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Hürdenlauf bergauf?

Wenn ich auch in den vergangenen Wochen kaum bzw. nur andernorts gebloggt haben mag, so ist deshalb nicht etwa weniger passiert. Im Gegenteil.

Vielleicht fange ich bei der letzten und wohl schlechtesten Nachricht an: Uwe sitzt seit Samstag mittag in Hamburg im Gefängnis. Zu lange hat er eine alte Geldstrafte vor sich hergeschoben, die ihn noch aus den Jahren seiner Drogenzeit ereilt hat. Zunächst hatte Uwe die Gelegenheit zur Ratenzahlung, dann zum Abarbeiten von Arbeitsstunden – beides wollte oder konnte er nicht wahrnehmen. Beide Male versäumte er trotz mehrmaligen Erinnerns die wesentlichen Termine.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Uwe das nicht absichtlich gemacht hat, ich gehe gar davon aus. Ich unterstelle ihm einfach einmal, dass er die Tatsache erfolgreich verdrängt hat, dass er jetzt, gerade jetzt, da er sich auf dem Weg nach „oben“ befindet, eine alte Strafe abarbeiten oder abzahlen muss, die noch aus seinem „alten“ Leben stammt. Er hat mit mir regelmäßig darüber gesprochen und sich durchaus damit konfrontiert -und dennoch reichte am Ende die Kraft nicht, sich dieser Herausforderung zu stellen. Ich kann und will nicht weiter spekulieren, woran das gelegen haben mag. Ob Uwe einfach zu viel um die Ohren hatte, wie er selbst sagt…. erst der Einzug in die Wohnung, dann die Reise nach Berlin zum Panter-Preis… dann mein Wegzug nach Berlin und die vielen Reisen, der vergleichsweise geringe Kontakt. Ich weiß es nicht. Und es hilft auch alles nichts mehr…

Gerade auch deshalb fällt es mir schwer, hier darüber zu schreiben. Gerade auch wegen der vielen unsicheren Variablen habe ich mich bislang über diese uns bevorstehende Hürde und diesen massiven Rückschlag ausgeschwiegen bzw. nicht gebloggt. Ich wollte erstmal aus der Distanz beobachten, was passiert.. in der Hoffnung, dass es besser wird, dass sich alles doch wieder einrenkt, dass es klappen muss.

Seit jedenfalls der Bescheid an Uwe rausgegangen ist, er möge sich nunmehr seiner Haftstrafe stellen, wenn er nicht die Geldstrafe berappen kann, haben wir gemeinsam täglich beim entsprechenden Rechtspfleger angerufen – doch: Fehlanzeige. Es nahm einfach keiner ab. Ein einziges Mal erreichten wir den Herren, der dann sagte „Ich muss in einer Minute ins Meeting, rufen Sie morgen nochmal an“. Mir ist klar, dass es für eine Straftat die gerechte Strafe geben muss, auch für Uwe. Und dennoch verblieb in mir die letzten Wochen ein Funken Hoffnung, dass es sich irgendwie umgehen ließe, dass Uwe doch noch Sozialstunden nutzen könnte, um einerseits die Gewöhnung an das Arbeiten zu beginnen und andererseits nicht hinter Gittern Gefahr zu laufen, seine Wohnung und sein gerade erst neu begonnenen Lebensalltag zu verlieren.

Dass dieses Problem nicht nur Uwe betrifft, sondern auch viele andere – und es einen massiven Beitrag zum Teufelskreis der Obdachlosigkeit und Abhängigkeit leistet, was Uwe gerade passiert, könnt Ihr hier nachvollziehen, beim Blog „Mitten am Rand“ der Caritas.

Kurzum: Ich bin im Gespräch mit den Behörden, allen relevanten Ansprechpartnern… und natürlich den engen Freunden und Unterstützern, die Uwe die letzten Wochen und Monate aktiv begleitet haben. Und ich bin ratlos. Rastlos und eingermaßen verzweifelt. Ich kann Stand heute weder sagen, ob Uwe die Wohnung behalten kann, noch kann ich ihn ernsthaft „freikaufen“, denn Uwe hat selbst einen wesentlichen Anteil daran getragen, dass es so weit gekommen ist und die gespendeten Gelder sind – darin stimmt Ihr vermutlich überein – für das Projekt Nachtcafé gespendet worden, nicht für das Begleichen einer alten Straftat.

Am Samstag habe ich Uwe zu besuchen versucht. In Hamburg, in U-Haft. Am Telefon noch hieß es, ich könne vorbei kommen. Vor Ort dann wurde mir der Einlass verwehrt, mit fadenscheinigen Begründungen. Heute dann ein Anruf: Unser Optionsraum zieht sich zu. Ich kann Uwe nur entweder freikaufen, früher „auslösen“ oder aber einfach sitzen lassen. Anrufen kann ich ihn nicht. Wegen der Wohnung bekomme ich noch Auskunft…hoffentlich bald.

Die Sendung „Menschen und Schlagzeilen“ im NDR wird derweil nicht ausgestrahlt. Zu krass die Nachricht von Uwe’s Inhaftierung, vermutlich passt Uwe’s Leben nun nicht mehr als „Mutmacher der Woche“.

Gleichzeitig jedoch habe ich heute zwei Mutmacher erhalten, zwei Anrufe aus Hamburg: Einen von einem Verein, der seine Hilfe beim Nachtcafé als Träger, sowie Uwe ggf. einen Job anbietet – und einen von der Körberstiftung, die das Update rund um Uwe verständnisvoll aufnahmen. Das ist in diesen Zeiten wichtigste moralische Unterstützung. Ganz wichtig dabei weiterhin: Katharina und Florian aus Hamburg, die an meiner und Uwe’s Seite geblieben sind.

Nun mag das oben vermeldete alles nicht nach tollen Nachrichten klingen. Es bleibt ein Hürdenlauf und die Höhe eben dieser mag schwanken. Und dennoch bleibt es ein Hürdenlauf bergauf. Einer, der anzutreten sich lohnt. Uwe abzuschreiben, weil ihn seine uns bekannte Vergangenheit einholt, kommt für mich jedenfalls nicht in Frage. Einzig auf Eure Unterstützung hoffe ich nun, da ich versuche, dem Gebot des authentischen und transparenten Bloggens treu zu bleiben und nichts zu beschönigen.

Euer Ole…@SocialBlogger.de

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