Archiv der Kategorie: Social Web

NPO-Blogparade Nr. 16

Als die NPO-Blogparade ihren Ursprung nahm, war Social Media für NGOs noch weitgehend ein neues Thema und es lohnte, sich grundsätzlich über Werkzeuge und Tools Gedanken zu machen. Auch mein eigener Blog, der „Socialblogger“ begann mit einem Eintrag zur Blogparade, die einst von NPO-Kollegin Brigitte Reiser ins Leben gerufen wurde.

Fast eineinhalb Jahre später ist die Blogparade und ihr Themenfeld deutlich „erwachsener“ geworden. Kaum noch eine NGO oder Kultureinrichtung springt fasziniert im Quaree, wenn jemand von den Möglichkeiten des sozialen Netzes erzählt. Viele haben ihre ersten Versuche, das Social Web zu ihren Zwecken nutzbar zu machen, hinter sich und sind hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen realistischer geworden, oder gar desillusioniert.

Nicht selten – wie fast immer, wenn es etwas neues gibt – wurden vom Web 2.0 „Wunder“ erwartet. Die bislang ausbleibenden Freiwilligen, die zurückgehenden Spender, die Kampagne, die nicht so recht funktionieren wollte: Das Wundermittel Web 2.0 würde es schon richten.

Doch vermehrt kommt die Frage auf: Wie lässt sich tatsächliches Handeln, wie Verhaltensmuster der Menschen „auf der Straße“ durch Social Media ändern.

Meine Frage zur 16ten NPO-Blogparade lautet deshalb:

Wie gelingt die sinnvolle Verknüpfung von Social-Media-Werkzeugen mit Offline-Aktionen/Handeln?

Um ein paar Beispiele zu nennen: Die Silent Climate Parade nutzte zwar Twitter, Facebook & Co. zur Mobilisierung von Menschen, die Kampagne war aber in ihrem Kern so gut durchdacht, dass auch viele Passanten und „Offliner“, die vorab per Handy eingeladen wurden, gerne dabei waren.

Ein anderes Beispiel ist der Berliner Wassertisch, dem es gelingen möchte, bis Oktober 170.000 Unterschriften gegen die Privatisierung des Berliner Wassers zu sammeln. Die Herausforderung: Die Unterschriften müssen offline geleistet werden, im Idealfall sogar im heimischen Ortsamt. Eine schnelle Online-Petition per Click fällt also aus.

Wie kann es gelingen, solche Offline-Anforderungen per sinnvoller Online-Unterstützung zu ermöglichen? Ich freue mich auf Eure Antworten zur 16. NPO-Blogparade. Den angedachten npochat via Twitter muss ich in diesem Fall ausfallen lassen, da ich es zeitlich nicht einrichten kann, diesen zu moderieren – ich denke aber, dass wir auch ohne Twitchat zu wertvollen Ergebnissen kommen können.

„Einsendeschluss“ für diese Runde der Blogparade ist bis auf weiteres der 23. Juni. Bitte denkt daran, per Trackback auf diesen Blogpost zu verweisen, wenn Ihr zur Fragestellung schreibt!

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Schöne neue Welt – oder nur mehr Geld?

Rund zwei Monate nach dem ersten Politcamp in Berlin hat es mich diese Woche zum sechsten „Personal Democracy Forum“ in New York verschlagen.

Der erste und am deutlichsten sichtbare Unterschied: Die Teilnahme kostet hier pro Nase zwischen 300 und rund 700 Dollar – und das trotz Sponsorengrößen wie Google, facebook, AT&T und Virgin Atlantic. Die Gegenleistung der aufgefahrenen Referenten versprach allerdings, diese Investition plus Anreise wert zu sein.

ürgermeister Michael Bloomberg skyped mit uns

Bürgermeister Michael Bloomberg skyped mit uns

Den Anfang machte am Montag der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg. Zwar konnte dieser nicht persönlich erscheinen, seine authentisch anmutende Skype-Konferenz inkl. technischer Probleme und Unterbrechungen aber garantierte neben Belustigung der rund 1000 Teilnehmer einen nahezu perfekten Einstieg in das Diskussionsfeld an der Schnittstelle von Politik und vernetzten Medien.

Auch die Tools, über die Bloomberg trotz Unterbrechungen unbeirrt zu berichten wusste, waren ein erster Fingerzeig auf das, was in den USA bereits mehr als üblich ist: So kann man bei der Bürgerhotline 311 in New York nicht nur anrufen, sondern sich auch online, via twitter und skype über anstehende Probleme in der Stadt beschweren: http://www.ci.nyc.ny.us/apps/311/

Grundsätzlich fiel bei der Konferenz binnen weniger Minuten Anfangsgetummel und Coffee-Networking schnell auf: Bereits mehr als die Hälfte des Congress sind auf YouTube, viele Senatsmitglieder twittern und an den Ständen der sich präsentierenden Firmen ging es längst nicht mehr um die Frage des „ob“, sondern nur noch um die Frage „wie genau“.

Vivek Kundra, der erste nationale „Chief Information Officer“ der USA stellte zur positiven Überraschung aller ein System vor, mit dem US-Bürger künftig in der Lage sein sollen, die Verwendung ihrer Steuergelder bis auf den Dollar genau nachzuvollziehen. Zunächst mit Daten aus dem IT-Sektor gefüllt, bietet usaspending.gov übersichtliche Grafiken und die Möglichkeit zu Feedback der Steuerzahler.

Kundra erntete dafür regen Ablaus aus der Menge, denn wie zu erwarten war, freute es natürlich jeden, dass es nach der guten Social-Media-Kampagnen-Arbeit Obamas mit konkreten Maßnahmen für mehr Transparenz und Partizipation weitergeht. Mit dieser Plattform ist ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht, zumal einer, der auch unter einer anderen Regierung noch Bestand haben und den Bürgern dieses Landes Nutzen stiften wird. So zumindest die wage Hoffnung…

Teilnehmer des Personal Democracy Forum NYC

Teilnehmer des Personal Democracy Forum NYC

Etwas skeptischer stimmte derweil der Vortrag von Microsoft-Chef-Forscherin Dana Boyd, die vor vorschnellen Heilsversprechen aus der Web-Ecke warnte und auf extreme kulturelle Unterschiede der die jeweiligen Plattformen nutzenden Menschen-„Klassen“ hinwies. Dabei verwendete sie bewusst den provokativ wirkenden Klassenbegriff und stellte anhand ihrer Analyse der Facebook- und MySpace-Nutzerschaft dar, dass bisweilen noch lange nicht von einer breiten und allgemeinen Netzöffentlichkeit die Rede sein kann. Während MySpace von den befragten Jugendlichen eher als „more ghetto“ betrachtet wurde, assoziieriten die Befragten Facebook eher mit der „Ivory League“, sprich Harvard-Studenten.

Und auch Twitter, so Boyd, sei trotz allen revolutionären Potenzials (wie es zuletzt im Iran beobachtet werden konnte) bislang nur Plattform für einen minimalen Ausschnitt unserer Gesellschaft. Der Schnelltest bei den rund 1000 Teilnehmern des Personal Democracy Forums brachte dann die Bestätigung: In der Tat waren nahezu alle Teilnehmer selbst Nutzer von Facebook, kaum einer jedoch zählte sich selbst zu den immernoch rund 70 Millionen MySpace Nutzern.

Eine weit optimistischere Einschätzung unserer vernetzen Zukunft lieferten Michael Wesch und David Weinberger. Weinberger, der als Co-Autor des „Cluetrain-Manifesto“ bekannt wurde, sprach von Transparenz als der neuen Objektivität. Während es in einer gedruckten Enzyklopädie noch um festzulegende Fakten gegangen wäre, so Weinberger, verlinke fast jedes Wort in Wikipedia zu einem weiteren Artikel und einer anderen, präziseren oder verwandten Erklärung. Somit ginge es heute nicht mehr um ein einziges Faktum, sondern um eine aggregierte Subjektivität – mit den unterschiedlichen Sichtweisen müsse man schlichtweg leben, genau das mache unser vernetztes System (Transparenz vorausgesetzt) eben demokratisch.

Michael Wesch, Kulturanthropologe der Kansas State University, zeigte am Beispiel von YouTube, wie sich weltweit Menschen zu Themen vernetzen, zu denen sie sonst nie kommunziert hätten – schlicht und einfach aufgrund der künstlichen Distanz, die offenbar einen niedrigschwelligeren Zugang zu anderen Menschen ermöglicht. Seine anthropologische Einführung in YouTube kann hier bewundert werden.

Nicht zuletzt war auch die Verteilung der Parteilager im Publikum eine Beobachtung wert. Auf die Frage von Joe Rospars (Mitgründer von Blue State Digital und einer der Berater von Obama während des Wahlkampfes), wie viele Republikaner sich im Publikum befänden, hoben nur rund ein Dutzend Teilnehmer die Hände – „See that’s your problem“, schlussfolgerte darauf Rospars.

Alles in allem aber war die Veranstaltung trotz des hohen Preises, des enttäuschenden Recyclings (es gab keine Pfandflaschen, selbst die Bierflasche landete im Papierkorb 🙂 ) und der mir insgesamt zu niedrigen Interaktion mit den Referenten, definitiv eine Reise wert. Sie hinterlässt bei mir einmal mehr den Eindruck, dass wir in deutschen Landen noch jede Menge Arbeit vor uns haben, wenn wir die Chancen des Social Web für unsere Gesellschaft nicht nur erkennen, sondern auch aktiv erforschen, nutzen und weiterentwickeln wollen.

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Von der Theorie zur Praxis: Uwe’s zweiter Anlauf

Gerade verspüre ich mal wieder ein dringendes Blog-Bedürfnis, denn die vergangenen Tage hatten es an Berichtbarem in sich.

Montag und Dienstag vergangener Woche: Besuch in Freiburg, bei unserem künftigen Agentur-Partner Kultwerk, respektive Jens Vogel und Stefan Vomstein, beides Menschen vom Feinsten, gute Designer und Webgestalter obendrein.

Außerdem: Besuch bei der Caritas, deren neuen Blog „Mitten am Rand“ ich hier wärmstens empfehlen kann und möchte. Der Blog zeigt eindrucksvoll, dass es auch für große und hierarchisch organisierte, traditionsreiche Organisationen abseits der Einzelprojekte à la Uwe durchaus möglich ist, das Social Web im Sinne der eigentlichen, guten Sache zu nutzen.

Mehrere Autoren, die bereits die verschiedensten Schicksalsschläge durchlebt haben oder noch immer damit zu kämpfen haben, berichten auf „Mitten am Rand“ von ihrem Leben „am Rande der Gesellschaft“ – und ihren Erfahrungen mit Sucht, Haft, Obdachlosigkeit oder anderen oft ignorierten oder tabuisierten Themen. Ich kann diese Art der Öffnung durch eine professionelle Organisation nur begrüßen und bewundere das Engagement der einzelnen Sozialarbeiter und der betroffenen Autoren, die sich hier Woche für Woche zusammensetzen, um den Blog mit ihren eigenen Worten und Empfindungen zu füllen. Nachahmung durch andere Organiationen wäre hier durchaus wünschenswert.

Am Freitag dann, nach einem Mini-Intermezzo in Hamburg: Fachtagung an der Fachhochschule Osnabrück. Thema: Non-Profits und Web 2.0 und die beliebte Frage, die ich oben schon zu beantworten glaubte: Wie NPOs das Social Web richtig einsetzen können, für Campaigning, Fundraising & Volunteering (Freiwilligenarbeit).

Schön dabei: Fast alle bislang nur online bekannten Blogger-Kollegen traf ich spätestens hier: Dr. Brigitte Reiser (Nonprofits Vernetzt) , Hannes Jähnert (Volunteering Experte), Christian Kreutz (Wissensmanagement, Entwicklungshilfe & Campaigning) & Ingo Frost (WikiWoods).

Nach zwei Fachvorträgen von Brigitte und Kai Fischer kam dann auch von mir ein kleiner Beitrag zu Aktion-Uwe, der offenbar für 80 Euro neuerliche Spenden gesorgt hat (immerhin) :-). Im Anschluss an die Mittagspause folgte dann gemeinsam mit Daniel und Thomas Stolze von helpedia der gemeinsame Fundraising-Workshop.

Spannend: Zwar hatten wir vermutlich die meisten Teilnehmer zu diesem Thema versammelt, wohl aber auch die kritischsten Fragen – oder soll ich sagen: Zwiegespaltensten Ansichten?

Gemischtes Publikum (incl. @dkomm) in Osnabrück

„Ja, wie kann man denn nun mit Facebook Geld verdienen?“
„Was bringen mir die Follower auf Twitter?“
„Und was kostet das alles?“
„Oh nein, das kostet was?? Das ist ja teuer? Und wie soll ich das machen? Flyer wegwerfen und ab sofort nur noch in’s Netz investieren?“

Leute, so wird das nix. Also, nochmal: Das Internet ist kein Allheilmittel. Das Social Web ist nicht von alleine sozial. Wer es richtig nutzen will, der muss investieren: Zeit, Geld und auch etwas Liebesmüh. Von alleine geht da nix. Das ist ausnahmsweise auch nicht neu, sondern gilt genauso wie bei allen anderen Medienkanälen auch.

Der entscheidende Unterschied ist: Im Netz erreicht Ihr Zielgruppen, die Ihr mit Direktmailings schon lange nicht mehr erreicht – und das um ein vielfaches effektiver. Erstens gibt es Netzwerkeffekte, die Euch einen kostenfreien Zusatznutzen bringen (denn Ihr zahlt ja nix extra, wenn jemand Eure coole Kampagne in seinem Netzwerk verbreitet) und zweitens findet die junge Generation Empfehlungen von Freunden auf Facebook und twitter nunmal glaubwürdiger als den zwanzigsten Spendenbrief zu Weihnachten mit Anschreiben vom Vorstand (und scheinheilig eingescannter Unterschrift).

Soll heißen: Ja, den Fundraising-Erfolg gibt’s auch im Web nicht gratis. Doch wer die zukünftig spendenstarken Generationen nicht verlieren will, muss hier schleunigst Anschluss suchen und finden. Das heißt nicht, dass auf alle alten Medien von heute auf morgen verzichtet werden muss. Wer jedoch unter Rekurs auf mögliche Kosten den Kopf in den Sand steckt, kann sich auch gleich ganz einerden.

Dass die Theorie und das schöne alte Sammeln von Geld alleine übrigens noch keine Probleme löst, musste Uwe vergangene Woche am eigenen Leibe spüren: Seit Wochen wartet er vergeblich auf Rückmeldung von der Saga. Nun kam raus: Die ihm angebotene Wohnung in Billstedt ist leider schon längst anderweitig vermietet. Eine Woche nach Erstgespräch hätte Uwe Rückmeldung erhalten, ansonsten hätte er den ausbleibenden Anruf als Absage deuten müssen, so das offizielle Statement.

Nach ein paar Tagen Wut im Bauch verbuche ich diesen ersten gescheiterten Anlauf in Sachen Wohnung unter Lebenserfahrung und „Missverständnis“. Uwe ist ohnehin kaum noch zu schocken und nimmt es mit Gelassenheit. Neulich erst bekam er vom HVV ein Strafticket für eine fehlende „Bahnsteigkarte“ aufgebrummt: 40 Euro. Warum? Er wollte auf mich warten, war offensichtlich mittellos und damit leichter Fang für die Herren Kontrolleure. Immer druff. Muss man damit leben? Muss man nicht.

Deshalb: Nächster Anlauf. Saga angerufen, Problem besprochen, Lösung gefunden. Nun liegt Uwe ein neues Angebot vor, wieder Billstedt, nur viel schöner. Nämlich mit Balkon. „Willst du mich verwöhnen?“, fragt mich Uwe gestern am Telefon. Ja, Uwe, wer weiß, vielleicht ist das jetzt einfach mal dran. Kann ja auch mal was gut gehen für dich… ich würde es dir wünschen. Wir bleiben jedenfalls dran. Mit Energie, ohne Groll.

Und Anfang/Mitte Juni kommt dann die Entscheidung von „Hamburg Anstiften!“ für Uwe’s Nachtcafé…. drückt Ihr uns die Daumen?…

Euer Ole @ SocialBlogger

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Angst vorm Anders und warum beim Hobeln Späne fallen

Wochenende. Wochen ohne Ende. Meetings, Camps, Bars, Diskussionen. Die Zeit fliegt. Menschenmassen. Verschiedene Klassen? Digitaler Graben!
Twitter, Facebook, Web 2.0 und Hartz IV, Wahlkampf, gehackte Accounts & neue Demokratieformen. Alles neu macht der Mai? Oder doch nur alter Wein in neuen medialen Schläuchen?

Politcamp09 Berlin

Politcamp'09 Berlin

Es ist der Freitag des ersten Mais. Daniel, Sandra und ich betreten die Anlage des „Radialsystem V“, ganz nah am Ostbahnhof Berlin und leiten den Vorabend des Politcamp 2009 ein: Mit einer Partie Tischtennis. Dann noch etwas viel zu teures Grillgut, eine kurze Nacht und schon geht es los:
Samstag, den zweiten Mai, gegen 9 Uhr….

Die heitere Diskussion um das, was da denn nun wirklich NEU und ANDERS ist am sozialen Web…um das, was Parteien daraus lernen könnten… meine Strichliste der „Twitter“-Nennungen als dem oft zitierten, aber doch kaum verstandenen Buzzwort der Szene würde auf Papier gedruckt die Rodung sämtlicher Regenwälder erfordern.

Parteipolitische Polemik mischt sich mit Web-Geek-Attacken auf die Old-School-Genossen, erforderliche Visionen werden zur bedingungslos missverständlichen Utopie extrapoliert und scheitern am Spalt der Generationen.

Und doch: Einige der Sessions haben die nötige Würze und schaffen es, das Spannungsverhältnis zwischen realpolitischen Notwendigkeiten und technischen Möglichkeiten in konstruktive Energien umzuwandeln. Darunter insbesondere das Panel meines Freundes Moritz Avenarius (twitter: @iMo) und die Sessions von Oliver Zeisberger (twitter: @oliverbarracuda).

Moritz und Oliver schaffen es, die widerstreitenden Interessen so zu moderieren, dass die Angst vor Neuem nicht unnötig geschürt und der Respekt vor wertvollen Politik-Erfahrungen der älteren Teilnehmer erhalten bleibt.

Am meisten zu lernen und kennenlernen gibt es jedoch wie immer abseits der Studios und Seminarräume beim alkoholfreien Bier unweit des Spreeufers. Dort treffen wir Ingmar, der mit OneAim.org schon längst begriffen hat, dass die Menschheit insgeheim doch eigentlich an einem Strang zieht und Lucas, der mit seinen 20 Jahren bereits mehr verstanden hat (und dazu auch noch programmieren könnte…), als die meisten von uns zusammen.

Das Schöne an solchen Veranstaltungen ist: Es gibt keinen Zwang, irgendetwas erreichen zu müssen, kein festes Ziel, das man verfehlen könnte. Selbige Eigenschaft öffnet jedoch andererseits die Tür zu uferlosen Meeren der konturlosen Phrasenschlachten, teilweise auf hoher See. Da führt es dann schonmal zu einer Mischung aus Langeweile und Verdruss, wenn zum zehnten Mal twitter zum Allheilmittel und der „Killerapp“ der Zukunft erklärt wird, während andernorts der Wahlkampf bereits zwischen, neben und über den Zeilen mehr als deutlich mitschwingt und die Sachebene der Diskussion in den Hintergrund drückt.

An dieser Stelle vielleicht für die nicht ohnehin beim Politcamp ’09 selbst anwesenden Leser dieses Blogs noch einmal die meinige Stellungnahme zur Spannung zwischen Politik (wie wir sie kennen) und dem durch Twitter, Facebook & Co entstehenden Potential andersartiger gesellschaftlicher Kommunikation:

1) Twitter, Facebook, MySpace & Konsorten sind allesamt lediglich eines: TOOLS, Infrastruktur oder knapp: Mittel zum Ausdruck menschlicher Meinungen und Botschaften. Alle vereint eines: Bidirektionale Kommunikation. Mal sind die darin enthaltenen Botschaften kürzer (Twitter), mal länger (Facebook), mal lädt man nur Zeichen hoch (Twitter), mal auch Bilder (Facebook), mal nennt man es Folgen, mal Freund werden…. Nochmal: Es sind NUR Tools, nur Werkzeuge zum Austausch, nicht mehr und nicht weniger. Alles, was daran NEU und besonders ist im Vergleich zu Offline-Kommunikation (klassische PR, Zeitung, TV, Radio und andere „massenmediale Kanäle“) ist, dass dieser Austausch nun in beide Richtungen verläuft. Soll heißen: Mensch A redet, Mensch B auch. Mensch A fragt, Mensch B antwortet. Organisation A (auch Partei A genannt 🙂 redet über ihr Parteiprogramm und siehe da: Hunderte von Menschen antworten, fragen & kritisieren.

Und warum ist das nun so schockierend?

2) Weil die bisher hierarchisch organisierten Institutionen, ganz gleich ob NGO, Partei oder Company nicht darauf eingestellt sind, auf Augenhöhe ihren Wählern, Spendern oder Konsumenten zu antworten. Denn wenn man persönliche Botschaften auf diesen Kanälen verbreitet (auf denen nämlich auch persönliche, ehrliche und authentische Botschaften erwartet werden), dann muss man auch auf sehr direkte Nachfragen gefasst sein.

Und nicht zuletzt:

3) Es geht alles schneller… Botschaften verbreiten sich in 0,Nixx im Netz, denn wer eine Botschaft mag oder ganz furchtbar deplatziert findet, leitet sie in der Regel mit einem Click weiter.

Aber eines ändert sich dadurch NICHT:

4) Noch immer brauchen Politiker Erfahrung. Noch immer macht es Sinn, einen in einem Sachgebiet erfahrenen Spezialisten zum entsprechenden Abgeordneten für dieses Thema zu wählen. Noch immer muss die „Nase“ eines Politikers seinen Wählern passen, noch immer muss er den richtigen Riecher haben und gute Politik machen. Das wird durch’s Web 2.0 nicht ersetzt und nicht anders – nur, dass die Medienkanäle, auf denen dieser gute Herr oder diese gute Dame sprechen, eine andere Qualität haben…. und…

sich 5) die klassischen Organisationsstrukturen (z.B. die Policy, erst jede Veröffentlichung von ganz oben abzeichnen lassen zu wollen) dieser neuen Qualität werden anpassen müssen.

So viel dazu.

Nun aber zu meinem Alltag, der dann in der letzten Session am Sonntag auch noch thematisiert wurde: Aktion Uwe.

Uwe und ich am 111. Tag unserer Freundschaft

Uwe und ich am 111. Tag seit unserer Begegnung

Uwe geht es inzwischen wieder besser – und durch eine kleine Spendenaktion beim Politcamp ’09 konnten auch (danke!) wieder weitere 80 Euro gesammelt werden. Noch immer wartet Uwe auf Rückmeldung der Krankenkasse und der Saga. Ich hoffe, da nun bald Neues berichten zu können. Nur so viel vorab: Uwe macht sich gesundheitlich wirklich ganz gut derzeit, sieht auch sehr fit aus (siehe Foto beim Café vor meiner Abreise nach Berlin) und: Er hat heute bei der Haspa ganz alleine sein erstes eigenes Konto seit rund 20 Jahren eröffnet. Nun scharrt er wieder mit den Hufen, was wir als nächsten konkreten Schritt angehen könnten… im Juni steht die Entscheidung von Hamburg-Anstiften an… man darf gespannt sein.

Am Ende des Politcamps ’09 gab es dann auch noch ein kleines Interview, das Ihr hier findet:
http://make.tv/politcamp2009/show/21485

Und auch etwas zu Gewinnen gab es: Für alle Spender des Politcamps: Ein T-Shirt nach Wahl von www.armedangels.de , einem kleinen und feinen Modelabel aus Köln, das nachhaltige Mode aus fairem Handel und BioBaumwolle anbietet.Wer gewonnen hat? Lucas Jacob! 40 Euro hat Lucas gespendet für Uwe, hier nachvollziehbar: www.aktion-uwe.de – Hut ab & danke an Lucas. Teile es dir gleich per eMail mit!

So weit von mir…derzeit wieder in Hamburg, am Freitag weiter in den Odenwald, wo ich die Jungs von Helpedia treffe.

Euer Ole @ SocialBlogger

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Erster Post aus Oxford…

Liebe Leser,

nach einigen Tagen zum Warmwerden (was im verregneten England schonmal dauern kann) kommt er nun endlich und gerade noch rechtzeitig: Der erste Blogpost aus Oxford.

Nach einem guten Start in London und einer Nacht auf hartem Studentenwohnheim-Boden mit Yogamatte bin ich seit Montag nun in Oxford und besuche hier täglich das Büro von Oxfam GB – dem „Zentrum der Ideen“ vieler Initiativen, die weltweit unter der Flagge von Oxfam so laufen bzw. dem Ursprung dieser internationalen NGO.

Inzwischen konnte ich bereits drei offizielle Interviews für meine Magisterarbeit zum Thema „Soziales im sozialen Web – Einfluss des Social Web auf humanitäre NGOs“ führen – und täglich lerne ich etwa fünf neue kreative „Weltretter“ kennen: Jeder mit anderem biografischem Hintergrund und dennoch alle erstaunlich verbunden miteinander, was ihre Ideale angeht.

Ein bißchen erinnert mich das Feeling hier im Büro an das, was riesige amerikanische Konzerne immer mit Mitarbeiterschulungen künstlich zu erzeugen versuchen: Das Gefühl, dass wir alle irgendwie eine „große Familie“ sind. Klingt zwar selten schmalzig und dennoch: Der Umgang miteinander ist hier tatsächlich so. Und so bin ich auch nicht rein zufällig in einem kleinen Häuschen untergekommen, das neben mir noch drei andere Oxfam-Mitarbeiter beherbergt: Ben, Paul und Frieda. Einer arbeitet im Human Resources Department, der andere pflegt den Oxfam Online-Shop (bei dem es übrigens echt nette Shirts gibt 🙂 und Frieda arbeitet gleich neben mir in der Campaigning-Abteilung.

Alles in allem also alles sehr spannende Tage für mich als Herzblut-Aktivisten. Auch das offen und geräumig gestaltete Büro (in dem selbst die Chefin des Ganzen kein eigenes, abgegrenztes Büro hat!) trägt seinen Teil zum Team-Building bei. Die Ideen fliegen durch den Raum und wer sagt es denn: Ich konnte sogar zwei der Kollegen aus Sierra Leone hier wiedertreffen: Daudi (Public Health Engineer) und Bob, den Systemanalysten, der in Freetown letztes Jahr noch unsere Computer- und IT-Struktur überprüft hatte. Gemeinsam haben wir jetzt dem vierten im Bunde, Glenn, eine Nachricht auf Facebook hinterlassen, denn Glenn befindet sich inzwischen in Chad und koordiniert dort die Installation von Brunnen und anderen Sanitär/Wasser-Anlagen.

Die Welt ist tatsächlich ein Dorf. Und mit solchen Kollegen und Projekten, wie sie hier tagtäglich angeschoben werden, gefällt mir das Leben in diesem Dorf auch ganz gut.

Uwe hat übrigens neue Freunde gefunden, die derzeit auch für ihn da sind, während ich hier in England bin: Katharina und Bärbel haben ihn bereits besucht und mit ihm gesprochen. Florian trifft sich ebenfalls morgen mit ihm. Und über Katharina kann ich Uwe auch Nachrichten senden, die sie ihm ausdruckt und mitbringt.

Morgen geht es dann erstmal wieder nach London, wo ich am Samstag Björn und Uli von „Deine Stimme gegen Armut“ treffe und mit ihnen und alten UN-Praktikanten-Bekannten gemeinsam beim „Put People First“ Marsch demonstriere. Ich halte Euch auf dem Laufenden…. und freue mich wie immer über Eure Nachrichten und Unterstützung!

Herzlich

Euer Ole @ SocialBlogger

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re:publica Karte – wer denn nun?

Liebe Leser,

nun habe ich bereits am 21.01.2009 dazu aufgerufen, sich im Gegenzug für ein re:publica Ticket im Wert von 60 Euro Gedanken zu machen, wie man den Bereich des „Social Commerce“ auch wirklich „sozial“ einsetzen könnte.
Versprochen habe ich, daraufhin den besten Beitrag auszuwählen und mein re:publica Ticket demjenigen zuzusenden, der mich am ehesten überzeugt hat.

Dieses Verrprechen sollte ich nun endlich einlösen. Ich bitte, die lange Wartezeit zu entschuldigen – wie Ihr alle mitbekommen habt, hat mich Uwe ganz schön auf Trab gehalten 🙂

Also…the ticket gooooooes tooooooo…… Stefan Martens für den folgenden Beitrag:
http://www.smartens.eu/blog/2009/02/01/umweltfreundliche-widgets-fur-online-shops/

Warum? Nun, die Entscheidung war wirklich schwer, denn auch better-and-green fand ich wirklich sehr gut. Meine Entscheidung fällt deshalb zu Gunsten von Stefan aus, da er sich meines Erachtens die meiste Mühe gemacht hat, in eigenen Worten und explizit für dieses Gewinnspiel ein Konzept zur Anwendung von sozial relevanten Widgets zu formulieren. Diese Arbeitszeit und das dabei heraus gekommene Ergebnis verdienen meinen Respekt. Und damit auch das re:publica Ticket.

Glückwunsch, lieber Stefan. Ticket geht dir per eMail zu!

Hier nochmal der Aufruf, sowie die gesammelten Beiträge in der Kommentar-Leiste darunter:

Gewinnspiel zur re:publica 2009: Social Commerce & soziale Verantwortung

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Zeit für Rebellen oder: Mein Flash ohne Mob?!

Wir alle sind gefordert. Jeder einzelne von uns. Du, ja, genau DU, lieber Leser.
Nicht ach, sondern „Mach“ – so war neulich eine der neuen Werbe-Postkarten des Weltretter-Portals utopia betitelt… auf Recycling-Papier, versteht sich.

Gestern abend dann: Endlich mal gemütliche Pause vom „Weltretten“ und Social-GeBlogge aller Orten: Einladung zu niveauvoller Unterhaltung, angereichert durch abstruse und verbal geäußerte Gedankenspiralen mit gesellschaftskritischem Anspruch, der sich jedoch erst nach Abdrücken des Zwerchfell-Zolls bemerkbar macht, um dann einen bitter-süßen Nachgeschmack zu hinterlassen. Der Künstler: Olaf Schubert aus Dresden, der sich selbst als Betroffenheitslyriker bezeichnet.

Also: Letztlich doch keine Pause. Nein, eher humoristisch angereicherte Weiterbildung in der Frage: Wie vermittle ich anspruchsvolle, philosophisch geerdete Fragestellungen in derart urkomsichen Textfraktalen, dass selbst der letzte Bildzeitungsleser sich vor Lachen krümmend vor meiner Sozialintelligenz verbeugen muss? Olaf ist das zweifelsfrei gelungen.

Und: Im Nachgang beim Einhamstern seiner Unterschrift auf dem frisch erworbenen Tonträger konnte ich ihm zumindest vorerst die Bereitschaft entlocken, auch jenseits seiner Booking Agentur den Weltretter zu machen. Einladung zum Hamburger Socialcamp folgt also umgehend – wer weiß, was daraus wird. Sein Lied „Rebellen“ jedenfalls könnte kaum besser passen zu der sich derzeit auftuenden Online-Zivilgesellschaft :o)

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more about „Olaf Schubert – Zeit für Rebellen„, posted with vodpod

Kurzum: Olaf trägt seinen Teil bei. Auf seine Weise. Und das fordert auch Ban Ki-moon in einer seiner letzten Presseerkärungen als Sprachrohr der Vereinten Nationen: Obwohl es hier um eine große internationale Organisation mit entsprechend hierarchisch-unbeweglichem Bodensatz geht, hat Ban schon lange verstanden, dass wir echte Änderung nur mit unserem eigenen unbedingten Handlungswillen angereichert erreichen können – heute sprang es mich dann auf dem UN Twitter-Kanal an: Only with all of our efforts together, we can ever achieve goals of peace and prosperity, says Ban Ki-moon: http://tiny.cc/individualaction

Ich gebe zu, es tut gut, das von Ban zu hören. Als ich ihn Ende 2007 in der Generalversammlung der UN treffen durfte, hat er jedem der Praktikanten und helfenden Hände der Generaldebatte (2 Wochen im September / Oktober jeden Jahres) per Handshake einzeln gedankt – und damit ausgedrückt, dass er zu dieser Aussage steht. Mich freut, dass sich an seiner Einstellung diesbezüglich offenbar nichts geändert hat.

Besonders passend dazu heute ein Link-Tipp von Sandra, die bei armedangels nachhaltige Shirts vertreibt und auch sonst zu den modernen Machern der Szene gehört: http://gen-we.org – es geht um die „Generation Uns“…und das dazu passende Video beginnt mit: I am one…

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more about "Gen-We.org Video", posted with vodpod

Bei der heute anstehenden Kohleenergie-Protest-Aktion „Coal for Obama“ jedoch musste ich dann leider wieder an Olaf Schubert denken, als er gestern abend von „Protest-Protesen“ sprach…. nach viel Wirbel in den letzten Wochen war ich letztlich in Hamburg der einzige „Aktivist“, der sich heute auf die Socken gemacht hat… nun gut, ich kann es keinem verübeln. Das Wetter war schön, der Freitag abend vermutlich lang und durchzecht…. aber hey: Wieso die Grillsaison dann nicht mit geschickt medial inszenierter Grillkohle beginnen? Nächstes Mal vielleicht?

Meine Ergebnisse meines „Flashes ohne Mob“ jedenfalls findet Ihr hier in Kürze…wenn ich Zeit zum Schneiden des Video-Materials gefunden habe. Nur so viel vorab: Ole von Beust hat jetzt drei Kilo Grillkohle in seinem Rathaus stehen – eine Aktion, ein kleiner Tropfen auf den heißen Kohleofen. Aber ein Anfang.

Es ist fünf vor zwölf, liebe Leute, nicht nur hier, nicht nur in Bezug auf unsere Energieversorgung… so, jetzt aber heim. Genug erhobener Zeigefinger für die Minute…:-)

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