Monatsarchiv: Mai 2010

Über das Scheitern

Eigentlich gibt es regelmäßig Anlass genug, per Blogpost Gedanken und Eindrücke zu teilen. Gestern Abend aber ist dann etwas passiert, dass mich heute tatsächlich veranlasst, mir die notwendige Zeit zum Schreiben auch zu nehmen.

Uwe vergangenen Sommer im "Planten und Bloomen"

Im Rahmen der ersten “Fail Conference” durfte in den Räumen der Palomars ausgiebig übers Scheitern gesprochen werden. Gleich, ob im Privaten, in der Karriere, in der Liebe. Kurzfristig bin ich gestern selbst als Erzähler für einen “Talk” eingesprungen.

Da saß ich nun auf dem Sessel vor 30 Frau und Mann Publikum, um meine persönliche Geschichte des Scheiterns zu teilen. Ihr ahnt es: Es ging einmal mehr um Uwe.

Zurecht haben einige an dieser Stelle kritisiert, dass viel zu lange nichts mehr auf meinem Blog passiert ist, die “Aktion Uwe” scheinbar eingeschlafen sei. Dem ist nicht so. Vielmehr hat unser gemeinsamer Weg aktuell ein “Plateau” erreicht, eine Mischung aus Rückschau, Innehalten, und trotzdem langsamem Fortschreiten. Der erste Medienhype um Uwe hat sich – wie auch immer man das werten möchte – merklich gelegt. Uwe lebt seit bald neun Monaten in seiner eigenen Wohnung. Und: Er geht nachwievor seinen Sozialstunden nach, auf einem Sportplatz, ganz in der Nähe seiner Wohnung.

Aufs und Ab’s gibt es nachwievor. Noch immer lässt sich schwer ausmachen, wo die Reise genau hingeht, denn einen Plan hat uns leider keiner mitgegeben, als wir diese angetreten sind. Je mehr Alltag sich in Uwes Leben einschleicht, desto mehr kommen auch Zweifel. Je länger ich in Berlin und damit weit weg vom eigentlichen Geschehen wohne, desto stärker verändert sich unser Verhältnis. Das, was da einst einer intensiven Betreuung gleichkam, wird nun mehr und mehr zur Freundschaft, die die physische Distanz mit Vertrauen und Geduld zu überbrücken weiß. Und trotzdem entstehen deutliche Lücken.

So telefoniere ich gerade noch mit Uwe, der mir vergewissert, dass es ihm gut geht und ich mir keine Sorgen machen solle. Nur, um zwei Tage später per SMS von einer Bekannten aus Hamburg zu erfahren, sie habe Uwe in der Fußgängerzone gesehen: Verlottert, traurig, neben der Spur.

Da sitze ich nun gestern Abend in diesen schön gestalteten Loft-Räumen der Berliner Innovations-Speerspitze und berichte also übers Scheitern. Über das Scheitern des vermeintlichen sozialen Netzes, das für einen Menschen wie Uwe mehr als einmal zu grobmaschig gestrickt war. Über mein persönliches Scheitern bei dem Versuch, Uwe nachhaltig zu helfen, mit meinen Mitteln und meinem vermutlich verzerrten Verständnis von “richtig” und “falsch”. Über das Scheitern des Mediums Internet und den falschen Anspruch, durch vermeintlich kollektive Intelligenz Probleme wie Obdachlosigkeit gemeinsam “beheben” zu können. Und über all das, was wir daraus lernen können.

Wenige Minuten später vibriert mein Handy. Eine SMS von Uwe erscheint auf dem Display. Fast täglich schreibt mir Uwe, seit Anna vom Unterstützerteam mit Uwe von unseren verbleibenden Spendengeldern eine Sozialkarte für den HVV und Guthaben für sein Handy gekauft hat. Meist ist laut SMS bei Uwe “alles im Grünen bereich”.

Doch während der nächste Referent Adam davon erzählt, dass man weder falsch noch richtig sein kann, sondern nur das “sein” als solches entscheidend ist, berichtet mir Uwe gestern, dass er derzeit wieder in einem Tief steckt, sich im Grübeln verliert, nicht weiß, wie es weitergehen wird, wie die Zukunft aussieht.

Trotzdem, so ist Uwe sicher, wird es bald wieder bergauf gehen. Wo auch immer das sein mag.

Dass Uwe überhaupt begonnen hat, diesen Berg zu besteigen, bleibt für mich bei allen Rückschlägen erstaunlich.

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