Archiv der Kategorie: Obdachlosigkeit

Über das Scheitern

Eigentlich gibt es regelmäßig Anlass genug, per Blogpost Gedanken und Eindrücke zu teilen. Gestern Abend aber ist dann etwas passiert, dass mich heute tatsächlich veranlasst, mir die notwendige Zeit zum Schreiben auch zu nehmen.

Uwe vergangenen Sommer im "Planten und Bloomen"

Im Rahmen der ersten „Fail Conference“ durfte in den Räumen der Palomars ausgiebig übers Scheitern gesprochen werden. Gleich, ob im Privaten, in der Karriere, in der Liebe. Kurzfristig bin ich gestern selbst als Erzähler für einen „Talk“ eingesprungen.

Da saß ich nun auf dem Sessel vor 30 Frau und Mann Publikum, um meine persönliche Geschichte des Scheiterns zu teilen. Ihr ahnt es: Es ging einmal mehr um Uwe.

Zurecht haben einige an dieser Stelle kritisiert, dass viel zu lange nichts mehr auf meinem Blog passiert ist, die „Aktion Uwe“ scheinbar eingeschlafen sei. Dem ist nicht so. Vielmehr hat unser gemeinsamer Weg aktuell ein „Plateau“ erreicht, eine Mischung aus Rückschau, Innehalten, und trotzdem langsamem Fortschreiten. Der erste Medienhype um Uwe hat sich – wie auch immer man das werten möchte – merklich gelegt. Uwe lebt seit bald neun Monaten in seiner eigenen Wohnung. Und: Er geht nachwievor seinen Sozialstunden nach, auf einem Sportplatz, ganz in der Nähe seiner Wohnung.

Aufs und Ab’s gibt es nachwievor. Noch immer lässt sich schwer ausmachen, wo die Reise genau hingeht, denn einen Plan hat uns leider keiner mitgegeben, als wir diese angetreten sind. Je mehr Alltag sich in Uwes Leben einschleicht, desto mehr kommen auch Zweifel. Je länger ich in Berlin und damit weit weg vom eigentlichen Geschehen wohne, desto stärker verändert sich unser Verhältnis. Das, was da einst einer intensiven Betreuung gleichkam, wird nun mehr und mehr zur Freundschaft, die die physische Distanz mit Vertrauen und Geduld zu überbrücken weiß. Und trotzdem entstehen deutliche Lücken.

So telefoniere ich gerade noch mit Uwe, der mir vergewissert, dass es ihm gut geht und ich mir keine Sorgen machen solle. Nur, um zwei Tage später per SMS von einer Bekannten aus Hamburg zu erfahren, sie habe Uwe in der Fußgängerzone gesehen: Verlottert, traurig, neben der Spur.

Da sitze ich nun gestern Abend in diesen schön gestalteten Loft-Räumen der Berliner Innovations-Speerspitze und berichte also übers Scheitern. Über das Scheitern des vermeintlichen sozialen Netzes, das für einen Menschen wie Uwe mehr als einmal zu grobmaschig gestrickt war. Über mein persönliches Scheitern bei dem Versuch, Uwe nachhaltig zu helfen, mit meinen Mitteln und meinem vermutlich verzerrten Verständnis von „richtig“ und „falsch“. Über das Scheitern des Mediums Internet und den falschen Anspruch, durch vermeintlich kollektive Intelligenz Probleme wie Obdachlosigkeit gemeinsam „beheben“ zu können. Und über all das, was wir daraus lernen können.

Wenige Minuten später vibriert mein Handy. Eine SMS von Uwe erscheint auf dem Display. Fast täglich schreibt mir Uwe, seit Anna vom Unterstützerteam mit Uwe von unseren verbleibenden Spendengeldern eine Sozialkarte für den HVV und Guthaben für sein Handy gekauft hat. Meist ist laut SMS bei Uwe „alles im Grünen bereich“.

Doch während der nächste Referent Adam davon erzählt, dass man weder falsch noch richtig sein kann, sondern nur das „sein“ als solches entscheidend ist, berichtet mir Uwe gestern, dass er derzeit wieder in einem Tief steckt, sich im Grübeln verliert, nicht weiß, wie es weitergehen wird, wie die Zukunft aussieht.

Trotzdem, so ist Uwe sicher, wird es bald wieder bergauf gehen. Wo auch immer das sein mag.

Dass Uwe überhaupt begonnen hat, diesen Berg zu besteigen, bleibt für mich bei allen Rückschlägen erstaunlich.

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Bilanzsumme: Glück

Uwe - voll mit Bart und voll gut drauf

Eigentlich sollte man das Bloggen am besten immer gleich erledigen: So lange der Eindruck noch frisch ist und die Emotionen nur so aus dem Herzen direkt auf die Tasten fließen. Leider ist mir ein bißchen was dazwischen gekommen, zwischen der Rückkehr aus Hamburg und dem heutigen Sonntag. Nämlich: Drei intensive Tage mit dem Nest und das Wiedersehen eines alten, aber nicht veralteten Freundes aus Schulzeiten. Nicht selten führen solche Begegnungen zur unmittelbaren Neuordnung der eigenen Gedanken, zum Reflektieren und Vergleichen des aktuellen Lebensgeschehens mit dem auf die Zukunft projizierten Selbstbild von vor einigen Jahren.

Gemischt mit der gemeinsamen Rückschau mit Uwe in Hamburg kommt so einiges zusammen. Wo stehen wir? Wo stehe ich? Wie geht es weiter? Die allgemeine Sinnfrage ist bekannt und bedarf keiner weiteren Erörterung. Dennoch fühle ich mich nicht zuletzt auch durch den letzten Blogpost meines Mitstreiters Daniel berufen, an dieser Stelle Bilanz zu ziehen.

Einiges ist gerade im letzten Jahr passiert. Uwe steht für mich persönlich sicher neben der Gründung von Nest im Mittelpunkt, wenn nicht gar als Wurzel allen Übels Glücks. Nach der geläufigen studentischen Orientierungslosigkeit und dem oft durch Übereifrigkeit zerstrebten Schaffensalltag hat Uwe mit seiner Haltung mir nicht nur einmal gezeigt, worum es eigentlich geht.

Uwe, der ganz offenkundig Hilfe von mir und vielen anderen empfängt und empfangen hat, mag in einer für uns fremden Welt leben, die wir nicht begreifen können. Mein Besuch am Mittwoch macht mir klar: Das tut Uwe immernoch. Seine Wohnung ist nicht perfekt eingerichtet, nichtmal eine Lampe an der Decke will Uwe derzeit annehmen. Viel wichtiger ist es, dass er es selbst schafft, die nächsten Möbel für sich zu besorgen, aus eigener Kraft. Er trennt sich, langsam, aber sicher, von alten Bekannten aus der Szene, die ihn zu sehr an das erinnern, was ihn vom Weg abgebracht hat.

Vom Weg? Moment Mal. Welcher Weg? Genau das ist es, was Uwe noch heute jeden Tag rauszufinden versucht. Und was ich als Außenstehender nur ganz zaghaft, wenn überhaupt, nachvollziehen kann. In irdischen Belangen hat Uwe sicher große Fortschritte gemacht, als da wären: Die Wohnung, das Handy, die Dusche, die Kostenübernahme, die eigene Matratze, der Tisch, die Handschuhe, das Konto.

Am 15. Februar tritt Uwe seine Sozialstunden an. Seine erste Arbeit seit.. ach, ich weiß gar nicht, wie vielen Jahren überhaupt. Um 9 Uhr morgens muss Uwe anfangen, auf einem Sportplatz in Laufweite seiner Wohnung, dann, wenn der Frost hoffentlich weg ist. Nett war er wohl, der Platzwart. „Der hat sowas schon öfter gemacht, mit Leuten wie mir.“, sagt Uwe. Wenn alles klappt, muss Uwe zunächst nur drei Stunden am Tag arbeiten, denn körperlich schafft er aus dem Stand noch nicht die volle Belastung.

Das Nachtcafé bleibt bisweilen ein Traum, den Uwe noch nicht leben kann. Erstmal an die Arbeit gewöhnen will er sich, dann weitersehen. Ganz in Ruhe. Alles zu seiner Zeit, ja, genau, seiner. Parallel haben sich Anna, Florian, Katharina, Rainer, Claudia und Martin zusammengesetzt und schmieden Pläne, wie es weitergehen kann. Ich bleibe dabei, aus der Ferne… Anna sieht Uwe nun regelmäßig und erzählt mir, wie sie Buch führt über alles, was Uwe sich vorgenommen hat und die einzelnen, kleinen Schritte zum Ziel. Ich freue mich über diese vielen, greifbaren Gipfelerstürmungen, auch, wenn die Gipfel manches Mal nur kleine Huckel sind.

Den Moment einfangen


Umso mehr bleibt für mich nach einem Jahr mit Uwe in Hamburg der Eindruck, dass das wirklich Wichtige auf einer anderen Ebene passiert, die vielleicht nicht ganz so irdisch sichtbar ist. Etwa jene, die dazu geführt hat, dass Uwe ausgerechnet mich angesprochen und wir ausgerechnet diese Aktion gestartet haben.

Ohne all das hätte ich vermutlich eine andere Abzweigung genommen. Eine ohne Nest, ohne Klima und ohne Berlin. Vielleicht hätte ich Uwe und Euch an einem anderen Tag, bei einer anderen Gelegenheit getroffen, vielleicht. Und Uwe?

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Kurzes Wochenende, lange Wege

Aufbruch in eine neue Runde?

Lichtstreif am Horizont am Sonntag Morgen...

Ich bin wach. Es ist halb fünf und ich kann nicht mehr schlafen. Mir schießen die Gedanken der letzten Tage durch den Kopf. Zeit zum Bloggen.

Uwe ist frei. Äußerlich zumindest befindet sich Uwe wieder auf freiem Fuß. Am Sonntag sind Katharina und ich – wie in den Kommentaren des letzten Blogposts bereits angekündigt – bei der Haftanstalt am Holstenglacis angetreten und haben Uwe nach einer guten Stunde Wartezeit „ausgelöst“. Die Quittung liegt noch neben mir… „Auslösung des Herrn Uwe-Hans Schneider… 568 Euro“. Minutiös hat mir der Herr von der Untersuchungshaft die Tage vorgerechnet, die Uwe bereits „verbüßt“ hat. Zieht man diese von seiner ursprünglichen Geldstrafe ab (mit einem „Wert“ von 8 Euro pro Tag), verbleibt der geforderte Betrag.

Ich zeige meinen Ausweis, hole 570 Euro aus der Jackentasche – und komme mir ein bißchen vor wie aus einem alten Tatort entlaufen. Katharina muss derweil draußen warten, trotz Regen, mit meinen Taschen und vor allem meinem Handy. Twittern aus dem Knast: Unmöglich. Sie scheint eine mögliche Gefahr für das am Sonntag unerbesetzte Gefängnis zu sein. Die Stahltür hinter ihr ist dick, der kleine Zwischenraum vor dem ersten Beamten hätte meines Erachtens genügt, aber gut. Langsam und bedächtig holt der zweite meinen zwei Euro Wechselgeld aus einem alten Safe in der Wand, von der die babyblaue Farbe bereits langsam abblättert. Auch in dem Fenster dieses Raumes sind dicke Gitter. Ich stelle mir vor, wie sich die Zellen von innen angefühlt haben.

Eine gute halbe Stunde nach der Klärung der Formalia kommt Uwe auch schon aus derselben dicken Stahltür, hinter der Katharina gewartet hat. Er sieht gut aus, aber auch geschafft. Ein letztes Mal sei er noch zur Pola-Ausgabe gelassen worden, berichtet er. Dann nimmt er Katharina und mich in den Arm. Fester als sonst. „Ich danke Euch. Danke, dass Ihr das gemacht habt.“

Etwas überholt, aber bezeichnend.

Ich schweige eine oder zwei Minuten. Eine gefühlte Ewigkeit. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich Uwe in die Augen gucken soll. Froh, dass er draußen ist. Dankbar, dass es ihm einigermaßen gut geht. Sauer, dass er es verbockt hat und seine Sozialstunden nicht angetreten ist. Verwirrt und gleichmütig, weil es eben immer auf und ab geht und dies nur ein weiterer Beleg für die Unberechenbarkeit dieser Begegnung ist?

Dann kann ich nicht anders und freue mich. Uwe’s alter schwarzer Humor ist wieder da. Er erzählt von einem Tumult im Knast, einem Aufstand von mehreren Insassen und, wie diese am Freitag und Samstag vor seiner Entlassung noch zwei Wärter in eine Zelle gesperrt hätten. Wie im Fernsehen. 38 Polizisten mussten anrücken, um die Meuterei wieder in Griff zu kriegen. Uwe kauert in seiner offenen Zelle hinter einem Buch, um bloß nicht hinein gezogen zu werden. Meine Anspannung weicht für einen Moment der Erleichterung darüber, dass Uwe jetzt nicht mehr solchen Ereignissen ausgesetzt ist. Die Wut kommt später.

Dann: Kaffeetrinken bei einem kleinen Kaffee in der Schanze. Aussprache. Katharina und ich fragen Uwe abwechselnd, wie es weitergehen soll. Was seine Gedanken dazu sind. Wie er sich einen weiteren Weg mit uns vorstellen kann, wie wir einander wieder besser vertrauen können. Zwischendrin nimmt er sich etwas Zeit und checkt die Mailbox seines Handys. „8 neue Nachrichten!“. Ich frage mich manchmal, welche Kontakte Uwe alle so hat und pflegt. Ich muss und will nichts alles wissen. Ich will Uwe nicht mehr kontrollieren müssen, als es unbedingt notwendig ist, um ihm helfen zu können. Aber an diesem Tag bin ich tendenziell über alles eher besorgt, als ungefiltert erfreut.

Uwe braucht Zeit, ich auch. Er unternimmt einen Spaziergang durch Planten und Blomen, um seinen Bewegungsdrang zu stillen, der sich in der einen Woche hinter Gittern aufgestaut hat. Ich treffe derweil einen guten Freund in Hamburg. Danach bringe ich schnell mein Gepäck zu meinen Freunden, bei denen ich schlafen kann und treffe Uwe erneut. Dieses Mal gemeinsam mit Martin vom Verein „millionways e.V.“. Millionways hat sich vorgenommen, Menschen wie Uwe im Arbeitsmarkt eine Chance zu geben, in dem einfache Anlerntätigkeiten einfach fairer bezahlt werden. Uwe und Martin mögen sich. Es ist nicht so entscheidend, was an diesem Abend konkret rauskommt. Aber Martin hört Uwe zu, wie er von seinen Träumen erzählt, von dem, was in der Vergangenheit schon alles passiert ist und dem, was da noch vor ihm liegt.

Heute fällt mir auf, dass ich seine Vorstellungen teilweise relativieren muss, stärker als sonst. „Uwe, du hast bis hierhin viel geschafft. Du bist aber auch oft ausgewichen, wenn es um konkrete Verpflichtungen ging und darum, jetzt selbst zu zeigen, dass du den Willen hast, etwas beizutragen.“ Er träumt schon vom Nachtcafé und seinen Mitstreitern. Normalerweise träume ich gerne mit und will ihm nichts versauern. Aber heute muss ich daran denken, dass ich bislang noch keinen nächsten Schritt hin zu einer Beschäftigung sehen kann, keine reale Chance, dass Uwe die 568 Euro tatsächlich – wie er selbst vorgibt – abarbeiten wird können. Doch kaum spreche ich das aus, komme ich mir selbst mies vor, will mir über den Mund fahren, mir diesen Gedanken eigentlich nicht erlauben.

Es war eine Mischung aus Naivität, Flucht nach Forn und Gutgläubigkeit, die Uwe und uns so weit gebracht hat. Es gab mehr als einen Zeitpunkt, an dem ich auch eine Wohnung unter den gegebenen Umständen für mehr als unmöglich gehalten hatte. Und es gab immer wieder Überraschungen. Vor allem Uwe hat mich immer wieder überrascht. Aber auch seine und meine Mitmenschen, die mit viel Kreativität dabei waren, wenn es darum ging, aus der Not eine Tugend zu machen. Mich erreicht noch eine SMS von Esther, die sich seinerzeit als Messehostess in Hamburg für Uwe eingesetzt und ihm und anderen Obdachlosen verbliebene Speisen von der Gastro-Messe am Abend im Pik-Ass vorbei brachte. Jetzt bietet sie ein Benefiz-Konzert an, um einen Teil des Geldes für Uwe’s Auslöse wieder einzuspielen.

Am Montag drauf kommt Uwe 20 Minuten zu spät. Er trägt einen Verband um die Hand. Wieder alte Geschichten? In der Tat. Wieder Leute aus der alten Szene, die ihn als möglichen Zeugen auf einer Anklageschrift gesehen haben und wollen, dass er schweigt. Uwe gibt sich munter und ungerührt. „Kann mich doch wehren, bin ja alt genug.“ Aber es arbeitet in ihm. Und es liegt noch viel vor ihm. Heute allein: Anruf bei der Arge, Neuausdruck aller Kontoauszüge von Uwe (damit ich mir ein aktuelles Bild machen kann), Gespräch mit Vattenfall, ob Uwe seine Stromrechnung etwas später (nämlich jeweils am 1. nicht am 26ten des Monats) begleichen kann… es sind viele, zunächst klein erscheinende Aufgaben, die Uwe bewältigen muss. Und jeder dieser scheinbaren Banalitäten sind für ihn große Hürden. Daran muss ich mich immer wieder erinnern.

Uwe schon wieder zu Scherzen aufgelegt.

Am Nachmittag trifft mich Uwe noch einmal, kurz vor meiner Abfahrt nach Berllin. Wir wollen noch schnell gemeinsam ein paar Socken und Schuhe kaufen. „Hey, cool, die sind ja runtergesetzt, da spare ich ja 20 Euro!“, freut sich Uwe über Schuhe, die insgesamt nur 20 Euro kosten. Seine sind bereits an allen Ecken und Enden offen und bei dem Wetter wirklich nicht mehr tragbar. Mein Zug fällt aus. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit bis zum nächsten und gönnen uns eine Bratwurst auf dem beginnenden Weihnachtsmarkt.

„Weißt du, dass das unser erstes gemeinsames Essen ist, Ole?“, fragt Uwe. Uwe hat recht. Sonst haben wir immer nur einen schnellen Kaffee getrunken.

Ab jetzt muss sich einiges ändern.

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Hürdenlauf bergauf?

Wenn ich auch in den vergangenen Wochen kaum bzw. nur andernorts gebloggt haben mag, so ist deshalb nicht etwa weniger passiert. Im Gegenteil.

Vielleicht fange ich bei der letzten und wohl schlechtesten Nachricht an: Uwe sitzt seit Samstag mittag in Hamburg im Gefängnis. Zu lange hat er eine alte Geldstrafte vor sich hergeschoben, die ihn noch aus den Jahren seiner Drogenzeit ereilt hat. Zunächst hatte Uwe die Gelegenheit zur Ratenzahlung, dann zum Abarbeiten von Arbeitsstunden – beides wollte oder konnte er nicht wahrnehmen. Beide Male versäumte er trotz mehrmaligen Erinnerns die wesentlichen Termine.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Uwe das nicht absichtlich gemacht hat, ich gehe gar davon aus. Ich unterstelle ihm einfach einmal, dass er die Tatsache erfolgreich verdrängt hat, dass er jetzt, gerade jetzt, da er sich auf dem Weg nach „oben“ befindet, eine alte Strafe abarbeiten oder abzahlen muss, die noch aus seinem „alten“ Leben stammt. Er hat mit mir regelmäßig darüber gesprochen und sich durchaus damit konfrontiert -und dennoch reichte am Ende die Kraft nicht, sich dieser Herausforderung zu stellen. Ich kann und will nicht weiter spekulieren, woran das gelegen haben mag. Ob Uwe einfach zu viel um die Ohren hatte, wie er selbst sagt…. erst der Einzug in die Wohnung, dann die Reise nach Berlin zum Panter-Preis… dann mein Wegzug nach Berlin und die vielen Reisen, der vergleichsweise geringe Kontakt. Ich weiß es nicht. Und es hilft auch alles nichts mehr…

Gerade auch deshalb fällt es mir schwer, hier darüber zu schreiben. Gerade auch wegen der vielen unsicheren Variablen habe ich mich bislang über diese uns bevorstehende Hürde und diesen massiven Rückschlag ausgeschwiegen bzw. nicht gebloggt. Ich wollte erstmal aus der Distanz beobachten, was passiert.. in der Hoffnung, dass es besser wird, dass sich alles doch wieder einrenkt, dass es klappen muss.

Seit jedenfalls der Bescheid an Uwe rausgegangen ist, er möge sich nunmehr seiner Haftstrafe stellen, wenn er nicht die Geldstrafe berappen kann, haben wir gemeinsam täglich beim entsprechenden Rechtspfleger angerufen – doch: Fehlanzeige. Es nahm einfach keiner ab. Ein einziges Mal erreichten wir den Herren, der dann sagte „Ich muss in einer Minute ins Meeting, rufen Sie morgen nochmal an“. Mir ist klar, dass es für eine Straftat die gerechte Strafe geben muss, auch für Uwe. Und dennoch verblieb in mir die letzten Wochen ein Funken Hoffnung, dass es sich irgendwie umgehen ließe, dass Uwe doch noch Sozialstunden nutzen könnte, um einerseits die Gewöhnung an das Arbeiten zu beginnen und andererseits nicht hinter Gittern Gefahr zu laufen, seine Wohnung und sein gerade erst neu begonnenen Lebensalltag zu verlieren.

Dass dieses Problem nicht nur Uwe betrifft, sondern auch viele andere – und es einen massiven Beitrag zum Teufelskreis der Obdachlosigkeit und Abhängigkeit leistet, was Uwe gerade passiert, könnt Ihr hier nachvollziehen, beim Blog „Mitten am Rand“ der Caritas.

Kurzum: Ich bin im Gespräch mit den Behörden, allen relevanten Ansprechpartnern… und natürlich den engen Freunden und Unterstützern, die Uwe die letzten Wochen und Monate aktiv begleitet haben. Und ich bin ratlos. Rastlos und eingermaßen verzweifelt. Ich kann Stand heute weder sagen, ob Uwe die Wohnung behalten kann, noch kann ich ihn ernsthaft „freikaufen“, denn Uwe hat selbst einen wesentlichen Anteil daran getragen, dass es so weit gekommen ist und die gespendeten Gelder sind – darin stimmt Ihr vermutlich überein – für das Projekt Nachtcafé gespendet worden, nicht für das Begleichen einer alten Straftat.

Am Samstag habe ich Uwe zu besuchen versucht. In Hamburg, in U-Haft. Am Telefon noch hieß es, ich könne vorbei kommen. Vor Ort dann wurde mir der Einlass verwehrt, mit fadenscheinigen Begründungen. Heute dann ein Anruf: Unser Optionsraum zieht sich zu. Ich kann Uwe nur entweder freikaufen, früher „auslösen“ oder aber einfach sitzen lassen. Anrufen kann ich ihn nicht. Wegen der Wohnung bekomme ich noch Auskunft…hoffentlich bald.

Die Sendung „Menschen und Schlagzeilen“ im NDR wird derweil nicht ausgestrahlt. Zu krass die Nachricht von Uwe’s Inhaftierung, vermutlich passt Uwe’s Leben nun nicht mehr als „Mutmacher der Woche“.

Gleichzeitig jedoch habe ich heute zwei Mutmacher erhalten, zwei Anrufe aus Hamburg: Einen von einem Verein, der seine Hilfe beim Nachtcafé als Träger, sowie Uwe ggf. einen Job anbietet – und einen von der Körberstiftung, die das Update rund um Uwe verständnisvoll aufnahmen. Das ist in diesen Zeiten wichtigste moralische Unterstützung. Ganz wichtig dabei weiterhin: Katharina und Florian aus Hamburg, die an meiner und Uwe’s Seite geblieben sind.

Nun mag das oben vermeldete alles nicht nach tollen Nachrichten klingen. Es bleibt ein Hürdenlauf und die Höhe eben dieser mag schwanken. Und dennoch bleibt es ein Hürdenlauf bergauf. Einer, der anzutreten sich lohnt. Uwe abzuschreiben, weil ihn seine uns bekannte Vergangenheit einholt, kommt für mich jedenfalls nicht in Frage. Einzig auf Eure Unterstützung hoffe ich nun, da ich versuche, dem Gebot des authentischen und transparenten Bloggens treu zu bleiben und nichts zu beschönigen.

Euer Ole…@SocialBlogger.de

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Das Nötigste zum Leben – Sachspenden gefragt!

Liebe Unterstützer!

Was man so braucht...

Was man so braucht...

Wie die meisten von Euch inzwischen mitbekommen haben werden, ist Uwe ab 26.08.2009 stolzer Bewohner einer eigenen Wohnung, denn am Vormittag des nächsten Mittwochs ist bereits die Schlüsselübergabe zu seinen eigenen vier Wänden. Lange Rede, kurzer Sinn: Damit Uwe dort auch wirklich einziehen kann, müssen wir alle noch einmal mit anpacken. Der Start wird für Uwe, wie er selbst sagt, vor allem der psychischen Umstellung halber, schon eine Herausforderung. Wenn man plötzlich in den eigenen vier Wänden aufwacht…nach 20 Jahren… nun gut, aber ich bin nicht hier, um darüber zu sinieren, sondern, mit einer ganz konkreten Bitte:

Uwe benötigt allerhand Einrichtungsgegenstände, Möbel, Kleinkram, schlicht: Startausrüstung!
Vom Amt bekommt Uwe dafür einen kleinen finanziellen Zuschuss, den er aber nach Möglichkeit schonend behandeln möchte. Und seien wir ehrlich: Jeder von uns, der schon einmal selbst umgezogen ist oder sich in den Keller getraut hat, weiß: Wir alle sammeln meist so unwahrscheinlich viel Hausrat an, dass wir vermutlich gerne etwas abgeben 🙂

Ganz konkret habe ich deshalb Uwe nach seinen Wünschen gefragt, die ich hiermit an Euch, sortiert nach Wohnbereich, weitergebe – und auf große Resonanz hoffe:

Bad

  • Spiegelschrank, wenn möglich mit Lampe & Anschluss
  • Vorlage für die Badewanne/Dusche (Frotteematte oder ähnliches)
  • Klobürste  (ähem, hier gerne eine frische 🙂

Küche

  • 2x Küchenschränke zum Aufhängen
  • Unterbauschrank / Arbeitsfläche (es gibt keinen Herd in der Wohnung, Uwe benötigt also elektronisch betriebene Herdplatten)
  • eventuell alten, aber gut funktionstüchtigen kleinen Kühlschrank
  • Deckenlampe
  • Töpfe /Pfannen
  • gern Geschirr, Tassen, Besteck
  • eine normale, aber betriebstüchtige Kaffeemaschine

Zimmer/Wohnbereich

  • Schreibtisch/Stuhl
  • Matratze oder Luftmatratze
  • Sofa oder Schlafsofa (was da ist, gern auch älter, kann man sich ja mit Tagesdecken schön machen)
  • kleines TV-Gerät?
  • Wohzimmertisch/Sofatisch/Beistelltisch (klein)
  • Deckenlampe
  • Schreibtischlampe/Stehlampe
  • Gaderobe für den Flur
  • Komode / Kleiderstange oder ähnliches

Wenn Euch sonst noch Dinge einfallen, sendet uns gerne eine eMail oder hinterlasst hier einen Kommentar.

Wir sind für jede Hife, wirklich JEDE Hilfe dankbar. Uwe freut sich derweil wie ein Schneekönig auf die Wohnung…wir zählen die Tage, Stunden, Minuten… und danken Euch allen schon jetzt, für die Begleitung und Unterstützung auf dem Weg hier her und ab hier in die Zukunft…

Wer Uwe die jeweilige Sachspende für die Wohnung persönlich vorbeibringen möchte: Gerne! Es sei bemerkt: Der Ausblick lohnt sich wirklich 😉

Wenige Sekunden nach dem Posten dieses Eintrags erhielt ich schon einen Anruf mit den ersten Hilfsangeboten, stark. Hier noch ein Hinweis, auf den mich der Anrufer aufmerksam machte: Die Wohnung befindet sich in der Nähe der S-Bahn Rübenkamp,  nähe Stadtpark, also nicht allzu weit weg. Nur für den Fall, dass Ihr Euch darüber Gedanken macht… ansonsten: gern einfach bei mir nachfragen.

Euer Ole

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Willkommen zu Hause, Uwe!

Es ist soweit. Uwe hat es geschafft. Nach 21 Jahren seit seiner letzten Wohnung, damals in Hamburg Veddel, ist Uwe ab 1.9. wieder Mieter einer eigenen kleinen Wohnung. Rund 7 Monate nach unserem Treffen und auf den dritten Anlauf hin.
Obwohl ich wirklich gerne blogge, fehlen mir im Moment einfach noch die Worte. Das muss jetzt erstmal sacken und das darf es auch.

Also Leute, gebt acht, solltet Ihr künftig von Uwe berichten: Er ist nun nicht mehr Obdachlos und nicht mehr Wohnunglos.  Er ist einer von uns, wie eigentlich immer schon.

Hier für Euch Uwe’s Worte, nachdem er seinen Mietvertrag heute morgen gegen 10.15 Uhr unterschrieben hat:

Auf dem Ordner steht: Willkommen zu Hause.

Ja, willkommen zu Hause, Uwe. Alles, alles Gute.

Ole

Aktion Uwe ab sofort auf Helpedia –
bitte spendet über dieses Tool! Danke!

Vodpod videos no longer available.

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Die Zukunft ist ja ohnehin kontingent

Ein wenig mehr als sechs Monate sind jetzt seit Beginn der Aktion-Uwe verstrichen. Sechs Monate, in denen sich mindestens zwei Menschenleben parallel radikal gewandelt haben.

Manches Mal musste ich während dieser Zeit geradezu an all die Dinge erinnert werden, die passiert sind – von außen, von anderen. Reflektiere ich dann über meine eigene Wahrnehmung dieser Zeit, ähnelt es dem Tunnelblick, den man in einer langen Prüfungsphase annimmt, um sich bloß nicht ablenken zu lassen. Das mag paradox klingen angesichts der Tatsache, dass ich mich von meinem Studium durch Aktion-Uwe bisweilen durchaus habe ablenken lassen, aber dennoch trifft es zu.

Uwe mit Bartschneider

Für die Wohnungsbesichtigung hat sich Uwe den Bart rasiert. Hier noch in voller Haarpracht.

Ab einem gewissen Punkt nimmt man die vielen Ereignisse nur noch durch eine Art Filter war, als wolle man sich vorab vor einer möglichen Reizüberflutung schützen. Jedes Treffen mit Uwe, jedes Gespräch, jeder Gedanke, jedes Schreiben an die nächste Behörde, jedes Fotoshooting mit der Presse, jeder Moment der Frustration und jede Preisverleihung: All das kostet unheimlich viel Kraft – und wird doch im gleichen Moment aufgefangen durch das, was da am Entstehen ist, durch die Begegnung, die Freundschaft, die menschliche Energie, die auch Uwe innewohnt.

Heute dann fällt alles von mir. Auf einen Schlag. Ich möchte laut rausschreien, durch Hamburg rennen. Mich bei allen bedanken, die so lange geblieben sind, gleich, ob auf diesem Blog hier oder einfach nur mental. Alle umarmen. Und mich doch am liebsten einfach nur zurückziehen, in mich gehen und erstmal: Begreifen.

Heute, 14:45 Uhr, mit leichter Verspätung: Uwe und ich treffen in Steilshoop ein, um gemeinsam die erste Wohnung anzusehen, die Uwe seit rund 15 Jahren besichtigt hat. 15 Jahre. Es ist seit Ende Januar unser dritter Anlauf und das insgesamt vierte konkrete Wohnungsangebot, das Uwe erhält. Dieses Mal haben wir die freundliche Unterstützung eines SAGA-Mitarbeiters, der schon bei unserem Beratungsgespräch mit Uwe einen besonders engagierten Eindruck hinterlassen hatte und sich ganz offensichtlich wirklich für Uwe einsetzt. Er begrüßt uns gemeinsam mit dem Hauswart der Wohnung, die Anfang August frei geworden ist.

Etwas aufgeregt und von der Eile noch ganz verschwitzt zwängen sich Uwe und ich mit den beiden Herren in den Aufzug und fahren in den siebten Stock. Dort dann: Die Überraschung. Uwe und ich betreten eine kleine, aber feine Einzimmer-Wohnung und blicken vom Balkon direkt hinaus auf den Hamburger Stadtpark, den Fernsehturm dahinter und ganz weit draußen: Die Landungsbrücken und den Hafen.

Uwe ist ganz gefasst, legt eine Hand in die andere und sagt, beinahe nüchtern: „Da kann man echt nichts sagen. Hier ist es wirklich schön.“ Gleich morgen will er sich um die formellen Angelegenheiten kümmern, damit es dieses Mal auch klappen kann. Beide SAGA-Mitarbeiter nicken Uwe bestätigend und ermutigend zu, fast wie ein nonverbales Schulterklopfen. Wir geben uns noch einmal rund um die Hand und sind auch schon fertig – für heute.

Draußen wieder angekommen beginnen wir beide erst zu realisieren, was da gerade passiert ist. Eine Wohnung. Vielleicht sehr bald seine Wohnung. Uwe schaut mich an und sagt: „Wenn Sie Hamburg mal von oben sehen wollen, so richtig schön, kommen Sie, kommen Sie Uwe Schneider besuchen für einen Rundgang. Nur 7 Euro Eintritt.“ Ein paar Meter weiter streckt er plötzlich die Hand aus, ballt sie zur Faust und sagt in Siegerlauner „Yes, der zweite Streich! So, was kommt als nächstes? Ach und Ole, sag mal: War ich vielleicht etwas zu trocken gerade? Nicht, dass die denken, ich wäre nicht interessiert“. Uwe ist Rückschläge gewohnt, Fortschritte nimmt er zunächst so gelassen zur Kenntnis, als wolle er sich selbst den nächst möglichen Rückschlag erleichtern.

Wir wissen beide, dass dies nur einer von vielen kleinen Mosaiksteinchen im Leben von Uwe ist. Und dennoch ist es ein vergleichsweise großes Steinchen, eines, das Uwe seit vielen Jahren nicht alleine bewältigen konnte, eines, das binnen sechs Monaten nun endlich in greifbare Nähe gerückt ist. Und eines, das für Uwe viele andere Implikationen mit sich bringt. Womöglich einen eigenen Kühlschrank, günstigeres Essen, ruhigere Nächte, eine eigene Anschrift, eine neue Identität, ein ganz anderes Umfeld und die Möglichkeit, Freunde zu sich einzuladen, zum Kochen zum Beispiel. „Wenn ich eingezogen bin, werde ich gewiss noch etwas Zeit brauchen, mich an die neue Situation zu gewöhnen.“ Die sollst du haben, lieber Uwe.

Noch vor zwei Wochen haben wir nicht mehr damit gerechnet, dass es so schnell gehen kann. Ich habe angefangen, an uns zu zweifeln – und dann zurück gedacht an eine E-Mail eines Soziologie-Professors von mir, der für Uwe 100 Euro spendete mit den Worten: „..gute Idee, wenn auch schwierig und mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Aber da die Zukunft ja ohnehin kontingent ist…

Recht hat er.

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