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Wie Handys die Welt verbessern

London is calling… again. Dieses Wochenende hat es mich wieder an die Themse verschlagen, dieses Mal zum „Mobile Tech 4 Social Change Camp“ im Bürogebäude von Vodafone.

Interessant: Während sich in Deutschland die meisten NPOS/NGOs noch mit der Frage beschäftigen, was dieses mysteriöse „Web 2.0“ überhaupt ist und wann und ob man sich damit überhaupt befassen sollte, diskutiert nur eine Flugstunde weiter die Charity-Szene UKs bereits über den Einsatz mobiler Endgeräte für soziale Zwecke.

Mobile4Social Change Camp

Mobile Tech 4 Social Change Camp

Was auf den ersten „Hör“ wie ein Nischenthema klingen mag, war Anlass genug für eine Konferenz, die neben London auch in Washington, New York, Kapstadt und vielen anderen Orten regelmäßig zwischen 50 und 200 fachkundige Besucher anzieht. Auch für mich hat sich der Besuch der britischen Hauptstadt gelohnt, denn von Fundraising via „Micro-Giving“ (das Spenden von Kleinstbeträgen mit dem Handy) bis hin zu „Citizen-Journalism“ und Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen im Gaza-Streifen durch Handy-Fotos wurde wirklich fast jede nur denkbare Form des Einsatzes besprochen, die zu positivem sozialen Wandel potentiell beitragen könnte.

Die Teilnehmer mischten sich derweil zusammen aus NGO-Experten wie Karina Brisby von Oxfam GB und Experten für mobile Applikationen wie Terence Eden von Vodafone. Auch eine ehemalige britische Diplomatin war unter den Teilnehmern: Sie hatte selbst bereits versucht, im Sudan mit Handys für Aufklärung zu sorgen – und ernüchternde Berichte mitgebracht.

Wildes Workshoppen...

Wildes Workshoppen...

Kurzum: Fantastische Ideen und Brainstormings (insbesondere der jungen, unbedarften Teilnehmer) mischten sich gestern mit geballter Praxis-Erfahrung von NGO- und EZ-Korifäen zu durchaus brauchbaren Lösungsansetzen. Auch für meine eigene Idee einer schön visualisierten Klimawandel-Landkarte für Effekte, Betroffene und Lösungsoptionen des globalen Klima-Problems konnte ich in einer eigenen Session jede Menge Feedback und Kontakte sammeln.

Der Besuch hat sich also gelohnt. Nächste Woche geht es dann weiter mit verschiedenen Treffen, u.a. mit den Machern von OneClimate.net, mit Hugh von HelpTheAged, und Robin von Headshift.

Ich bin gespannt… und freu mich über die Sonne in London…wenngleich ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass dieses Wahnsinns-Wetter schon ein erstes Beispiel der globalen Erwärmung ist…

Da fällt mir ein: Ab Montag, den 1. Juni blogge ich übrigens unter www.climateblogger.org und www.adoptanegotiator.org über die UN Klimakonferenz in Bonn… ich freue mich wie immer über Euer Feedback und rege Beteiligung.

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NPO-Blogparade Nr.3 – Zusammenfassung

Am 15.12. stellte ich meine erste Frage an die NPO-Blogparade und forderte diese auf, einmal gemeinsam die Kehrseiten des Web 2.0 Hypes, insbesondere für den Non-Profit-Sektor, zu beleuchten. Nun steht – endlich – die Zusammenfassung dieser dritten Runde der NPO-Blogparade an.

Ausgangspunkt meiner Fragestellung war die Beobachtung, dass das Thema Web 2.0 und Social Media allenthalben fast ausschließlich positiv beleuchtet, oder aber ignoriert wird. Auf der einen Seite haben wir also die Early-Adopters bzw. die Innovations-Agenten, die versuchen, das Thema (auch aus kommerziellen Interessen heraus) voranzutreiben; auf der anderen Seite stehen dem meist unbedarfte, weniger internetaffine Old-School-Profis gegenüber. Gerade im Non-Profit-Bereich haben wir es oft mit alten, verkrusteten und sehr hierarchischen Strukturen zu tun, so nicht nur meine Beobachtung, sondern auch die sämtlicher Kollegen aus den Bereichen des Fundraising.

Klar ist, dass eine hierarchische, kontrollierende Organisationsstruktur zur Anwendung von Web 2.0 Applikationen (jedenfalls so, wie diese gedacht sind) nicht wirklich passt. Klar ist auch, dass sich jene, die sich an das „Alte“ gerade so gut gewöhnt haben, gegen alles Neue zunächst wehren werden.

Fraglich ist aber: Was ist dran an dieser Abwehrhaltung und der Kritik, die sich nur selten wirklich Gehör verschaffen kann angesichts der vielen Pro-Stimmen und des Heiligenscheins, der Schlagwörter wie „Social Media“ fast schon umgibt?

Was passiert mit den klassischen Funktionsweisen im Non-Profit-Sektor, wo liegen die Haken und Herausforderungen beim Einsatz von Social Media in diesem Bereich?

Insgesamt gab es 6 Rückmeldungen auf meine Frage (nachdem eine Verlängerung der Frist durch die Feiertage nötig geworden war, rieselte es doch noch jede Menge Antworten…).

Den ersten Beitrag steuerte Foulder bei auf seinem Blog „Die wunderbare Welt… In Chiffren und Zeichen“.

Am Beispiel von Wikipedia verdeutlicht er, dass die kollektive, kollaborative Intelligenz, die dabei zum Tragen kommt für eine Non-Profit-Organisation nicht immer zu für das Image der Organisation positiven Ergebnissen führen muss und, dass die Logik des freien Miteinander durchaus auch gegen unser bisheriges Verständnis von Copyright, geistigem Eigentum und organisationaler Ziel- und Entscheidungsfindung verstoßen kann.

Dies liegt laut Foulder vor allem auch an der dezentralen Speicherung der Daten, denn sind die Informationen erst einmal außerhalb der organisationalen Kontrolle erstellt und gespeichert, bleiben sie auch länger im kollektiven Gedächtnis des Internets – ob die NPO das nun will, oder nicht.

Mit dem Soziologen (danke!) Niklas Luhmann bringt Foulder dies auf den Punkt: Ist eine Information einmal im Netz bekommt man sie da nicht mehr so einfach raus, denn sie verändert sie „die Möglichkeiten, ein soziales Gedächtnis einzurichten, das von den […] einzelnen Menschen unabhängig ist“.

Dazu nennt er ein paar Beispiele:

http://www.heise.de/newsticker/Literaturagentin-klagt-gegen-Wikipedia–/meldung/107428

http://www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,398453-2,00.html

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,590643,00.html

Auf die Frage, ob und wie dieses Kontroll-„Problem“ gelöst werden könne, antwortet Foulder schlicht und ergreifend mit „Gar nicht“ – Entweder, man lässt sich auf die freiheitliche Eigendynamik von Blogs und Wikis ein (nimmt daran teil) und ist selbst entsprechend transparent, oder man sieht diesen Zug an sich vorbei fahren…so seine kurze und knackige Einschätzung.

Die zweite Antwort folgt sogleich von Christian Henner Fehr, unserem österreichischen Kulturmanagement-Experten auf seinem Kulturmanagement Blog. Christian warnt vor allem vor überzogenen Erwartungshaltungen. Viele Einrichtungen gingen mit der Einstellung an das Thema Web 2.0 heran: „Wir fangen jetzt mal mit dem Web2.0 an und in zwei Monaten sind wir berühmt.“, während Erfolgsstorys wie die des Fotoblogs The Big Picture, dessen 98 Blogposts seit dem 1. Juni 2008, also in sieben Monaten, ca. 35 millionenfach betrachtet und mit 55.000 Kommentaren versehen wurden in der Realität eher die Ausnahme bildeten.

Weiterhin fehle oft, so Christian, die Strategie und eine klare Zielformulierung. Die Web 2.0-Angebote verlocken oft dazu, einfach mal loszulegen, da sie zunächst einmal kostenlos sind. Dies verlockt zu übereifrigem, blinden Aktionismus – Opportunitätskosten, die durch den hohen Zeitaufwand entstehen, bleiben dabei oft unberücksichtigt, ebenso die Folgekosten, die durch falsche Anwendung und entsprechende Rufschädigung entstehen können.

Günter Bressau hat ebenfalls auf die dritte Runde der NPO-Blogparade geantwortet und hat einen meiner Punkte (Zweckentfremdung von „alten“ Medien und Kulturinstitutionen wie z.B. dem Museumsbesuch) in Frage gestellt. Seiner Ansicht nach kann das Social Web hier eher unterstützend wirken und den eigentlichen Museumsbesuch nie ersetzen. Meine Anmerkung an dieser Stelle: Wird nicht der Museumsbesuch vielleicht in seiner Qualität dennoch verändert, wenn zukünftig Menschen via iPhone über die Mona Lisa bloggen und twittern, anstatt sie in Ruhe zu betrachten? – empirisches Material haben wir leider beide noch nicht finden können….

Weiterhin nennt Günter viele gute, positive Beispiele für das Kreativpotential von Crowdsourcing-Ansätzen, d.h. der Nutzung der Schwarmintelligenz für Innovations- und Gestaltungsprozesse. Darunter vor allem auch die mir bislang unbekannte Lego Factory.

Im Anschluss an Foulder’s Hinweis auf die Notwendigkeit zur Transparenz macht Günter auf den interessanten Blog von Jeremiah Owyang aufmerksam, der sich mit der Vertrauenswürdigkeit von Corporate Blogs befasst.

Besonders gefreut habe ich mich auch über den Beitrag von Gerald Czech, der nicht Berater, sondern NPO-Insider ist und derzeit die Web 2.0-Strategie für das Rote Kreuz in Österreich umsetzt und weiterentwickelt. Neben dieser hauptamtlichen Tätigkeit bloggt Czech auch aus soziologischer Perspektive über unser Thema (ich erwähne immer meine Freude über Soziologen, da ich selbst einer bin :-).

Nicht ganz einfach formuliert, dafür aber inhaltlich umso interessanter, meint Czech, dass die Tools des Web 2.0 „bestenfalls die bewährten Systeme ergänzen und klassische Kommunikation auf eine andere Ebene heben, also im Sinne Luhmanns anschlussfähig machen. Aber Achtung – genau das kann auch zu einer Abkopplung des Web2.0 Bereichs und laufender Anschlusskommunkation und konstruktivistischer Selbstdefinition des Kommunikationsversuchs als selbstreferentielles Subsystem führen, das lediglich im (auch nicht viel mehr externen) Web 2.0 rezipiert wird.“.

Auf gut Deutsch: Aus einer schlechten Story wird auch durch das Web 2.0 keine gute, vielmehr kann sich der Effekt von Social Media auch auf negative Art und Weise verselbständigen. Weiterhin erwähnt Czech auch den wichtigen Aspekt des so genannten „digitalen Grabens“, also die bisherige Unterversorgung vieler Bevölkerungsgruppen in Bezug auf den Internetanschluss, insbesondere solche, die oft zur Zielgruppe der freien Wohlfahrtspflege gehören, wie bspw. Senioren.

Auch Brigitte Reiser, unsere geschätzte Blogger-Kollegin und Initiatorin der Blogparade, geht auf diese organisationsseitigen Probleme der Web 2.0 – Nutzung ein und fasst diese unter den Überschriften „Verlust an Intimität“, „Sichtbarwerden von Beziehungen“, „Angst vor dem Fremden“, „öffentliche Kritik“ und letztlich „Die Folgen für die Organisation“ gut zusammen. Eigentlich wird an diesen Punkten schon deutlich, worauf Dr. Reiser anspielt: Wer es mit der Nutzung von Social Media als Non-Profit-Organisationen ernst meint, der muss diese auch in ihrer Gänze ernst nehmen. Das erfordert Zeit, Offenheit und keine Angst vor Kontrollverlust, denn dieser geht in jedem Fall damit einher.

Pro-aktives Handeln ist für NPOs also angesagt: Statt sich darauf auszuruhen und darüber zu beschweren, dass viele der Klienten von NPOs noch keinen Internet-Zugang haben, sollten NPOs laut Reiser im Gegenteil eben diese Klientel dazu befähigen, das Internet aktiv zu nutzen, um so besser auf bestimmte Dienste zugreifen zu können und von diesen nicht mehr ausgeschlossen zu sein.

Auch Karin Janner schätzt die Chancen, die Social Media Tools bieten (in ihrem Fall insbesondere für Kultureinrichtungen) eher positiv ein und nennt Tipps und Hinweise, wie sich die damit verbundenen Risiken minimieren lassen, insbesondere in Bezug auf Spam, falsch platzierte Nachrichten in Blogs und den Umgang mit Kritik, die tatsächlich auch erwartet werden muss.

Trotz aller Kehrseiten, die das Internet und das Web 2.0 im Besonderen bereithalten, können wir also zusammenfassend beobachten, dass es keinen Weg zurück zu geben scheint. Die ersten NGOs engagieren sich bereits sehr stark im Netz, so z.B. Oxfam in Großbritannien und das Rote Kreuz in den USA. Auch die Zahl der freien Internetplattformen für soziales Engagement (auch ohne NGOs und NPOs) wie Helpedia, betterplace.org und kiva.org wächst stetig.

Und andere werden folgen – oder, ob der Erwartungen ihrer Anspruchsgruppen, folgen müssen. Nicht zuletzt wird, insbesondere in entwickelten Industrie-Nationen auch der digitale Graben „sich auswachsen“, denn schließlich sind wir alle (zumindest alle meiner Generation) mit dem Internet aufgewachsen und werden nicht aufhören, dieses zu nutzen, nur, weil wir auch eines Tages 60 sind.

Reiser zitiert in diesem Zusammenhang Li/Bernoff mit den Worten: “You cannot ignore this trend. You cannot sit this one out (…) You may go a little slower or a little faster, but you have to move forward.”

Dennoch möchte ich an dieser Stelle noch selbst eine Kehrseite benennen, ganz ohne weitere Erläuterung. In diesem Artikel geht es vor allem um Auswirkungen ganz anderer Art auf unsere Kultur und unser Verständnis von seltenen Gegenständen – auf jeden Fall lesenswert.

Weiter geht’s jetzt mit NPO-Blogparade Nr. 4, bei Christian Henner-Fehr: Dieses mal werden Tipps und Tricks für Online-Fundraising gesucht… und sicherlich auch einige davon wieder gefunden 🙂 Ich freue mich auf die nächste Runde.

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