Schlagwort-Archive: Körber Stiftung

Ein Jahr Uwe.

Einer der guten Tage mit Uwe, im Spätsommer 2009

Ein Jahr genau ist es her, dass Uwe und ich uns über den Weg gelaufen sind. Vor einem Jahr genau fragte mich Uwe in der Fußgängerzone Hamburgs nach ein bisschen Kleingeld, um sich zu seinem angeblich 50sten Geburtstag eine Nacht unter Dach leisten zu können.

Heute, rund 365 Tage später, friere ich in Berlin, bei rund -11 Grad Celsius – und realisiere zu dieser Sekunde, dass Uwe drinnen schläft, im siebten Stock. Mit Blick über Hamburg. Täglich dreht er seine Runden, so erzählt er mir gestern am Telefon, aber jeden Tag werden es ein paar mehr Minuten, die Uwe in seiner eigenen Wohnung verbringt. „Ich gewöhne mich Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen mehr.“

Seine Hartz-IV Zahlungen hat Uwe inzwischen aus eigener Initiative auf zwei Zahlungen im Monat umgestellt. Aus Selbstschutz. Damit das Geld nicht gleich am Monatsanfang alles auf einen Schlag verbraucht ist. Ich erinnere mich an die vielen Gespräche, das „Uwe auf den Pott“-Setzen müssen im Herbst letzten Jahres. Uwe hatte seinerzeit angeblich kein Geld vom Amt bekommen und mich wieder und wieder um finanzielle Unterstützung gebeten. Später musste er zugeben, dass das Verwalten von eigenem Geld ihm einfach sehr schwer fällt, alles von der Hand in den Mund passiert… und das bei dem Leben auf der Straße eben normal sei, im täglichen Kampf.

Das Geld war angekommen, aber binnen weniger Tage ausgegeben.

Vieles hat sich geändert in Uwe’s Leben. Vieles auch in meinem. Ich möchte fast behaupten, Uwe hat meines mindestens ebenso geändert, wie unsere Bekanntschaft das seine. Ein Urteil möchte ich nicht wagen. Manchmal ist es mir gar selbst unheimlich, was alles passiert ist in der Zwischenzeit.

Und auch Uwe erwähnt das immer wieder. „Ich krieg das alles nicht mehr zusammen, wie das alles kommen konnte. So schnell. So plötzlich. Wenn ich mir vorstelle, wie das verlaufen ist. Ich weiß einfach nicht mehr genau, wann was war.“ Vielleicht ist „Wissen“ auch einfach nicht so wichtig in diesem Fall. Am Dienstag fahre ich mal wieder nach Hamburg. Uwe ist gut drauf derzeit. Morgen muss er zwar Sozialstunden antreten, aber immerhin: Er kümmert sich darum.

Die Zeit nach der Auslösung aus dem Gefängnis hat er gut rumgekriegt. Anna, eine neue Helferin, die sich auch beim Verein MillionWays e.V. engagiert, sieht Uwe regelmäßig. Florian, Katharina, Claudia, Rainer und Martin sind außerdem dabei und helfen Uwe, wo sie können und ihr Lebensalltag es zulässt. Ich fühle mich weit weg, manchmal, hier in Berlin. Überall werde ich nachwievor auf Uwe angesprochen. Zuletzt bei einer Veranstaltung namens „Fundraising 2.0 Camp“… und auch bei einem Workshop für die Caritas.

Verrückt ist das. Eigenartig, immernoch, jeden Tag. Wie aus einem simplen Gespräch mit einem Menschen auf der anderen „Seite“ des Lebensgleises der womöglich prominenteste Obdachlose – zumindest mal in Hamburg und im deutschsprachigen Internet – werden konnte. Grotesk fast, dass eine Aktion im Internet genügt, um so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nicht selten bin ich überfordert, weiß nicht so recht, wie ich diese Erfahrung einordnen soll.

Uwe ist so sehr zum Freund geworden, dass ich den anfänglichen „Projektcharakter“ der Aktion Uwe längt vergessen habe, ja, mehr noch, ihn selbst nicht mehr so recht als solchen sehen kann. Klar. Da gibt es noch immer das Nacht-Café, den Traum, das gewonnene Geld, die „Aktion-Uwe“ eben. Und dennoch: Wenn ich Uwe so höre, am Telefon, ihn sehe in Hamburg… dann tritt all das in den Hintergrund.

Dann muss ich mich fast selbst daran erinnern, dass es jetzt ja weitergehen muss, denn schließlich haben wir mit dem „eigentlichen“ Projekt noch gar nicht so recht anfangen können. Und dann muss ich schmunzeln, wenn Uwe mich aus der Spitalerstraße anruft und mir erzählt: „Du Ole, mir frieren die Hände am Handy. Ich glaube, ich gehe jetzt mal nach Hause und leg mich in die warme Badewanne.“

Dienstag, Uwe, sehen wir uns. Ich freu mich drauf.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe

Uwe’s Update erneut im Hamburg Journal

Knapp fünf Monate nach dem ersten Beitrag im NDR Hamburg Journal folgt hier ein kleines Update – zu dem Zeitpunkt des Drehs hatte Uwe noch keine Wohnung, zum Zeitpunkt der Ausstrahlung – wie Ihr wisst – hat es geklappt. So schnell kann es gehen. Im Beitrag seht Ihr vor allem die Preisverleihung der Körber-Stiftung bei unserem Partner Globetrotter, sowie unser erstes Gespräch bei der SAGA, das nun doch zum Erfolg geführt hat…schöner Beitrag, wie ich finde…
Vodpod videos no longer available.

more about „Uwe erneut im Hamburg Journal„, posted with vodpod

Euer Ole @SocialBlogger

3 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe

Zwischenbilanz und Grenzen

Was soll ich sagen, wie beginnen? Es ist ein Weilchen her, dass Ihr von Uwe via Videobotschaft gesehen habt – und wie Ihr merkt, hat sich einiges geändert. Bild und Video, das muss ich dazu sagen, sind beide heute entstanden, nur wenige Minuten auseinander, dennoch wirkt Uwe, so zumindest mein Eindruck, ganz verschieden.

Zunächst schnappte er sich meine Sonnenbrille mit den Worten „Uwe im Sommerlook“, auf dem Video dann schien es fast, als spüre er den Erwartungsdruck, der auf ihm liegt. Jetzt, da er bei der Körber-Stiftung/Hamburg Anstiften (oder „Hamburg stiftet“, wie er es hier nennt) gewonnen hat; jetzt, da er eigentlich, so könnte man meinen, genug Unterstützung erhält, um ein paar große Schritte nach vorne zu gehen.

Was die meisten von Euch vielleicht auf den ersten Blick erschrecken mag: Uwe lässt sich derzeit wieder eher einen Vollbart wachsen… das ist aber nur die äußere Erscheinung. Tatsächlich haben wir uns beide heute eigentlich zu einem kleinen „Krisengespräch“ getroffen, denn Uwe muss zur Zeit mächtig kämpfen, vor allem mit unnötigen Hürden und nicht zuletzt: sich selbst.

Ich will nichts beschönigen: Heute war einer der Tage, an denen selbst ich einmal verzweifelt und auch ein bißchen wütend auf Uwe war– so kam er zunächst nicht zu unserer morgendlichen Verabredung, das frühe Aufstehen war vergebens. Und dennoch: Führen wir dann eines dieser „Rund-Um-Gespräche“, ist Uwe wieder erstaunlich bei sich, fasst alle anstehenden Baustellen zusammen, schreibt sich eine Liste der ToDos für die nächsten Tage auf und zieht von dannen, als wäre zuvor nichts gewesen.

Es ist eine Menge, was wir heute besprechen: Spendenquittungen, Dankesbriefe, Schulden (bei mir und anderen von ausgelegten Spenden), der weitere Plan bei der Reduktion seines Substitutes, die Wohnung, das Café… und ein Schnuller, den Uwe an seinem Schlüsselbund trägt, noch aus seiner Kindheit. Kurz flucht Uwe, als er mir seinen neuen Schlüssel zeigt: 300.000 Euro, so Uwe, habe man wohl in eine neue Schließanlage im Pik-Ass investiert – jetzt mit Magnetchips und allem Drum und Dran… kaum vorstellbar, aber doch möglich? Wenig später nimmt er sich meinen Kuli und notiert: „Morgen, gegen 13 Uhr, Treffen mit Ole bei Hinz und Kunzt, dann Abfahrt zur Preisverleihung, danach: sehen wir weiter.“

Uwe in Sommerlaune

Uwe in Sommerlaune

Es ist eine Ruhe in ihm, die mich immer wieder verblüfft, eine Gelassenheit gegenüber allen Wogen und Wellen seines Lebens, als würde es ihm geradezu Spaß machen und einfach dazu gehören, darauf zu surfen.

Morgen also zunächst: Die Preisverleihung bei Globetrotter, unserem Unternehmenspartner bei Hamburg-Anstiften. Freitag dann ein Treffen mit Katharina zur Planung, wie es genau weitergehen kann- mit dem Café, der Wohnung.. und zu allererst: Uwe.

Und nächste Woche: Termin bei der SAGA, erneut. Dieses Mal aber: Ein privater Kontakt, mit viel „bitte“ & Hoffnung auf den guten Willen zu etwas, das Uwe eigentlich schon lange zusteht..

In just diesem Moment weiß ich selbst nicht mehr, was ich fühlen, was ich denken, was ich planen soll. Sind wir jetzt auf dem richtigen Weg? Dauert es einfach etwas länger? Die Phase der Konsolidierung trittt jetzt ein, ein neuer Abschnitt, einer, bei dem es auf Umsetzung und ruhiges Tun ankommt – weniger auf Spenden sammeln und Marktschreier-Qualitäten. Also Uwe, dann packen wir’s mal an, was da jetzt kommt…

Ach ja, um Missverständnissen vorzubeugen: Tatsächlich bekam ich heute Besuch von meinem Vater, der während des Drehs des Videos hinter uns erschien – und so endlich einmal Uwe kennenlernte 🙂

… weiter geht’s… wie: das finden wir raus.

11 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe

Uwe’s Traum gewinnt: 10.000 Euro Startkapital!

Jörg Pilawa bei der abschließenden Jury-Sitzung

Jörg Pilawa bei der abschließenden Jury-Sitzung

Manchmal werden Träume eben doch noch wahr. Uwe und ich konnten schon die vergangenen Monate kaum glauben, was da alles passiert ist. So viele helfende Hände, so viel Aufmerksamkeit, so viel seelische und vor allem liebevolle Unterstützung.

Und heute morgen? Da erreicht mich via eMail die freudige Botschaft: Auch die Bewerbung bei „Hamburg Anstiften“ hat geklappt: Uwe erhält für seine Idee des Nachtcafés (gebunden an das Projekt) sage und schreibe 10.000 Euro Startkapital.

Florian, Sandra, Annika, Lu-Yen, Anne, Tom, Daniel, Moritz, Haske, Tobi, Freddie – und ich habe gewiss viele vergessen: Euch allen Danke ich für die Hilfe und Unterstützung, besonders auch in der Bewerbungsphase bei dieser tollen Ausschreibung der Körber-Stiftung.

Hier ist das offizielle Ergebnis: http://www.hamburg-anstiften.de/ergebnisse/partnerschaften_fuer_hamburg.php

Mehr Infos erhalten wir selbst erst in den kommenden Wochen… jetzt muss ich nur noch Uwe erreichen, am Samstag, nach meiner Rückkehr aus Bonn, setzen wir uns dann gleich zusammen und dann heißt es: Auf geht’s, die nächsten Schritte des Nachtcafés können in Angriff genommen werden.

Hamburg Anstiften - das Förderprojekt der Körberstiftung

Hamburg Anstiften - das Förderprojekt der Körberstiftung

… wir halten Euch auf dem Laufenden!

Danke für alles!

Euer Ole @ SocialBlogger – derzeit aus Bonn unter www.climateblogger.org zu lesen.

19 Kommentare

Eingeordnet unter Aktion Uwe, Social Business