Schlagwort-Archive: Sierra Leone

Letzte Nachricht aus Sierra Leone

Nun, liebe Freunde und Interessierte…dies ist die letzte Nachricht aus Sierra Leone, denn mein letzter Tag im Büro geht seinem Ende entgegen und schon morgen abend befinde ich mich auf dem Rückflug nach London. Ich werde vielleicht noch einen abschließenden Bericht einstellen, wenn ich daheim die Zeit finde, vielleicht aber auch nicht.

Das Oster-Wochenende in Lakka war wunderschön, aber auch sehr bewegend. Mit Cosmos, dem einer der Bungalows gehört, und Nelson, einem der Fischermen, war ich beim Busch-Boogie tanzen, dann in einem kleinen Boot fischen….mit George, dem UN-Kumpel, gab es reichlich Hummer und Barracuda zu verspeisen…und die Sonne hat mich auch verwöhnt. Am Montag dann gab es eine riesen Party…1000de von Leuten kamen aus Freetown an den Strand von Lakka, jeder tanzte mit jedem und alle konnten für ein paar Stunden die Armut und die Sorgen vergessen – oder im Alkohol ertränken. Umso trauriger war der Abschied. Die Jungs hier sind mir wirklich an’s Herz gewachsen… und mit jedem „See you soon“ wird mir deutlicher, dass das so soon wohl nicht sein wird.
Wir tauschen eMail-Adressen und Handynummern – aber wie viel wird man sich nach zwei, drei Monaten noch zu sagen haben? „Na, heute guten Fisch gefangen?“… das reicht auf Dauer nicht, um eine Freundschaft aufrecht zu erhalten…oder?….

Heute wird es noch deutlich schlimmer, denn der Abschied von meiner Gastfamilie rückt näher. Mein Gastvater Ben besucht mich im Büro und in einem letzten Anlauf versuche ich, ihm meine Kollegen vorzustellen, damit er vielleicht in absehbarer Zeit einen Job bei Oxfam bekommen kann, wenn es das Schicksal gut mit ihm meint. Ich drücke ihm noch etwas Geld in die Hand von dem letzten kleinen „Stipend“, das mit Oxfam gezahlt hat, wenigstens genug für einen Sack Reis. Aber mir laufen jetzt schon die Tränen. Ich freue mich auf zu Hause. Auf das, was ich mein zu Hause nenne. Aber hier ist auch schon zu Hause. Hier habe ich auch das Gefühl von Familie bekommen…ganz anders zwar, aber doch schön. Und ich lasse die Liebgewonnenen zurück in ihrer Situation, machtlos, irgendetwas daran zu ändern.

Mir fehlt heute auch die Kraft, um viel mehr zu schreiben, denn ich weiß nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Wie kann ich in Hamburg normal weitermachen, wieder Anschluss finden?… jetzt erst einmal London, wo ein Starbucks-Kaffee mehr kostet, als ein Durchschnitts-Sierra Leoner hier am Tag verbrauchen kann.

Na dann, auf gehts…. danke für Eure Aufmerksamkeit 🙂

Ole

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Sierra Leone

Über Stock und Stein – Rückreise aus Kailahun

Um 7 Uhr morgens sollen wir vom Fahrer abgeholt werden, um unsere Heimreise nach Freetown anzutreten. Ich bin ohnehin schon verkatert von einer viel zu kurzen Nacht, als ich feststelle, dass wir heute Morgen weder Strom, noch Wasser haben, um Kaffee zu trinken oder wenigstens Zähne zu putzen.
Wir warten geschlagene zwei Stunden bis endlich der Landcruiser der 50/50 Group auftaucht. BMT nennt sich das hier: Black Men‘s Time. 07:00 Uhr BMT entspricht also 09:00 Uhr GMT. Interessant.

Und damit nicht genug. Das Auto ist vollkommen überladen, auf dem Dach ein altes Bett und ein paar Container mit undefinierbarem Inhalt, Brennholz und Gepäck – und jetzt kommt’s: Im Auto selbst sitzen sämtliche Teilnehmer des Workshops, natürlich ohne Ankündigung.

Florie schaut mich an und verdreht die Augen. Irgendwann finden wir mit viel Mühe ein paar Zentimeter Sitzplatz – das Ergebnis: Ich bin in einem 4×4 einer Frauenbewegung, gedacht für maximal 7 Passagiere mit 10 Frauen, einem verzweifelten Fahrer und zwei Hühnern, die an den Füßen zusammengebunden im Kofferraum vor sich hinschnattern. Wobei das im Schnattern meiner Beifahrerin locker untergeht. Ich nehme es zunächst mit Humor, viel anderes bleibt mir wohl auch kaum übrig. Und irgendwie ist es ja auch genau die Situation, die man sich auf einer Reise wie meiner für einen schönen Blogeintrag wünscht 🙂

Allerdings schlafen mir nach gut drei Stunden Fahrt die Beine ein, da ich völlig eingeklemmt neben 3 echten Kampfgeschossen sitze, deren Hinterteile die Maße eines 50kg Sackes Reis um Längen und Breiten schlagen – und in jeder Pfütze biegen sich die Stoßdämpfer hör- und spürbar unter uns. Ich liege teilweise mit 45 Grad Winkel an die Scheibe gepresst und stelle mir bildhaft einen Artikel in der Hamburger Morgenpost vor: „Soziologie-Student der Uni Hamburg unter 10 Frauen in afrikanischer Pfütze begraben. Nachforschungen zeigen: Er hatte Gender-Studies zu oft geschwänzt.“ Die Lage ist im wahrsten Sinne des Wortes: Erdrückend.

Auch Fahrer Augustin ist sichtlich gestresst – die Damen behandeln ihn teilweise wie einen Hund – die umgedrehte Hierarchie wird genossen und genutzt. Ich versuche ihn immer mal wieder zu beschwichtigen und mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Stück für Stück laden wir schließlich die Damen aus – ein paar in Kenema, ein paar weitere in Bo. Ich nutze die Gelegenheit, um mir ein paar Kochbananen und Mangos zu kaufen, als ein kleines Mädchen mir gleich die passende Notfalllösung anbietet: Rehydrationspulver nach Durchfallerkrankungen. Ein komisches Bild, aber so inspirierend, dass wir kurz vor Freetown dann tatsächlich nochmal eine Pinkelpause einlegen.

Ich gebe mich großzügig und lade Florie auf eine Runde „Pipimachen“ ein. Klingt zwar komisch – doch in der Tat – big biznes kostet hier 200 Leones, small biznes 100 Leones. Ich habe gerade noch etwas Kleingeld – so machen wir alle ein gutes Geschäft. Unter anderen Umständen hätte man sich vielleicht auf einen Drink eingeladen, aber gut…

Irgendwann fährt Fahrer Augustin plötzlich links ran, denn auf der Straße feilbietet jemand eine Art Waschbär zum Kauf bzw. Verzehr an. Doch als er näher hinschaut, entscheidet er sich ganz schnell gegen den Kauf. Der Grund: Diese Tiere essen menschliche Überbleibsel und ernähren sich quasi auf Friedhöfen. Gut, ich sehe ein, das will man nicht unbedingt selbst essen.

Gegen 19 Uhr sind wir dann endlich in Freetown, eine Stunde später werde ich vor den Sicherheitstoren meines Apartments abgesetzt, gerade zum rechten Zeitpunkt, denn Glenn öffnet soeben eine Flasche Wein – und die schlägt ein, denn gegessen habe ich heute fast gar nichts.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Sierra Leone