Über das Scheitern

Eigentlich gibt es regelmäßig Anlass genug, per Blogpost Gedanken und Eindrücke zu teilen. Gestern Abend aber ist dann etwas passiert, dass mich heute tatsächlich veranlasst, mir die notwendige Zeit zum Schreiben auch zu nehmen.

Uwe vergangenen Sommer im "Planten und Bloomen"

Im Rahmen der ersten „Fail Conference“ durfte in den Räumen der Palomars ausgiebig übers Scheitern gesprochen werden. Gleich, ob im Privaten, in der Karriere, in der Liebe. Kurzfristig bin ich gestern selbst als Erzähler für einen „Talk“ eingesprungen.

Da saß ich nun auf dem Sessel vor 30 Frau und Mann Publikum, um meine persönliche Geschichte des Scheiterns zu teilen. Ihr ahnt es: Es ging einmal mehr um Uwe.

Zurecht haben einige an dieser Stelle kritisiert, dass viel zu lange nichts mehr auf meinem Blog passiert ist, die „Aktion Uwe“ scheinbar eingeschlafen sei. Dem ist nicht so. Vielmehr hat unser gemeinsamer Weg aktuell ein „Plateau“ erreicht, eine Mischung aus Rückschau, Innehalten, und trotzdem langsamem Fortschreiten. Der erste Medienhype um Uwe hat sich – wie auch immer man das werten möchte – merklich gelegt. Uwe lebt seit bald neun Monaten in seiner eigenen Wohnung. Und: Er geht nachwievor seinen Sozialstunden nach, auf einem Sportplatz, ganz in der Nähe seiner Wohnung.

Aufs und Ab’s gibt es nachwievor. Noch immer lässt sich schwer ausmachen, wo die Reise genau hingeht, denn einen Plan hat uns leider keiner mitgegeben, als wir diese angetreten sind. Je mehr Alltag sich in Uwes Leben einschleicht, desto mehr kommen auch Zweifel. Je länger ich in Berlin und damit weit weg vom eigentlichen Geschehen wohne, desto stärker verändert sich unser Verhältnis. Das, was da einst einer intensiven Betreuung gleichkam, wird nun mehr und mehr zur Freundschaft, die die physische Distanz mit Vertrauen und Geduld zu überbrücken weiß. Und trotzdem entstehen deutliche Lücken.

So telefoniere ich gerade noch mit Uwe, der mir vergewissert, dass es ihm gut geht und ich mir keine Sorgen machen solle. Nur, um zwei Tage später per SMS von einer Bekannten aus Hamburg zu erfahren, sie habe Uwe in der Fußgängerzone gesehen: Verlottert, traurig, neben der Spur.

Da sitze ich nun gestern Abend in diesen schön gestalteten Loft-Räumen der Berliner Innovations-Speerspitze und berichte also übers Scheitern. Über das Scheitern des vermeintlichen sozialen Netzes, das für einen Menschen wie Uwe mehr als einmal zu grobmaschig gestrickt war. Über mein persönliches Scheitern bei dem Versuch, Uwe nachhaltig zu helfen, mit meinen Mitteln und meinem vermutlich verzerrten Verständnis von „richtig“ und „falsch“. Über das Scheitern des Mediums Internet und den falschen Anspruch, durch vermeintlich kollektive Intelligenz Probleme wie Obdachlosigkeit gemeinsam „beheben“ zu können. Und über all das, was wir daraus lernen können.

Wenige Minuten später vibriert mein Handy. Eine SMS von Uwe erscheint auf dem Display. Fast täglich schreibt mir Uwe, seit Anna vom Unterstützerteam mit Uwe von unseren verbleibenden Spendengeldern eine Sozialkarte für den HVV und Guthaben für sein Handy gekauft hat. Meist ist laut SMS bei Uwe „alles im Grünen bereich“.

Doch während der nächste Referent Adam davon erzählt, dass man weder falsch noch richtig sein kann, sondern nur das „sein“ als solches entscheidend ist, berichtet mir Uwe gestern, dass er derzeit wieder in einem Tief steckt, sich im Grübeln verliert, nicht weiß, wie es weitergehen wird, wie die Zukunft aussieht.

Trotzdem, so ist Uwe sicher, wird es bald wieder bergauf gehen. Wo auch immer das sein mag.

Dass Uwe überhaupt begonnen hat, diesen Berg zu besteigen, bleibt für mich bei allen Rückschlägen erstaunlich.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

6 Antworten zu “Über das Scheitern

  1. Hannes Jähnert

    Schön mal wieder was von Uwe und der ihm gewidmeten Aktion zu hören… @Uwe halt die Ohren steif — das ist bestimmt nur das Wetter.

  2. Ulrike Behrens

    Ich bin auch sehr erfreut zu hören, das Uwe noch am Ball ist, seine Sozialstunden abarbeitet und seine Wohnung noch hat. Ole und Uwe, ihr könnt stolz sein auf das, was ihr bisher erreicht habt. Auch wenn schon eine lange Zeit vergangen ist und es nicht so recht voran geht oder keine neuen positiven Ereignisse statt finden. Aber es braucht halt Zeit und viel Verständnis und Geduld, um „einen Menschen wie Uwe“ überhaupt in eine gute Richtung zu führen und ihn auf Dauer zu motivieren. Es ist ja auch normal, das Uwe nicht ständig gut drauf ist. Wir haben doch alle mal einen schlechten Tag. Wichtig fände ich nur, das Uwe immer einen Ansprechpartner hat, der ihm zuhört und ihn auch mal in den Arm nimmt. Aber das ist hier jawohl der Fall.
    Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus Uwe. Laß den Kopf nicht hängen und mach erstmal so weiter. Immer langsam Schritt für Schritt, dann bist du auf der sicheren Seite.
    Liebe Grüße Ulli

  3. Katha

    Moin Ole,

    ich muss sagen, dass mich der Titel dieses Eintrages etwas erschreckt hat. Vor 5 Minuten habe ich noch mit uwe telefoniert und er klang ganz ok.
    ich bin leider selbst krank, weshalb wir uns nciht treffen können, aber wir haben uns beide fest vorgenommen, dass wir das nachholen sobald wir beide keine Schniefnase mehr haben. Seit Uwe mich vor einiger Zeit mal wieder angerufen hatte, haben wir eigentlich mindestens einmal die Woche Kontakt zueinander und reden über alles mögliche. Es kann natürlich sein, dass er mir einen vom Pferd erzählt und eigentlich alles ganz anders ist, aber eigentlich glaube ich Uwe und es klingt für mich alles sehr positiv und nicht nach einem Scheitern… Natürlich ist es sehr schwer ein soziales netz aufzubauen, und einen Alltag zu leben, wenn man so lange einen anderen gehabt hat, aber trotzdem finde ich es schade, dass du das als „gescheitert“ ansiehst.
    Jetzt gleich wird Uwe im Planten un Blomen sich die Baby Schildkröten ansehen und die beiden neuen Blumenarten die irgendwie letzte Woche angekommen sein sollen – etwas was ich nicht mitbekommen habe, aber ein Uwe der die Umwelt liebt und sich für sowas interessiert. Ich denke er macht gerade seinen ganz eigenen Weg mit seinen eigenen Ideen.
    Naja das wollte ich mal los werden.
    Liebe Grüße
    Katha

  4. Liebe Katha,
    ich glaube, da hast du mich etwas missverstanden oder ich habe mich nicht ganz klar ausgedrückt. Ich behaupte nicht, dass das „Projekt Uwe“ oder der Mensche Uwe gescheitert ist als solches. Worum es ging – und das ist als Hintergrund wichtig zu wissen – war die erste „Fail Conference“ hier in Berlin, eine Veranstaltung, bei der es darum ging, Erlebtes und Geschaffenes bewusst aus der Perspektive des „Scheiterns“ zu betrachten. Dort habe ich von Uwe erzählt, einerseits aus Sicht des Sozialsystems (das offenbar scheitert, wenn es darum geht, jemanden wie Uwe „aufzufangen“), andererseits über uns selbst und, dass wir zumindest insoweit gescheitert sind (bzw. ich), dass man eben nicht einfach mit seinem Anspruch daherkommen und ein Leben umbauen kann.
    Im Großen und Ganzen bin ich absolut der Meinung, dass sich das alles gelohnt hat und Uwe riesige Fortschritte gemacht hat für sich und sein Leben – und das ist ganz und gar kein Scheitern als solches. Mir ging es nur darum, nicht immer nur das „Positive“ herauszukehren und über die tollen Erfolge zu berichten, sondern bewusst einmal die andere Brille aufzusetzen.
    Also, keine Sorge, Uwe erzählt dir nichts vom Pferd, die letzten Wochen gibt es viele schöne kleine Schritte! Da hast du ganz recht…

  5. Katha

    ok, dann hab ich dein Geschriebenes einfach nur in den falschen hals bekommen.

    Also ganz Liebe Grüße aus Hamburg. Uwe und ich werden an dich denken, wenn wir denn beide wieder gesund sind, und uns mit einem schönen Eis auf eine Parkbank bei Blanten un Blomen in die Sonne setzen werden und das Leben mal leben sein lassen🙂

  6. Lieber Ole,
    mit großer Aufmerksamkeit habe ich Dein Engagement verfolgt und nun Deinen Artikel übers Scheitern gelesen. Sehr grundsätzlich fragen zurzeit einige Menschen in der Kirche, aus ähnlichen Erfahrungen wie Du sie gemacht hast, ob ihr Ansatz der Hilfe nach dem Motto „Hilfe für Arme“ richtig sei. Geht es statt um eine Wiedereingliederung nicht auch und fast vielmehr darum, die Kompetenzen eines Menschen jetzt schon, so wie er ist, meinetwegen als Alkoholiker, einzubinden? Für Kirche hieße dass- warum sollte ein Alkoholiker nicht ein begnadeter Chorleiter sein? Kann die Supperküche nicht auch von einer Alleinerziehenden gemanagt werden? Oder könnte die Spielstunde nicht auch in die Hände einer „vernachlässigten“ Jugendlichen gelegt werden? Dieser Ansatz heißt „Hilfe mit Armen“ und gefällt mir erst einmal ganz gut. Scheitern ist da durchaus auch drin. Was meinst Du?

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