Schlagwort-Archive: Hamburg Anstiften

Lieblingsrealität vs. Wirklichkeitsflucht

Es ist einer dieser Tage. Dieser Tage an denen weder alles schief, noch alles glatt, sondern alles gewohnt seiner hügeligen Wege geht. Einer dieser Tage, an denen alles zusammenläuft, was so gar nicht zusammen zu passen scheint. 24 Stunden, in denen all das passiert, was man bei einem Kino-Film im Trailer zusammenfassen würde. Der Schatten inklusive Licht.

Ihr wisst – vorausgesetzt, Ihr habt den Blog verfolgt: Uwe hat bei „Hamburg Anstiften“ die 10.000 Euro Startkapital für sein Nachtcafé gewonnen. Gut eineinhalb Wochen ist dies nun her, rund 10 Tage, in denen ich nicht gebloggt habe, weil die Ereignisse selbst mich wieder einmal eingesogen haben, in ihren eigenen Strudel.

Zunächst: Uwe hat gut reagiert. Er freut sich – wie könnte es anders sein – natürlich sehr über den Gewinn. Selbst, so sagt er, hätte er daran nicht mehr geglaubt. Samstag abend nach meiner Rückkehr aus Bonn dann: Ein kleiner Umtrunk mit Freunden von Uwe und mir, Begleitern des Projektes. Uwe steht ein paar Stunden im Mittelpunkt.

Zickzack ist auch vorwärts.

Zickzack ist auch vorwärts.

Ich sichere ihm zunächst zu, dass er jederzeit gehen kann, wenn es ihm unangenehm wird, ihm die Gespräche zu viel, die Neugierde zu anstrengend wird. Doch Uwe bleibt, unterhält sich ausgiebig über mehrere Stunden mit Tobi, Freddie und anderen Gästen. Er berichtet von seinen Plänen, aber auch von den vielen Hürden, die ihm jetzt bevorstehen, jetzt, da die Pläne konkret in die Tat umgesetzt werden wollen – und müssen…

Uwe spricht hinterher mit mir. Gefallen habe ihm der Abend, sehr sogar. Doch er braucht – selbstverständlich – jetzt jede Menge Zeit. Zeit zum „sacken lassen“, zum Verarbeiten. Er ist glücklich – und doch angegriffen, verunsichert. Auf einmal will jemand seine Idee fördern, nach so vielen Jahren. Auf einmal so ein Gewinn – für sein Projekt. Und das jetzt, da Uwe noch immer keine Wohnung beziehen konnte.

Was also ist aus der Wohnung geworden?
Nun, das war Thema unserer vergangenen Woche. Es gibt ein offenes Angebot: Anlauf Nummer 2. Uwe sichert mir zu: Ich melde mich, ich rufe an, ich schaffe das, ich versprech es dir. Doch der innere Schweinehund gewinnt, noch.

Uwe schafft es nicht, allein, dieses Mal. Von Tag zu Tag steigt die Anspannung. In mir, in ihm. Er ist sichtlich traurig, mich enttäuschen zu müssen. Montag dann: Klärung. Uwe weiß, dass er es anpacken kann, will und muss. Er spricht offen über die inneren Sabotagen, die ihn daran hindern, den nächsten Schritt zu gehen, die Vergangenheit, die ihn einholt, von Zeit zu Zeit.

Wir versuchen es gemeinsam… und tatsächlich: Es kostet uns 3 Stunden und etwa 20 versuchte Anrufe, bis wir durchkommen und jemanden erreichen. Heute dann: Der Rückruf beim Hauswart der versprochenen Wohnung. Eine Woche noch dauert es, dann soll die Vormieterin die Schlüssel abgeben.

Eine Woche müssen wir noch warten, dann erneut anrufen, einen Termin ausmachen und dann… endlich Nägel mit Köpfen machen?… Uwe hält sich an seine eigene innere Regel: Erst freuen, wenn es gekappt hat.

Da ich mal wieder auf Reisen sein werde, trifft Uwe heute Katharina, eine liebe Freundin aus der Uni. Katha hat ihr freiwilliges soziales Jahr in einer Drogenberatungsstelle absolviert. Sie kennt sich nicht nur aus, sie hat auch Uwe’s Geschichte von Anfang an verfolgt. Heute lernt sie ihn kennen… und sie fragt ihn das, was ich mich nicht zu fragen getraut habe.

Über Uwe’s tatsächliche Drogenkarriere, seinen Entzug, andere Wege und Möglichkeiten, die Abgründe, die Lichtstreifen am Horizont, den Rausch, den Absturz, die Szene, Berlin, die psychosoziale Beratung. Sechs Monate kenne ich Uwe jetzt. Und doch bricht an diesem Tag eine Lawine an Emotionen über mich herein.

Als wäre es nichts, erzählt mir Uwe plötzlich von seinem damaligen Konsum – und Katha übersetzt für mich, um welche Menge es sich dabei handelt. Mir wird an diesem Tag wieder bewusst, wie weit meine eigene Welt weg ist von dem, was Uwe durchlebt hat, teilweise schon in meinem Alter. Mir wird klar, wie weit weg wir Blogger und Internetnutzer sind von dem, was sich tagtäglich auf der Straße da draußen abspielt. Nicht, dass ich das nicht auch schon gestern gewusst hätte. Aber gefühlt habe ich es erst heute wieder.

Treuer Teddy

Treuer Teddy

Besonders, als Uwe in seine Tasche greift und ein Geschenk hervorzaubert. Einen Teddybären, der ihn seit Jahren begleitet hat. „Der war schon überall in Europa mit mir, seit Jahren.“ Zwölf Menschen, so Uwe, hat er in seinen Armen sterben sehen, wegen „der Scheiß-Drogen“. Mehrere Tausend Euro hat er selbst über die Zeit auf der Straße verloren. Der Teddy aber ist geblieben.

Und der Wille. „Viele Freunde haben mich jetzt fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, weil ich mehr und mehr versuche, aus der Szene auszusteigen, ihnen den Rücken zukehre und nichts mehr mit Drogen zu tun haben will. Viele sagen mir, dass ich das ja sowieso nicht schaffe. Dann gehe ich eben meinen eigenen Weg und die den ihren.

Obwohl seine Spenden längst verbraucht (für Polamidon), seine Wohnung noch nicht da sind – und auch die 10.000 Euro erst verwendet werden können, wenn wir ein tragfähiges Konzept inklusive Partner schaffen, das Uwe auch dann noch zu unterstützen vermag, wenn es ihm gesundheitlich nicht mehr so gut geht…heute war Uwe stärker als ich.

Zu Hause dann die Botschaft von Hamburg-Anstiften: Mit dem Termin zur Preisübergabe dauert es noch eine Weile. Ich antworte, fast erleichtert… denn eine Weile braucht auch Uwe..und auch ich – noch…zum Ankommen – in der neuen Wirklichkeit.

Euer Ole @ SocialBlogger

Vodpod videos no longer available.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit

Uwe’s Traum gewinnt: 10.000 Euro Startkapital!

Jörg Pilawa bei der abschließenden Jury-Sitzung

Jörg Pilawa bei der abschließenden Jury-Sitzung

Manchmal werden Träume eben doch noch wahr. Uwe und ich konnten schon die vergangenen Monate kaum glauben, was da alles passiert ist. So viele helfende Hände, so viel Aufmerksamkeit, so viel seelische und vor allem liebevolle Unterstützung.

Und heute morgen? Da erreicht mich via eMail die freudige Botschaft: Auch die Bewerbung bei „Hamburg Anstiften“ hat geklappt: Uwe erhält für seine Idee des Nachtcafés (gebunden an das Projekt) sage und schreibe 10.000 Euro Startkapital.

Florian, Sandra, Annika, Lu-Yen, Anne, Tom, Daniel, Moritz, Haske, Tobi, Freddie – und ich habe gewiss viele vergessen: Euch allen Danke ich für die Hilfe und Unterstützung, besonders auch in der Bewerbungsphase bei dieser tollen Ausschreibung der Körber-Stiftung.

Hier ist das offizielle Ergebnis: http://www.hamburg-anstiften.de/ergebnisse/partnerschaften_fuer_hamburg.php

Mehr Infos erhalten wir selbst erst in den kommenden Wochen… jetzt muss ich nur noch Uwe erreichen, am Samstag, nach meiner Rückkehr aus Bonn, setzen wir uns dann gleich zusammen und dann heißt es: Auf geht’s, die nächsten Schritte des Nachtcafés können in Angriff genommen werden.

Hamburg Anstiften - das Förderprojekt der Körberstiftung

Hamburg Anstiften - das Förderprojekt der Körberstiftung

… wir halten Euch auf dem Laufenden!

Danke für alles!

Euer Ole @ SocialBlogger – derzeit aus Bonn unter www.climateblogger.org zu lesen.

19 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Social Business

Uwe ist wieder auf der Höhe. Es geht voran!

Liebe Leser, nun ist es schon wieder ein paar Tage her, dass ich von Uwe berichtet habe.
Dafür möchte ich zunächst einmal um Verständnis bitten. Es kamen schon erste besorgte eMails von Uwe’s Fans, die mich fragten, was denn passiert sei und, ob mir die Sache nun doch über den Kopf wachse. Danke dafür und danke, dass Ihr dran bleibt, trotz aller Hürden. Grundsätzlich muss ich an dieser Stelle betonen, dass ich natürlich auch neben Uwe noch ein Leben habe, meine Abschlussarbeit schreiben und einen weiteren Nebenjob bewältigen muss. Insofern verzeiht, wenn ein Blogbeitrag mal einen Tag länger auf sich warten lässt 🙂

Uwe vor der Schneekugel

Uwe vor der Schneekugel

Nun aber ist es wirklich mal wieder Zeit für ein Update, denn das habt Ihr Euch als Unterstützer natürlich auch verdient. Das Wichtigste vorweg: Uwe geht es wieder deutlich besser. Am vergangenen Dienstag, den 3.2., hatte Uwe seinen ersten offiziellen Pressetermin mit einer hiesigen Tageszeitung. Wenn der Artikel erschienen ist, werde ich auch den Namen nennen, zunächst aber nicht 🙂 Jedenfalls war Uwe sehr angetan von der guten Arbeit des Journalisten, der ihn sehr sorgsam und feinfühlig interviewte und eben nichts aus ihm herauszupressen versuchte, wovon Uwe nicht auch von sich aus erzählen wollte.

Seine Reaktion war zunächst ähnlich wie beim letzten Blogeintrag berichtet: Uwe fühlt sich nicht wohl mit dem Gedanken, dass er derzeit nur die Hand aufhält, aber selbst nicht aktiv werden kann. Als dann aber der liebe Redakteur ihn darauf hinwies, dass er gerade Öffentlichkeitsarbeit für sein eigenes Projekt mache und, dass das auch sonst ein anerkannter Beruf sei, leuchteten Uwe die Augen. Inzwischen freundet er sich also damit an, dass es ein bisschen dauert, bis so ein ganzes Café auf die Beine gestellt werden kann und wir zunächst etwas Vorlaufzeit brauchen werden.

Von Dienstag auf Mittwoch war ich dann in Berlin, bei der Berliner Socialbar und habe auch dort von Uwe erzählt. Genauso berichtete ich auch bei einem Seminar zum Thema NGOs in der Uni von Uwes Aktion. Beides gab gutes Feedback und vor allem konkrete Hilfsangebote:

Eine Kommilitonin, deren Namen ich hier nicht weiter nennen möchte, hat viele Jahre ehrenamtlich in der Drogen- und Obdachlosenhilfe gearbeitet und mailte mir noch am selben Tag sämtliche ihrer Ideen und Kontakte, die Uwe helfen könnten, eine Wohnung zu organisieren. Klasse! Auch gab sie mir schnell Einblick, welche Probleme auf Uwe noch zukommen könnten, denn sein Substitut ist offenbar eine ziemlich heftige Chemie-Bombe, die eben auch dazu führen kann, dass es ihm phasenweise mal richtig schlecht geht…alles Dinge, die ich in der Detailgetreue noch nicht wusste. Danke dafür.

Nach der Berlinreise habe ich Uwe dann am Donnerstag vormittag wieder getroffen, also gestern, am 5.2. Uwe strahlte regelrecht und war gut drauf. Vor seinem T-Mobile Shop, an dem er in der Regel einen seiner Sammelplätze hat, gab es eine Art lebensgroße Schneekugel zu bewundern, mit dem T-Mobile Kunden anlocken will – man kann diese besteigen und sich darin fotografieren lassen.

Uwe hatte dies kurzerhand getan, obwohl er weder zur potentiellen Zielgruppe, noch zur Gruppe der Kinder gehörte – und drückte mir nun als Begrüßungsgeschenk und Dankeschön zwei Fotos in die Hand. Eines in der Scheekugel, eines davor… siehe Bilder 🙂 Ich habe mich natürlich sehr gefreut und war wirklich gerührt. Uwe’s O-Ton: „Ich kann dir ja sonst nichts schenken, da ich nichts habe, was du nicht sowieso schon hättest. Aber diese Fotos möchte ich dir als Dankeschön und Andenken geben.“ Danke, Uwe!

-)

Uwe in der Schneekugel 🙂

Auch ganz konkret geht es weiter. Ich werde die nächsten Tagen mit sämtlichen Stellen sprechen und sehen, was man tun kann, um Uwe ein dauerhaftes Dach über dem Kopf zu besorgen. Uwe sagt selbst: „Dann könnte ich Geld sparen, denn endlich könnte ich wieder Essen lagern. Das geht ja auf der Straße so gar nicht, immer muss man teuer Essen gehen und meistens noch ungesund.“

Auch bzgl. des PikAss etc. habe ich Uwe einmal konkret angesprochen und gefragt, warum er diese Möglichkeiten bislang nicht dauerhaft nutzt. Die Antwort war ziemlich deutlich und nachvollziehbar: Dort gibt es Kleiderläuse, es wird ziemlich viel Alkohol getrunken und die anderen Nutzer sind oft noch schwer krank (und ansteckend), z.B. mit TBC – ein weiteres Problem, so Uwe, sei außerdem die Gewalt.

Insgesamt versucht er seit einigen Monaten, sich von „solchen Leuten“ fernzuhalten, um eben nicht mehr in die Abwärtsspirale mit hineingezogen zu werden, sondern den Weg hinaus zu schaffen. Gute Einstellung, finde ich. Es fällt zwar schwer und manche fragen, wo er denn bleibe, aber er hält bislang gut durch. Wichtig ist deshalb auch für Uwe, dass er nicht isoliert ist, sondern „neue“, „andere“ Freunde findet, die ihn nicht wieder runterziehen.

Auch bezüglich des Nachtcafés gibt es konkretere Ideen. Der nächste Schritt: Wir brauchen jemanden, der Ahnung von Business-Plänen hat und so etwas einmal mit Uwe besprechen und durchgehen kann. Wie viel Startkapital brauchen wir, was kosten Räume, was Gastro, wie teuer wäre Personal, z.B. auf 1-Euro-Basis. Wer hier jemanden kennt, bitte melden!

Weiterhin sagte Uwe noch einmal explizit: Auch er selbst ist gern bereit, einen 1-Euro-Job anzunehmen, sobald er einen Wohnsitz hat, um vor allem auch zu zeigen, dass er sich nicht zu schade ist. Er hält 1-Euro-Jobs zwar grundsätzlich nicht für den richtigen Ansatz, denkt aber, dass es ihn erstmal wieder in Arbeit bringen würde und möchte außerdem zeigen, dass er bereit ist, sich einzusetzen und nicht länger rumsetzen möchte. Guter Punkt.

Was das Startkapital für das Nachtcafé anbetrifft: Derzeit könnten wir uns mit dem Nachtcafé bei Hamburg-Anstiften bewerben, denn dort gibt es für Projekte wie das unsere 10.000 Euro zu gewinnen. Einziger Haken: Wir müssen anerkanntermaßen gemeinnützig sein. Das heißt: Wir brauchen entweder einen Verein oder eine Stiftung oder dergleichen, die vom Finanzamt offiziell als gemeinnützig anerkannt ist. Nur so können wir uns bewerben.

Daher die Bitte: Wer von Euch kennt einen Verein, der als Träger bzw. offizieller Rahmen des Nachtcafé-Projektes in Zusammenarbeit mit Uwe diese Bewerbung einreichen würde?

Soweit erstmal von mir… Uwe macht jetzt ein paar Tage Pause und erholt sich von den vielen Eindrücken. Für ihn geht immernoch alles sehr sehr schnell, er ist geradezu erschlagen von der Vielfalt der Rückmeldungen und kann sein Glück bislang kaum fassen. Daher unser Deal: Wir sehen uns erst Montag abend wieder, also am 9.2. Bis dahin hat er nun genug Geld angespart, um unter Dach und mit Essen versorgt zu sein. Dieses Mal gibt es nur Fotos, keine Videobotschaft, denn Uwe brauchte mal Ruhe von der Kamera 🙂
Insbesondere, da er ja bald in der Zeitung steht… und eines darf man nicht vergessen: es geht hier immernoch um Uwe, nicht um uns, nicht um mich und schon gar nicht darum, ihn medial mit aller Macht auszuschlachten. Daher freue ich mich, dass Uwe das so offen anspricht. In seinem „Kurzurlaub“ bis Montag wird er sich auch einen Besuch in Hagenbecks Tierpark gönnen, denn darauf hat er sich schon lange gefreut… ich freue mich und bin gespannt und zuversichtlich auf baldige, weitere Schritte…

Euer Ole alias Socialblogger

dankt Euch allen für die Mithilfe.
btn_donatecc_lg

PS: Unter Navigationspunkt „Aktion-Uwe“ findet Ihr in Kürze eine Auflistung aller bisherigen Spender und Förderer mit Vornamen und erstem Buchstaben des Nachnamens. Wer sich hier nicht lesen möchte, bitte kurze mail an mail (at) socialblogger.de – danke!

4 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Obdachlosigkeit