Bilanzsumme: Glück

Uwe - voll mit Bart und voll gut drauf

Eigentlich sollte man das Bloggen am besten immer gleich erledigen: So lange der Eindruck noch frisch ist und die Emotionen nur so aus dem Herzen direkt auf die Tasten fließen. Leider ist mir ein bißchen was dazwischen gekommen, zwischen der Rückkehr aus Hamburg und dem heutigen Sonntag. Nämlich: Drei intensive Tage mit dem Nest und das Wiedersehen eines alten, aber nicht veralteten Freundes aus Schulzeiten. Nicht selten führen solche Begegnungen zur unmittelbaren Neuordnung der eigenen Gedanken, zum Reflektieren und Vergleichen des aktuellen Lebensgeschehens mit dem auf die Zukunft projizierten Selbstbild von vor einigen Jahren.

Gemischt mit der gemeinsamen Rückschau mit Uwe in Hamburg kommt so einiges zusammen. Wo stehen wir? Wo stehe ich? Wie geht es weiter? Die allgemeine Sinnfrage ist bekannt und bedarf keiner weiteren Erörterung. Dennoch fühle ich mich nicht zuletzt auch durch den letzten Blogpost meines Mitstreiters Daniel berufen, an dieser Stelle Bilanz zu ziehen.

Einiges ist gerade im letzten Jahr passiert. Uwe steht für mich persönlich sicher neben der Gründung von Nest im Mittelpunkt, wenn nicht gar als Wurzel allen Übels Glücks. Nach der geläufigen studentischen Orientierungslosigkeit und dem oft durch Übereifrigkeit zerstrebten Schaffensalltag hat Uwe mit seiner Haltung mir nicht nur einmal gezeigt, worum es eigentlich geht.

Uwe, der ganz offenkundig Hilfe von mir und vielen anderen empfängt und empfangen hat, mag in einer für uns fremden Welt leben, die wir nicht begreifen können. Mein Besuch am Mittwoch macht mir klar: Das tut Uwe immernoch. Seine Wohnung ist nicht perfekt eingerichtet, nichtmal eine Lampe an der Decke will Uwe derzeit annehmen. Viel wichtiger ist es, dass er es selbst schafft, die nächsten Möbel für sich zu besorgen, aus eigener Kraft. Er trennt sich, langsam, aber sicher, von alten Bekannten aus der Szene, die ihn zu sehr an das erinnern, was ihn vom Weg abgebracht hat.

Vom Weg? Moment Mal. Welcher Weg? Genau das ist es, was Uwe noch heute jeden Tag rauszufinden versucht. Und was ich als Außenstehender nur ganz zaghaft, wenn überhaupt, nachvollziehen kann. In irdischen Belangen hat Uwe sicher große Fortschritte gemacht, als da wären: Die Wohnung, das Handy, die Dusche, die Kostenübernahme, die eigene Matratze, der Tisch, die Handschuhe, das Konto.

Am 15. Februar tritt Uwe seine Sozialstunden an. Seine erste Arbeit seit.. ach, ich weiß gar nicht, wie vielen Jahren überhaupt. Um 9 Uhr morgens muss Uwe anfangen, auf einem Sportplatz in Laufweite seiner Wohnung, dann, wenn der Frost hoffentlich weg ist. Nett war er wohl, der Platzwart. „Der hat sowas schon öfter gemacht, mit Leuten wie mir.“, sagt Uwe. Wenn alles klappt, muss Uwe zunächst nur drei Stunden am Tag arbeiten, denn körperlich schafft er aus dem Stand noch nicht die volle Belastung.

Das Nachtcafé bleibt bisweilen ein Traum, den Uwe noch nicht leben kann. Erstmal an die Arbeit gewöhnen will er sich, dann weitersehen. Ganz in Ruhe. Alles zu seiner Zeit, ja, genau, seiner. Parallel haben sich Anna, Florian, Katharina, Rainer, Claudia und Martin zusammengesetzt und schmieden Pläne, wie es weitergehen kann. Ich bleibe dabei, aus der Ferne… Anna sieht Uwe nun regelmäßig und erzählt mir, wie sie Buch führt über alles, was Uwe sich vorgenommen hat und die einzelnen, kleinen Schritte zum Ziel. Ich freue mich über diese vielen, greifbaren Gipfelerstürmungen, auch, wenn die Gipfel manches Mal nur kleine Huckel sind.

Den Moment einfangen


Umso mehr bleibt für mich nach einem Jahr mit Uwe in Hamburg der Eindruck, dass das wirklich Wichtige auf einer anderen Ebene passiert, die vielleicht nicht ganz so irdisch sichtbar ist. Etwa jene, die dazu geführt hat, dass Uwe ausgerechnet mich angesprochen und wir ausgerechnet diese Aktion gestartet haben.

Ohne all das hätte ich vermutlich eine andere Abzweigung genommen. Eine ohne Nest, ohne Klima und ohne Berlin. Vielleicht hätte ich Uwe und Euch an einem anderen Tag, bei einer anderen Gelegenheit getroffen, vielleicht. Und Uwe?

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

Eine Antwort zu “Bilanzsumme: Glück

  1. Pascal

    Schade, dass das hier nicht weitergeht😦

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