufen ist. Ich weiß einfach nicht mehr genau, wann was war.“ Vielleicht ist „Wissen“ auch einfach nicht so wichtig in diesem Fall. Am Dienstag fahre ich mal wieder nach Hamburg. Uwe ist gut drauf derzeit. Morgen muss er zwar Sozialstunden antreten, aber immerhin: Er kümmert sich darum.

Die Zeit nach der Auslösung aus dem Gefängnis hat er gut rumgekriegt. Anna, eine neue Helferin, die sich auch beim Verein MillionWays e.V. engagiert, sieht Uwe regelmäßig. Florian, Katharina, Claudia, Rainer und Martin sind außerdem dabei und helfen Uwe, wo sie können und ihr Lebensalltag es zulässt. Ich fühle mich weit weg, manchmal, hier in Berlin. Überall werde ich nachwievor auf Uwe angesprochen. Zuletzt bei einer Veranstaltung namens „Fundraising 2.0 Camp“… und auch bei einem Workshop für die Caritas.

Verrückt ist das. Eigenartig, immernoch, jeden Tag. Wie aus einem simplen Gespräch mit einem Menschen auf der anderen „Seite“ des Lebensgleises der womöglich prominenteste Obdachlose – zumindest mal in Hamburg und im deutschsprachigen Internet – werden konnte. Grotesk fast, dass eine Aktion im Internet genügt, um so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nicht selten bin ich überfordert, weiß nicht so recht, wie ich diese Erfahrung einordnen soll.

Uwe ist so sehr zum Freund geworden, dass ich den anfänglichen „Projektcharakter“ der Aktion Uwe längt vergessen habe, ja, mehr noch, ihn selbst nicht mehr so recht als solchen sehen kann. Klar. Da gibt es noch immer das Nacht-Café, den Traum, das gewonnene Geld, die „Aktion-Uwe“ eben. Und dennoch: Wenn ich Uwe so höre, am Telefon, ihn sehe in Hamburg… dann tritt all das in den Hintergrund.

Dann muss ich mich fast selbst daran erinnern, dass es jetzt ja weitergehen muss, denn schließlich haben wir mit dem „eigentlichen“ Projekt noch gar nicht so recht anfangen können. Und dann muss ich schmunzeln, wenn Uwe mich aus der Spitalerstraße anruft und mir erzählt: „Du Ole, mir frieren die Hände am Handy. Ich glaube, ich gehe jetzt mal nach Hause und leg mich in die warme Badewanne.“

Dienstag, Uwe, sehen wir uns. Ich freu mich drauf.

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